„All diese Fahrer setzen ihr Leben aufs Spiel“


Der tödliche Unfall von Anthoine Hubert ist natürlich noch nicht vergessen. Vor drei Wochen verunglückte der Formel-2-Fahrer in Spa. Zur Tagesordnung überzugehen und einfach so weiter Rennen zu fahren, das fällt dann doch schwer. So war es vor zwei Wochen in Monza und so ist es auch noch ein bisschen jetzt an diesem Wochenende, wenn die Besten der besten Piloten in Singapur gastieren.

Speziell den jungen Fahrern fällt es nicht leicht – denen in den Nachwuchsserien, aber auch den ganz jungen in der Formel 1. Pierre Gasly, Alex Albon, Lando Norris oder George Russell zum Beispiel. Sie sehen sich erstmals in ihrer Karriere mit der harten Realität konfrontiert. Ja, Motorsport ist immer noch gefährlich und eben kein Computerspiel.


Altmeister Jackie Stewart hat einmal nachgezählt, dass er während seiner Laufbahn 57 Fahrerkollegen verloren hat. Nach dem tödlichen Unfall seines Tyrrell-Teamgefährten François Cevert 1973 in Watkins Glen trat er – genau vor seinem 100. Grand Prix – spontan zurück.

„Die moderne Fahrergeneration kennt den Tod nicht. Umso schockierender ist es, wenn etwas passiert. Der Schock und die Trauer, die in Spa-Francorchamps so stark fühlbar gewesen sind, das ist für diese Jungen etwas ganz Neues“, sagt er jetzt. „Vielleicht wird den Piloten wieder etwas deutlicher bewusst, dass sie sich nicht alle Freiheiten herausnehmen können. Keiner sollte annehmen, er sei kugelsicher. Es gibt keine Garantie, dass solche Unfälle wie am 31. August nicht wieder passieren. Es sollte ein Weckruf sein.“

Ein Weckruf gegen die Annahme, es könne heute ja sowieso nichts mehr passieren. Diese Einstellung hatte sich schon breit gemacht, auch unter den Fans. In Spa etwa bejubelten einige Anhänger von Max Verstappen im Training einen Abflug von Konkurrent Lewis Hamilton – noch ehe der Weltmeister überhaupt aus dem Auto gekrochen war.

Über das Geschehene sprechen mag kaum wer

„Wenn ein Einziger von euch, der diesen Sport beobachtet, eine Sekunde lang denkt, dass das, was wir tun, sicher ist, dann irrt er sich gewaltig“, sagte Hamilton danach. „All diese Fahrer setzen ihr Leben aufs Spiel, wenn sie auf die Strecke gehen, und die Menschen müssen das ernst nehmen, weil es nicht genug geschätzt wird.“

Trotzdem ist an diesem Wochenende beim Grand Prix in Singapur fast schon wieder Normalität eingekehrt – vor allem bei den Piloten. Das Geschehene scheint abgehakt zu sein. Aber ist es auch verarbeitet? Darüber sprechen Rennfahrer meist nicht so gerne. Es ist eher etwas, was man mit sich selbst ausmachen muss, oder mit dem engsten Kreis. Ganz persönlich, ganz privat.

Daniel Ricciardo ist eine Ausnahme. Der Australier kannte als Renault-Fahrer den verunglückten Hubert, der zum Nachwuchskader seines Rennstalls gehörte, besser als viele seiner Formel-1-Kollegen. Ricciardo wollte reden und ließ die Öffentlichkeit in einem längeren Gespräch mit der BBC teilhaben an seinen Gedanken und Gefühlen.

Nachdenklich: Daniel Ricciardo hat sich lange mit der Frage gequält, ob er weiterhin Rennen fahren sollte.Foto: Miguel Medina/AFP

Er habe in der Nacht vor dem Rennen in Spa lange nachgedacht. „Es ist unser Job und unser Leben. Aber am Ende sind es immer noch Autos, die im Kreis fahren. Wenn man an diese Dinge erinnert wird, dann hinterfragt man das schon: Ist es das wert?“ Er habe sich in seiner schlaflosen Nacht mit der Frage gequält, ob er seinen Eltern, seiner Familie, diesen Stress weiter zumuten könne. Ob es moralisch richtig sei, das Rennen zu fahren, richtig für ihn selbst.

Er wollte bis Sonntagmittag abwarten mit seiner Entscheidung und ein paar Szenarien durchspielen. Bis kurz vor dem Rennen. Am Sonntagmorgen hat es sich für Ricciardo, „noch kalt und seltsam“ angefühlt. Es schien nicht richtig zu sein, sich auf das Rennen zu freuen.

„Die Realität ist: Ich liebe es zu sehr“

Er haderte und entschied sich, ins Cockpit zu steigen. Und als es wirklich losging mit dem Rennen, habe er sogar so etwas wie Erleichterung gespürt. „Wie eine Entspannung, einfach nur Rennen fahren. Mit dieser Geschwindigkeit unterwegs zu sein, war wie das ganze System durchzuspülen und das hat sich gut angefühlt.“ Letztlich kam Ricciardo zu der Erkenntnis: „Die Realität ist: Ich liebe es zu sehr.“

Vielleicht ist es das Beste, sofort wieder einzusteigen, sich wieder ins Geschehen zu stürzen, wenn so etwas wie ein tödlicher Unfall passiert ist. Es ist eine Mentalität, die Rennfahrer mit vielen anderen teilen, die sich in extremen Welten bewegen. In Welten, in denen das Risiko auch zumindest einen gewissen Teil der Faszination ausmacht.

Trauriger Abschied: Victhor Hubert, der Bruder des verunglückten Formel-2-Fahrers Anthoine Hubert, küsste dessen Helm bei seiner…Foto: Jean-Francois Monier/AFP

Rennfahrer, besonders die in der Formel 1, sind Grenzgänger, fasziniert von der ständigen Bewegung am absoluten Limit der Fahrzeugbeherrschung. Ricciardo hat es so für sich ausgemacht: „Ich habe mir gesagt, fahr von Anfang an so schnell wie möglich. Fahr aus der Box raus und komm so schnell wie möglich in den richtigen Modus, ohne Zögern, ohne zu sehr über einzelne Stellen der Strecke nachzudenken.“

Wer in Spa aus der Box fährt, kommt ganz schnell an der Unfallstelle von Hubert vorbei, am Ende der wohl kritischsten Kurvenkombination dort überhaupt, Eau Rouge und Raidillon, durch eine Kuppe nicht einsehbar. Trotzdem rasen die Autos mit an die 300 Kilometer pro Stunde durch. Warum tut man sich das an? „Wahrscheinlich weil man eine ganz tiefe Leidenschaft und Liebe zu etwas hat“, sagt der Australier Ricciardo. „Ich habe es genossen, wieder diesen Rausch des Rennens zu haben.“ Leidenschaft besiegt offenbar bei vielen Fahrern die Bedenken.

So ist es auch bei anderen Rennfahrern immer wieder zu hören: Anthoine Hubert hätte sicher gewollt, dass wir weitermachen. Das stimmt wohl. Denn kaum einer dieser Grenzgänger würde sich wünschen, dass ein fataler Unfall von ihm andere zum Aufhören bewegt. Und so fahren sie trotz aller Gefahren einfach weiter.


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