10 Jahre lang vom Nachbarn missbraucht: Meine Familie und die Ärzte sahen weg

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Ich bin fünf Jahre alt, und seit einigen Monaten gehe ich jeden Mittag zu Onkel Heinz und Tante Frieda. Es war Omas Idee. Bislang hat sich Opa immer um mich gekümmert. Aber er hatte Krebs und war sehr lange krank. Jetzt ist er gestorben.

Deshalb ist niemand mehr zu Hause, der auf mich aufpassen kann. Oma arbeitet in den nahe gelegenen Harzer Werken, einer Fabrik für Motorentechnik. Sie ist dort in der Küche. […] Gern wäre ich auch zu meinen Eltern gegangen, die nur fünf Gehminuten vom Kindergarten entfernt wohnen. Aber Mama und Papa haben keine Zeit für mich. Mama putzt in einer Firma in Halberstadt, und Papa ist Pferdepfleger auf einem Gehöft hier in der Nähe.

„Du bist jetzt unsere Tochter!“

Ich mag Heinz und Frieda. Bei ihnen ist das Leben schön. Sie schreien mich nie an, und die Zeit mit ihnen vergeht wie im Flug. Sie selbst haben keine Kinder und sagen immer: „Du bist jetzt unsere Tochter!“

Ich freue mich riesig darüber. Oft träume ich davon, für immer bei Heinz und Frieda bleiben zu können, weil sie einfach so lieb zu mir sind. Außerdem besitzen sie ein wunderschönes Haus, in dem alles hell und sonnig ist und nicht so muffig wie bei Oma.

„Schlafen, jetzt? Ich bin gar nicht müde“

Onkel Heinz möchte jetzt, dass wir uns mittags immer alle hinlegen und einen Mittagsschlaf machen.

„Nach dem Essen ist man müde, Prinzessin. Da legen wir uns alle etwas hin. Wir machen ein bisschen die Augen zu, entspannen, und anschließend gibt es dann leckeren Kakao und ein tolles Stückchen Apfelkuchen, in Ordnung?“

„Schlafen, jetzt? Ich bin gar nicht müde“, erwidere ich wie aus der Pistole geschossen. Aber dann fällt mir ein, dass wir im Kindergarten nach dem Essen ebenfalls schlafen müssen.

Heinz und Frieda schlafen getrennt. Er hat sein Zimmer im ersten Stock, direkt neben dem Bad, und Frieda schläft in einem Zimmer neben der Küche. Es ist ganz klein, nur mit einem schmalen Bett und einem Kleiderschrank möbliert. Aber Frieda gefällt es. „Es ist mein eigenes kleines Reich“, betont sie. „Da sehe und höre ich nichts von der Welt und bin ganz für mich. Du bist doch auch gern in deinem Zimmer, oder?“

Frieda schaut weg, während sich Heinz an mir vergeht

Frieda tätschelt mir jetzt liebevoll die Wange, gibt mir einen Kuss auf die Stirn – und plötzlich hält sie mich ganz fest. So fest, wie sie es noch nie getan hat. Und dann spüre ich, dass ihre Tränen über meine Hand laufen. Warum weint sie bloß?

„So, jetzt leg dich schlafen. Heinz wartet schon.“

Frieda hat sich ein Taschentuch genommen und schnäuzt sich die Nase.

„Ich glaube, es sind die Pollen. Die schwirren in diesem Jahr besonders heftig herum.“

„Kommst du?“, ruft da auch schon Heinz.

Ich gebe Frieda noch einen Kuss auf die Wange, und dann laufe ich zu ihm. Mit weit ausgebreiteten Armen sitzt er auf dem kleinen Sofa in der hinteren Ecke des Zimmers und strahlt mich an. Er hat seine Schuhe schon ausgezogen und eine Decke für uns ausgebreitet.

Klack! Frieda zieht mit einem ungewohnt lauten Geräusch die Zimmertür hinter sich zu. Wir sind allein!

„Meine Prinzessin, da bist du ja!“, sagt Heinz und nimmt mich fest in den Arm. Er streichelt mir liebevoll über den Rücken, meinen Po, die Beine. Dann schiebt er mich mit beiden Händen von sich weg und mustert mich mehrmals von Kopf bis Fuß.

„Du bist ja fast schon ein kleines Fräulein“, sagt er anerkennend, nachdem er mich so gemustert hat.

Ich kichere vergnügt und bin stolz, dass er „kleines Fräulein“ zu mir sagt.

„Nun zieh mal deine Hose und die Strickjacke aus“

„Nun zieh mal deine Hose und die Strickjacke aus. Das ist ja sonst zu unbequem.“

Mit flinken Fingern öffnet er den Reißverschluss meiner Hose, wenig später auch die Knöpfe meiner Jacke. Ich schäme mich ein bisschen in meiner Unterwäsche. Sie ist ja nicht mehr ganz neu. Aber Heinz scheint das gar nicht zu merken. Er hebt mich ganz sanft hoch und legt mich auf das Sofa, rutscht dann direkt hinter mich.

„So, jetzt machen wir es uns richtig gemütlich.“

Komisch, Heinz’ Stimme klingt irgendwie anders. Auch seine Hände fühlen sich fremd an. Er streichelt mich, an meinem Bein entlang bis zur Hüfte, immer wieder und wieder, auf und ab. Das hat er noch nie so gemacht. Es ist nicht liebevoll, es ist anders, und ich mag es nicht und versuche aufzustehen. Aber Heinz hält mich auf einmal fest, drückt meinen Körper mit seinem großen kräftigen Arm an sich. Ich fühle mich gefangen und will nur noch weg.

„Lass mich!“, presse ich heraus. Ich habe plötzlich große Angst vor ihm.

„Sag einfach, wie ich dich streicheln soll. Du musst sagen, was du magst.“

Ich verstehe nicht. Was will er bloß von mir? Es ist Heinz’ veränderte Stimme, das Festhalten und sein jetzt schwerer werdender Atem – all das macht mir Angst. Er riecht aus dem Mund nach Gehacktesstippe, aber jetzt mag ich den Geruch gar nicht mehr. Im Gegenteil, es wird mir schlecht davon. Ich will weg und strample ganz fest mit den Beinen. Aber Heinz drückt mich immer fester an sich. Was soll das? Ich will das nicht.

„Lass mich, bitte, bitte“, jammere ich. Warum hört denn Frieda nichts? Sie kann mir doch helfen!

Heinz atmet immer schneller. Sein Körper zuckt kurz. Was hat er bloß? Ist er krank?

Doch dann ist er plötzlich wieder ganz ruhig, zieht meinen Kopf sanft an seine Brust und flüstert mir „Ich habe dich lieb“ ins Ohr.

Warum sagt er das jetzt? Vermutlich tut es ihm leid, dass er mich festgehalten hat.

Als ich Oma davon erzähle, schlägt sie mir ins Gesicht

Während ich male, überlege ich, wie ich Oma sagen kann, was passiert ist. Ich muss es loswerden, auch wenn es Heinz’ und mein Geheimnis ist. Ich will das nicht länger für mich behalten.

Oma soll wissen, was er mit mir gemacht hat. Ich atme tief durch. Schließe die Augen. Dann ist es so weit!

„Heinz tut mir weh, da unten“, sage ich ganz schnell, damit es heraus ist. Ich habe keine Ahnung, wie Oma darauf reagiert. Doch kaum habe ich den Satz beendet, knallt sie mir auch schon ihre flache Hand ins Gesicht.

„Ich will nicht noch einmal so einen Unsinn hören. Lüge nicht, hörst du?“

Oma baut sich bedrohlich vor mir auf. Ihre Augen funkeln böse, und ihre Mundwinkel zittern vor Wut. Ich darf jetzt nichts mehr sagen. Noch ein falsches Wort und sie wird den Teppichklopfer holen und mir damit auf den Po oder sonst wohin schlagen. Ich bin ruhig. Aber ich spüre, dass die Tränen in mir aufsteigen, und dann laufen sie mir auch schon wie warme Bäche über das Gesicht.

„Warum heulst du?“, faucht Oma mich an. „Ständig denkst du dir irgendwelche Lügengeschichten aus. ‚Heinz hat mir wehgetan.‘ Was soll das denn heißen? Vermutlich warst du bei ihm auch so frech wie bei mir, und er hat dir deshalb auch eine gescheuert. Du hast es garantiert verdient. Aber ich werde dir das Lügen schon austreiben.“

Ich hasse das Sofa mittlerweile

„So, jetzt legen wir uns etwas hin, meine Kleine.“

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den letzten Jahren schon gehört habe. Mittlerweile gehe ich längst nicht mehr in den Kindergarten, sondern schon in die vierte Klasse der Grundschule. Nächstes Jahr wechsle ich dann nach Halberstadt auf die Sekundarschule, und dann muss ich bestimmt nicht mehr zu Heinz, sondern kann nach der Schule allein zu Hause bleiben. So lange muss ich noch durchhalten und Tag für Tag das gleiche eklige Ritual über mich ergehen lassen.

Frieda, Heinz und ich haben gemeinsam gegessen. Es gab Spaghetti bolognese mit ganz viel Käse und war wie immer superlecker. Frieda kocht wunderbare Sachen. Das war vom ersten Tag an so und ist bis heute so geblieben. Natürlich gibt es anschließend ihren köstlichen Vanillepudding, den sie nach wie vor für mich kocht. Aber meistens kann ich ihn gar nicht mehr essen.

So ist es auch heute. Denn mir ist übel, speiübel. Weil ich weiß, dass Heinz jetzt mit mir wieder auf sein Sofa geht. Und weil ich genau weiß, was das bedeutet. Meine Zeit bei Frieda und Heinz ist exakt durchgetaktet. Wir haben unsere feste Routine beibehalten. Nach dem Essen räumen Frieda und ich den Tisch ab. Dann spült sie, und ich trockne ab. Heinz liest so lange seine Zeitung.

Später geht Frieda in ihr Zimmer, und Heinz und ich legen uns auf das Sofa in der Ecke, das ich so hasse wie kein anderes Möbelstück auf der Welt.

Der Arzt behandelt die Analfissuren ohne Fragen zu stellen

Ich glaube, er hat etwas kaputt gemacht. Und neuerdings blute ich auch aus dem Po. Mein Schlüpfer ist immer ganz rot. Oma hat es gesehen, und ich habe ihr auch gesagt, dass es wegen Heinz sei. Zum Glück ist sie nicht ausgerastet, sondern nur einfach aus dem Zimmer gegangen. […]

Nun ist Papa mit mir beim Arzt, und ich habe ein Fünkchen Hoffnung, dass mein Martyrium aufhört. Der Arzt hat ja gesehen, dass mein Darm gerissen ist. Er wird gleich fragen, warum das so ist. Ich werde zwar nichts sagen. Das traue ich mich nicht mehr. Aber Papa wird dann bestimmt hellhörig und nachhaken.

So lange sehe ich nervös zu Boden. Jetzt, jetzt wird der Arzt fragen. Es kann nicht sein, dass er nicht überlegt, warum ein Mädchen in meinem Alter Analfissuren hat.

Aber der Arzt fragt nicht. Stattdessen zückt er sein Rezeptbuch und schreibt mir Schmerztabletten und eine Creme auf. „Geben Sie Ihrer Tochter drei Stück davon über den Tag. Sonst hält sie die Schmerzen nicht aus! Dann sehen wir uns in zwei Wochen bitte noch einmal zur Kontrolluntersuchung.“

Der Arzt streckt mir die Hand entgegen.

„Dann wird es dir bestimmt besser gehen“, sagt er mit freundlicher Stimme.

Papa legt mir seine schwere Hand auf die Schulter. „Ja, vielen Dank, Herr Doktor“, höre ich ihn sagen, und dann bin ich auch schon auf dem Flur. Das war’s. Keine Fragen, nichts.

In der Therapie lerne ich, über meine Gefühle zu sprechen

„Wie geht es euch heute?“, fragt der Therapeut in die Gruppe. Ich bin in einer Tagesklinik, und wie jeden Morgen sitze ich mit zehn Frauen und drei Männern in einem Stuhlkreis. Wir absolvieren unser Morgenritual. Immer Punkt zehn, nach dem Frühstück, setzen wir uns zusammen und reden. Der Therapeut stellt Fragen, wir geben Antworten, die durchaus auch länger sein dürfen.

[…] Ich lerne, dass ich aussprechen darf, was ich fühle. Aber es ist ein langwieriger Prozess. Denn mein ganzes Leben lang hat niemand hören wollen, was sich in mir regt. Und wenn ich etwas Falsches sagte, bezog ich Prügel. Irgendwann haben die Gefühle keine Worte mehr gefunden und sind ganz tief abgesunken in mir. Seitdem liegen sie auf dem Grund meiner Seele versteckt. Ich habe sie niemandem mehr gezeigt. Außer Philip.

Hier ist das anders, hier darf ich aussprechen, was sich in mir tut. Ein tolles, befreiendes Gefühl. Ich bin froh, dass ich in der Klinik bin. Denn ich brauche wirklich dringend Hilfe. Mein Leben ist nur auf den ersten Blick geordnet. Ich habe eine hübsche Wohnung in Halberstadt, einen Ausbildungsplatz in einem gut gehenden Salon und mit David auch einen Freund, der mir zur Seite steht. Denn seit September sind wir ein Paar. Wir haben zwar noch keinen Sex gehabt, aber das ist nicht wichtig. David lässt mir Zeit. Denn wir lieben uns wirklich und wollen nur zusammen sein.

Eigentlich müsste also alles gut sein, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Ich bin oft nicht nur traurig, sondern richtig hoffnungslos und fühle mich von meinem Leben komplett überfordert. Ich kann nicht in Worte fassen, warum das so ist. Aber es gibt einfach zu vieles, das mir Angst macht: nicht nur Sex und Berührung, es ist mehr.

Ich fürchte mich auch immer mehr vor Menschen, die in großen Gruppen auftreten, vor engen Räumen wie Fahrstühlen, vor Begegnungen mit meiner Familie. Ich kann keinerlei Schmutz ertragen, wasche mich ständig und putze unentwegt. Ich esse nur von meinen eigenen Tellern und habe langsam das Gefühl, durchzudrehen.

Ich flüchte mich in eine Fantasiewelt

Ich lerne viel in diesen Wochen. Über mich, über das Leben. Und ich lerne auch, dass mir Bewegung und Übungen für den Rücken, den Bauch, für alles guttun. Ich begreife, dass ich mir Fantasien erlauben darf. Wenn die Ängste zu groß werden und die Bilder zu übermächtig, wenn ich das Gefühl habe, nur noch wegzumüssen, es aber nicht kann, darf ich mich einfach wegblenden, in einen Fantasieraum, zu dem nur ich Zutritt habe.

Das ist nicht verrückt, das ist Therapie. Mir hilft es enorm. Ich übe es, mich dann in die Natur zu träumen. Und dann sehe ich unsere herrliche heimische Bergwelt und denke mir eine Bank aus, auf der ich sitze und in die Natur blicke: Vögel gleiten am Himmel entlang, und vor mir stehen Rehe. Ich sitze an einem Ort der Friedlichkeit und Stille.

Gar nicht lange greife ich auf diese Vorstellung zurück, oft nur für Sekunden. Zum Runterkommen, Durchatmen, Auftanken. Bevor ich zurück in die Situation muss, die ich nicht mag. Als ich entlassen werde, fühle ich mich wesentlich stärker als zuvor. Ich weiß aber, dass ich nicht gesund bin, sondern nur über eine Art Notfall-Kit verfüge, das ich in verschiedenen Situationen anwenden kann. […]

In der Klinik habe ich nur das Werkzeug dazu bekommen.

Anwenden muss ich es jetzt allein.

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