Auf die Rolle gebracht (Tageszeitung junge Welt)


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Eishockey ohne Eis und mit Ball statt Puck: Inlineskaterhockey

Die Schlusssirene ertönte vor einer guten Stunde. Die Spieler sind längst im Feierabendmodus, sitzen zusammen mit Familienangehörigen vor dem Klubimbiss, verzehren Nudelsalat und Bratwurst, einige trinken dazu Flaschenbier. Dreimal 20 Minuten Spielzeit liegen hinter den Akteuren, torreich war es am vergangenen Sonnabend im drittletzten Saisonspiel von Zweitligist Unitas Berlin gegen die Salzstadtkeiler aus Lüneburg auf dem Areal am Poststadion in Berlin-Moabit. Gespielt wird dort Inlineskaterhockey, eine Art Eishockey ohne Eis und mit Ball statt Puck.

Einer kann noch nicht so richtig abschalten, Spielszenen rattern, beinahe hörbar, durch seinen Kopf. Sein Name: Jörg Ogilvie. Wenn jemand Skaterhockey in Berlin personifiziert, dann er. Ogilvie ist Unitas-Trainer und Präsident des Inline- und Rollsportverbands Berlin e. V. (IRVB). Coach bleibt er auch nach dem Match: »Wähle die beste Option, keinen weiteren Pass, wenn du selbst den Abschluss suchen musst«, erläutert er einem seiner Schützlinge. Eine Intervention, die für Ogilvie charakteristisch ist. Kommunikator und Motivator ist er. Einer, der anfeuert, bisweilen ermahnt.

Unitas Berlin? Nie gehört? Kein Wunder. Den Namen gibt es erst seit Dezember 2018. Unitas Berlin ist ein »Kombiteam«, wie Ogilvie sagt. Drei Berliner Vereine – Buffalos, Spreewölfe und die Nachwuchsschmiede Red Devils – kooperieren paritätisch, um in der Region einen Erstligisten zu etablieren. »Unitas« sei dabei kein sprachlicher Chic, sondern ein einheitlicher Verein in spe, betont Ogilvie. »Das zeigt sich an den drei Klublogos auf den Unitas-Trikots.«

Inlineskaterhockey, manchmal auch Skaterhockey genannt, ist hierzulande eine recht junge Sportart, 30 Jahre, kaum mehr. Mit Rollhockey auf klassischen Rollschuhen und Inlinehockey mit einem Puck als Spielgerät existieren zwei verwandte Disziplinen.

Apropos Inlineskaterhockey – ein Thema für die Eisbären Berlin? Marc Dannbeck, Geschäftsführer der Eisbären Juniors: »Wir haben seit Januar 2018 eine Sparte, die wir Stück für Stück aufbauen.« Diese Hockeyvariante sei für Eishockeyspieler ein idealer Ausgleichssport. Inlineskater können auch erfolgreiche Kufenflitzer sein, wie Marcel Müller von den Kölner Haien etwa.

Erstmals spielte nach dem Rotationsprinzip des »Kombiteams« Unitas am Poststadion, der Spielstätte der Spreewölfe. Hinter dem Spielerbereich mit Ersatzbank beginnt die Tribüne; vier, fünf Reihen mit Holzstreben für den Sitzkomfort, weitere fünf, sechs nur aus Beton. »Wir haben viel in Eigenleistung geschaffen«, sagt Ogilvie stolz. Multifunktionärin im Verein ist auch Valerie Keller. Sie ist Nachwuchskoordinatorin, Betreuerin des Skatemobils, Ordnerin bei Zweitligaspielen der Männer und selbst Erstligaspielerin. Warum hat sie als Fußballerin Töppen gegen Inlineskates getauscht? »Jörg Ogilvie meint, er habe mich entdeckt und auf die Rolle gebracht.« Das sei aber nur die halbe Wahrheit, findet sie: »Ich habe vor allem hart trainiert, um als Quereinsteigerin Bundesligaspielerin zu werden.«

Ogilvie teilt das emotionale Los eines jeden Trainers: Nervenkitzel vor der ersten Sirene. Seine Ansage gegenüber dem Autor ist eindeutig: »Während der Drittelpausen nur eine Minute fürs Pressegespräch.« Während des Spiels klatscht Ogilvie viel, oft ist er sehr zufrieden: »Sehr schön zurückgearbeitet!«, »Klasse Doppelpass, sauber!« 7:0 führen seine Jungs nach 20 Minuten gegen pomadige Lüneburger. Pausenstatement: »Trotz der klaren Führung müssen wir die Spannung hochhalten«, fordert Ogilvie.

Nicht ganz einfach. Nach dem 8:0 kassiert Unitas vier Gegentore in Serie. Zaghafter Unmut auf der Tribüne, einer sagt halblaut: »Total statisches Spiel.« Ogilvie greift ein: »Nicht so tief stehen, Jungs.« Kurzzeitig braust Ogilvie richtig auf, moniert den drohenden ­Kontrollverlust des Schiedsrichters über das Spiel. Der rollt auf den Übungsleiter zu, stoppt an der Bande und sagt: »Fahr’ mal runter, Trainer!« Nach wenigen Sekunden ist der Disput geklärt, alle kennen sich schließlich schon jahrelang. Die Spieler sorgen zudem für einen sinkenden Puls, erzielen vor Drittelende noch drei Treffer zum 11:4. Pausenstatement: »Die fünfminütige Zeitstrafe hat uns den Rhythmus genommen, die Gegentore fielen in Unterzahl«, erklärt Ogilvie.

Im dritten Drittel ist die Luft bei den Lüneburgern raus. Ogilvie weiß, das Spiel ist entschieden. Fünfmal netzen seine Rollercracks noch ein – Endstand: 16:4. Pflichtübung des Tabellenführers Unitas. Ein bisschen Jubel bei den Spielern, ein bisschen Applaus von den vier Dutzend Zuschauern.

Unitas-Topscorer Fabian Rudloff von den Buffalos blieb im Spiel, bei dem, wie im Eishockey, regelkonformer Körpereinsatz als »normale Härte« gilt, ohne Blessuren. Ein Malheur verrät er: »Beim Warm-up sprang der Ball nach einem Lattenschuss ans Schultereckgelenk.« Vielleicht hat es deshalb nur zu zwei Toren und drei Vorlagen gereicht. Der Aufstieg – machbar? »Wir haben ein homogenes Team und gute Chancen nach den Playoffs aufzusteigen.«

Ogilvie sieht das auch so, keine Frage, aber: Was macht den Hockeysport auf Rollen attraktiver als den auf Kufen? »Unsere Klimabilanz ist eine andere«, sagt Ogilvie keck. Und ernsthaft: »Skaterhockey ist authentisch, einfach hochsympathisch.«



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