Aktivist fordert schmalere Straßen zugunsten von Fahrradwegen


Der „Kampfradler“ im Interview: Aktivist will Straßen verschmälern: „Es reicht, dass Autofahrer auf Kosten aller anderen leben“

2015 gründete Heinrich Strößenreuther in Berlin die Initiative Volksentscheid Fahrrad. Aus dem Volksentscheid ist mittlerweile Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz hervorgegangen, das Radler besser als Autofahrer stellen soll. Der 51-Jährige fordert in seinem neuen Buch „Der Berlin-Standard“, Bürgermeister und Stadtplaner auf, Autofahrern in den Städten den Platz wegzunehmen und ihn den Radfahrern zu geben.

Herr Strößenreuther, kürzlich haben Sie Ihr Publikum am Ende einer Veranstaltung aufgefordert: ‚Fahrt nach Hause und macht den Autofahrern das Leben schwer!‘ Geht’s nicht etwas entspannter?

Wir Radfahrer werden seit Jahrzehnten diskriminiert. Die Verkehrsregeln sind komplett auf das Auto zugeschnitten, wir kriegen den Platz, der übrig bleibt. Es reicht, dass Autos breiter werden und Autofahrer auf Kosten aller anderen leben.

Mehr Platz bekommt man also nur durch aggressives Auftreten?

Mit klaren Aussagen, denn Respekt bekommt man nicht geschenkt – den muss man sich verdienen. Mein Aufruf ist, dem Autoverkehr maßvoll Flächen wegzunehmen, um sichere Radwege zu bauen. In unseren Städten gibt es im Schnitt jedes Jahr ein Prozent mehr Autos. Die Straßen sind schon voll, die Autofahrer stauen sich selber zu. Ein Weiter-so in der Verkehrspolitik geht nicht.

Aber manche sind auch auf ihr Auto angewiesen.

Manche ja, aber viele auch nicht. In Berlin haben Radfahrer gerade einmal drei Prozent der Verkehrsfläche, Autofahrer aber 60 Prozent. Selbst wenn Radfahrer doppelt so viel Platz bekommen, würden Autofahrer gerade mal drei Prozentpunkte verlieren. Die Politik muss sie darüber aufklären, dass sie am Ende von mehr Radverkehr profitieren, denn jeder zusätzliche Radfahrer sorgt für weniger Stau auf den Straßen.

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Wollen Sie die Leute zwingen aufs Rad umzusteigen?

Viele Autofahrer wollen gerne Radfahren, trauen sich aber nicht, weil sie sich nicht sicher fühlen. In den Niederlanden und Dänemark ist das anders. Sie investieren seit Jahren massiv, um Rad- und Autoverkehr auf der Straße zu trennen. Der Radverkehrsanteil ist dort mehr als doppelt so hoch. Radfahrer sind dort sicherer unterwegs. Und Autofahrer müssen nicht ständig Sorge haben, beim Abbiegen wegen unsicherer Kreuzungen Radfahrer zu übersehen. Alle fahren dann entspannter.

Sie haben gerade ein Buch geschrieben mit konkreten Tipps für Bürgermeister, die den Radverkehr in ihrer Stadt verbessern wollen: ‚Der Berlin-Standard‘, in Anlehnung an das Berliner Radgesetz. Welche Grundregel gilt denn, um mehr Menschen aufs Fahrrad zu bringen?

Die Grundregel lautet: Ein Radweg ist dann sicher, wenn Sie ihr Kind darauf alleine fahren lassen würden. Wenn nicht, ist die Infrastruktur murks und muss nachgebessert werden.

Das heißt konkret?

An Hauptstraßen brauchen wir geschützte Radwege, am besten durch Poller abgegrenzt, so dass LKW und Autos nicht darauf parken können. Die Radwege müssen so breit sein, dass sich zwei Radfahrer bequem überholen können. Also mindestens zwei Meter bereit, nicht 70 oder 80 Zentimeter wie heute oft. Kreuzungen müssen übersichtlicher werden. Ist es sicher, steigen Autofahrer gerne um, reduzieren Stau und Parkplatzsorgen für die anderen und leisten durchs Radfahren ihren Beitrag gegen die Klimakrise.

Der Berlin-Standard: Moderne Radverkehrspolitik Made in Germany

Ein Bildband über Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz von Thiemo Graf (Herausgeber), Heinrich Strößenreuther (Autor), Verena Kiesel (Autor), Laura Graf (Autor)

Gebundene Ausgabe: 140 Seiten, Verlag: Thiemo Graf Verlag und Buchhandel; Auflage: 1 (13. März 2019), Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3940217255 // ISBN-13: 978-3940217257

Aber das kostet.

Bisher gibt Berlin 3,80 Euro pro Kopf für den Radverkehr aus, aber 80 Euro für das Auto, es ging bislang um Krümelbeträge. Wenn wir auf Deutschland hochrechnen, was wir beim Radentscheid für Berlin an Ausbaukosten zugrunde gelegt haben, kommen wir auf zehn Milliarden Euro und mehr in den nächsten zehn Jahren. Bruchteile von dem, was der Bund für Autobahnen und Bundesstraßen ausgibt. Das wären grob gerechnet zehn Euro pro Kopf im Jahr. Wichtig ist, dass der Bund sich engagiert. Neben einer Autobahn-Gesellschaft brauchen wir auch eine Radwege-Gesellschaft, die den Kommunen die Planung abnimmt. Sonst sind die Kommunen überfordert und können verfügbare Gelder nicht abrufen.

Wenn es wirklich den großen Wunsch bei Autofahrern gibt, aufs Rad umzusteigen, wie Sie es sagen, warum tut sich Politik dann so schwer, das umzusetzen?

Zu viele Politiker sind Schisser. Sie trauen sich nicht, sich mit dieser kleinen Minderheit der Autofahrer anzulegen, die keinen Quadratmeter Platz abgeben will. 

Aber in Frankreich kann man doch an der Gelbwesten-Bewegung sehen, was für ein gesellschaftlicher Sprengstoff in der Verkehrspolitik liegt. Dort haben sich die Bürger gegen höhere Spritpreise gewehrt.

Bei uns haben wir seit langem Mehrheiten, die ohne Auto leben wollen. Und bei uns gibt es mittlerweile in vielen Städten erfolgreiche Bürgerbegehren für eine bessere Radpolitik: München und Stuttgart, Hamburg und Frankfurt, Darmstadt, Bamberg oder Rostock.

Aber es gab auch einen Aufschrei gegen Diesel-Fahrverbote!

Ja, lieber Radwege statt Fahrverbote: Bürger müssen frei wählen können, wie sie sich fortbewegen möchten. Erst bei guten, breiten und kindersicheren Radwegen gilt: Freie Wahl für freie Bürger.



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