Architektur in Armenien: Flügel aus Beton – Kultur

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Unwirklich hebt sich die weiße Krone des Ararat aus dem hellblaugrauen Dunst. Der Gebirgszug selbst ist nicht zu sehen, nur die schneebedeckte Gipfelregion des 5137 Meter hohen Berges, des heiligen Berges der Armenier. Zum großen Kummer des Drei-Millionen-Volkes befindet sich „ihr“ Berg nicht auf armenischem Staatsgebiet, sondern auf dem ihrer größten historischen Feinde, der Türkei.

Sogar von der Stadtmitte der armenischen Hauptstadt Eriwan aus sollte man den Ararat sehen können, so sah es der Masterplan des bis heute hoch verehrten Alexandr Tamanjan von 1924 vor. Der wurde mehrfach überarbeitet, aber das Grundgerüst aus breiten Magistralen und weiträumigen Plätzen bestimmt nach wie vor das Stadtbild. Nur der Blick auf den Ararat wird zunehmend von Bürohochhäusern verdeckt.


Nach dem Ende des Stalin-Monumentalstils mit dem Tod des Diktators 1953 begann sich in Armenien wie überall in der Peripherie der zentralistischen Sowjetunion eine eigenständige Architektur zu regen. Die 60er und 70er Jahre sahen eine Fülle höchst eigenständiger Bauten, eine Art „zweiter“ Moderne nach der „ersten“ der 1920er Jahren.

Perlen der Moderne

Das zeigt die Ausstellung „Die Stadt von morgen“, die das Goethe-Zentrum (noch nicht: Goethe-Institut) Eriwan unter Leitung von Natia Mikeladse-Bachsoliani mit den Kuratoren und Georg Schöllhammer mit Unterstützung von tranzit.at (Wien) organisiert hat und die von hier aus in (mindestens) fünf weitere ex-sowjetische Städte wandern wird, die gleichfalls Perlen der Moderne-Architektur aufweisen.

Gezeigt wird sie im Nationalen Architekturmuseum, dessen Direktor Arewschatjan ist und das in der Eröffnungswoche ein Filmprogramm mit – aus heutiger Sicht geradezu skurrilen – Dokumentationen bot, die den Optimismus der Zeit wunderbar bewahren. Die Ausstellung konzentriert sich auf Plankopien, Fotografien und Broschüren, die auf wunderbar praktischen und zugleich eleganten Klapptischen und -wänden ausgebreitet sind und die sich entsprechend leicht und kostengünstig verschicken lassen. In jeder der sechs Ausstellungsstationen werden originale Dokumente zu prägenden Bauten der betreffenden Stadt hinzugefügt.

Das Ufo ist gelandet. Der Speisesaal hoch über dem Sewan-See, eröffnet 1969, ist eines der spektakulärsten Beispiele der…Foto: Bernhard Schulz

„Viele Architekten arbeiteten zunächst im Internationalen Stil, wandten sich davon aber ab – Fragen der nationalen Identität tauchten auf,“ erläutert Ruben Arewschatjan den Stilwandel seit den sechziger Jahren. Er zeigt sich unter anderem an der munter sprießenden Ornamentik, die sich der unionsweit normierten Platten der gleichförmigen Wohnblocks bemächtigte. Das System „I-464“, 1958 entwickelt, erlaubte den Bau kompletter Wohnanlagen aus nur 21 Einzelkomponenten. Doch in Eriwan lassen sich selbst an solchen Normbauten stilisierte Blumen oder Löwenköpfe entdecken, die auf Armeniens kulturelles Erbe verweisen.

Derlei ließ sich rechtfertigen mit dem Mitte der dreißiger Jahre etablierten Stalinschen Dogma für alle Künste: „National in der Form, sozialistisch im Inhalt“. Was bedeutete, dass historische Bauformen und Ornamente aufgenommen und in die Gestaltung der Bauaufgaben der Stalinzeit integriert wurden, als da sind Partei- und Regierungsbauten, Kulturbauten und Bahnhöfe – der von Eriwan wurde erst 1957 fertiggestellt und ist heute gähnend leer -, aber ebenso Wohnbauten, die hier auf drei Obergeschosse begrenzt blieben.

Bauten und Ideologie bröseln

Hinzu kamen aber seit dem Tauwetter der Chruschtschow-Zeit und der mit ihr zerbröselten Ideologiefestigkeit zahlreiche Bauten der zweiten Moderne. Leider ist die Haltbarkeit des Gebauten so wenig unbefristet wie die der Bauten der „ersten“ Moderne, von denen Eriwan nahezu nichts aufzuweisen hat.

Beton bröckelt, Kacheln fallen herab, Fensterrahmen verrotten, Freitreppen und Terrassen zeigen Risse und sind längst gesperrt – wenn nicht gleich das ganze Gebäude wie das phänomenale Kino „Rossija“ von 1975 mit seinen beiden wie Vogelschwingen über einen belebten Platz auskragenden Vorführsälen.

Verschandelt ist das Bauwerk längst; wie überall im späten Sowjetland nisteten sich irgendwelche Verkaufskioske und Zubauten in die Ritzen und Freiräume. Es war die Obsession aller Sowjetmenschen, sich aus dem Kollektiveigentum soviel als möglich an Privatraum herauszuschneiden, angefangen mit den zu Lagerräumen umfunktionierten Balkonen der Plattenhochhäuser.

Darüber ist in Vergessenheit geraten, welcher Schwung in der nach-stalinschen Hoch- und Spätphase der Sowjetunion die Architekten beflügelte – besonders in der experimentierfreudigen, von der zunehmenden Gerontokratie der Moskauer Zentrale weniger gebeutelten Peripherie.

Wie die Ideologie so bröckelten irgendwann auch die Bauten der Länder der Sowjetunion.Foto: Bernhard Schulz

In Jerewan gibt es einige wunderbare Beispiele einer zweiten Moderne, beispielsweise den Kammermusiksaal von Stepan Kjurtschjan (1968-77) mit einem wie ein gewaltiger Kamin aufragenden, indirekt belichteten Zuschauerraum. Geradezu genial ist das kreisrunde Empfangsgebäude des Flughafens Tswartnots von einem Architektenkollektiv um Lewon Tscherkesjan (1975-80), das es in der bestechenden Logik seiner Wegeführung mit Berlins Flughafen Tegel aufnehmen konnte.

Leider ist der Bau verlassen und verfällt, weil nebenan ein Investor eine belanglose Neubauhalle als neuen Flughafen hingestellt hat. Ähnlich spektakulär ist das Hrazdan-Stadion mit seinen asymmetrisch ausschwingenden Tribünen in einer Talsenke am Rand der Kernstadt. Allerdings erregten manche diese Bauten auch Widerspruch: Sie wurden als Kopien internationaler Modelle kritisiert.

„Der Keim des nationalistischen Zerfalls der Sowjetunion wurde durch die nationalen Eliten gelegt und begann sich seit den sechziger Jahren abzuzeichnen“, erläutert Arewschatjan den Prozess der schrittweisen Regionalisierung der Architektur, der zugleich die allmähliche politische Abnabelung von Sowjetrussland bedeutete. Ein Beispiel sind die landesweiten Protestkundgebungen, die es zum 50. Jahrestag des armenischen Genozids 1915 gab.

Bis zu anderthalb Millionen Menschen fielen den Mordexzessen zum Opfer oder wurden dem Hungertod in der syrischen Wüste ausgeliefert. Die nationale Aufwallung führte unmittelbar zum Bau einer Gedenkstätte auf einer der Hügelketten, die Jerewan umgeben – eine Besonderheit in der ansonsten jeden „Nationalismus“ beargwöhnenden Sowjetunion. Bereits 1967 war die Gedenkstätte fertiggestellt, um deren Ewige Flamme immerzu frische Blumen liegen. Das Völkermordmuseum, neben dem Mahnmal flach in den Hügel hineingebaut, braucht in seiner feierlichen, aber nicht protzigen Architektur keinen Vergleich mit Gedenkmuseen in westlichen Ländern zu scheuen.

Erholungsheim am Sewansee

Ähnlich verhält es sich mit dem Denkmal oberhalb der einen ganzen Hügel einnehmenden, allerdings etwas zu pompösen „Kaskade“ aus einander überragenden Brunnen (man kann seitlich, im Hügel verborgen, per Rolltreppe nach oben gleiten!). Das Denkmal ist schon zu Sowjetzeiten armenisiert worden: Statt, wie ursprünglich gedacht, die Oktoberrevolution der Bolschewiki zu feiern, sollte sie 1970 an den 50. Jahrestag der (Zwangs-)Sowjetisierung Armeniens erinnern – trägt aber seither an ihrer Spitze ein Ornament aus der frühgeschichtlichen Zeit der Urartäer, der Vorfahren der Armenier. So kann das Denkmal nahtlos dem seit 1991 unabhängigen Armenien dienen.

Das Lieblingsobjekt der armenischen Moderne-Freunde allerdings steht eine Autostunde entfernt am Ufer des 1900 Meter hoch gelegenen Sewansees. Ruben Arewschatjan lässt es sich nicht nehmen, den deutschen Gast zu diesem Ausflug zu begleiten.

Unterhalb einer Gruppe altarmenischer Kirchen auf klassischem Kreuzgrundriss steht das konstruktivistisch angehauchte Erholungsheim des Schriftstellerverbandes von 1932-34. Seine beiden Architekten, Gevorg Kochar und Mikael Mazmanyan, wurden 1937 während des Großen Terrors zu 15 Jahren sibirischem Gulag verurteilt, den sie beide überlebten – und an ihre Zeichentische zurückkehrten. Kochar – welcher Triumph über den Stalin-Terror! – fügte dem dreigeschossigen Heim in den Jahren 1967-69 einen auf einer einzelnen Pilzstütze aufsitzenden und optisch in den See vorstoßenden Restaurantflügel hinzu.

Dieses einmalige Ensemble aus „erster“ und „zweiter“ Moderne zu erhalten, ist Arewschatjan eine Herzensangelegenheit, die materiell von der kalifornischen Getty-Stiftung unterstützt wird. Für die Ausstellung ist es so etwas wie das Leitobjekt eines doppelten Erbes – der zugleich sowjetischen wie nationalen Moderne. Und es wird spannend sein zu sehen, welche architektursprachlich ganz verschiedene, aber gleichermaßen vom Aufbruch in eine neuerliche Moderne beseelte Bauten die folgenden Stationen dieser wichtigen Ausstellung herausstellen werden. (Die Recherche zu diesem Text wurde ermöglicht vom Goethe-Zentrum Eriwan.)



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