Aufstand der Reisebüros: Das letzte Klack-Klack vor dem Kollaps?

Deutschlands Innenstädte sind leer. Die großen Läden und Kaufhäuser haben geschlossen. Keine Touristen weit und breit. Umso mehr fällt die Demonstration auf dem Hamburger Rathausmarkt auf: 25 Personen stehen schweigend in einem weiß markierten Quadrat, jeweils mit zwei Meter Sicherheitsabstand. Einige halten ein selbstgemaltes Plakat in die Höhe und stützen sich auf einen Koffer.

Das Häufchen wirkt wie eine Mahnwache. Doch plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe. Sie stampfen mit ihren Koffern lautstark im Rhythmus auf die Steinplatten und skandieren: „Schaut nicht länger zu, wie die Branche stirbt – rettet die Reisebüros.“

Versammelt haben sich zwei Dutzend Mitarbeiter von Reisebüros und kleineren Veranstaltern zu dem Aktionsbündnis „Wir zeigen Gesicht“. Vor dem Rathaus machen sie auf die prekäre Lage aufmerksam, die sich immer mehr zuspitzt. „Wir waren von der Coronakrise als erste betroffen und werden als letzte wieder herauskommen“, sagt Gabriele Kausche von der Reiselounge in Hamburg, die die Demonstration innerhalb von zwei Tagen auf die Beine gestellt hat. „Wir sind die Branche, die im Moment arbeitet, aber nicht bezahlt wird.“

Reisebüros leben von den Provisionen der vermittelten und durchgeführten Reisen. Doch durch die weltweite Reisewarnung, die jetzt vom Auswärtigen Amt noch bis zum 14. Juni verlängert wurde, ist das Neugeschäft seit Mitte März zum Erliegen gekommen.

Den Reisebüros droht der Kollaps

„In sechs Wochen haben wir zwei Reisen verkauft“, sagt Stefanie Batschulat, Mitarbeiterin eines Reisebüros in Lübeck. Alle gebuchten Reisen, ob in den Oster- oder Pfingstferien, sind storniert worden. Das bedeutet für die Büros zwei- bis dreifacher Mehraufwand. „Wir machen nicht nur null Umsatz, sondern wir zahlen drauf, es ist ein reines Minusgeschäft“, sagt die Reisebüroinhaberin.

Rettungschirm statt Sonnenschirm: Die Reisebüros sind krisenerprobt, zuletzt bei der Thomas-Cook-Insolvenz. Doch durch die Coronakrise sind Kleinunternehmen in ihrer Existenz bedroht
Rettungschirm statt Sonnenschirm: Die Reisebüros sind krisenerprobt, zuletzt bei der Thomas-Cook-Insolvenz. Doch durch die Coronakrise sind Kleinunternehmen in ihrer Existenz bedroht ©Till Bartels

„Wir machen die Arbeit für die großen Veranstalter mit“, die spielen auf Zeit, sind teilweise telefonisch nicht mehr erreichbar. So müssen die Reisebüros die Rückabwicklungen vornehmen, die Kunden informieren und bekommen deren Ärger über die Enttäuschung ab, dass sie zuhause bleiben müssen. Teilweise fordern die Veranstalter die bereits gezahlten Provisionen zurück, ein Todesstoß für manchen kleinen Betrieb.

Geld nur für die Großkonzerne?

Nach einer Umfrage des Deutschen Reiseverbands sind 60 Prozent der Reisebüros und Reiseveranstalter unmittelbar von der Insolvenz bedroht. Jedes fünfte Unternehmen musste bereits Mitarbeiter entlassen, 80 Prozent der Firmen mussten staatliche Hilfe beantragen.

Die Teilnehmer der Protestaktion ärgert besonders, dass sich die Politik in Berlin auf die Hilfsaktionen für Großkonzerne in der Touristik wie Lufthansa und Tui konzentriert hat. Schon Anfang April hat Tui einen KfW-Kredit in Höhe von 1,8 Milliarden Euro erhalten.

Die mittelständischen Reisebüros haben dagegen kaum eine Lobby. Nach Angaben der Allianz Selbstständiger Reiseunternehmen Bundesverband e.V. (ASR) geht es um die Zukunft der 10.000 Reisebüros in Deutschland. Knapp „1600 Betriebe mussten coronabedingt ihr Geschäft aufgeben“.

Reisebüros mit weniger als zehn Mitarbeitern stehen im Moment keine KfW-Schnellkredite ohne bankübliche Prüfungen zur Verfügung. Deshalb fordert das Aktionsbündnis nicht rückzahlbare Beihilfen für die Reisebranche. Neben Hamburg kam es am Mittwoch auch zu 30 weiteren Demonstrationen von Kiel bis Kempten im Allgäu.

Gutscheinlösung nur mit staatlicher Absicherung

„Wir haben zwar insgesamt 14.000 Euro von der Hamburger Soforthilfe und vom Bund erhalten. Das ist ein kleiner Puffer, der bis zum Sommer reicht“, sagt Matthias Pätzold des kleinen Veranstalters DRP Kulturtours, der mit seinem Fahrrad zur Demonstration am Rathausmarkt kommt.

Matthias Pätzold von DRP Kulturtours:
Matthias Pätzold von DRP Kulturtours: „Wir brauchen eine Perspektive“ ©Till Bartels

Der Hamburger Drei-Mann-Betrieb hat seine Kosten runtergefahren, soweit es ging. Er hält nicht viel von der Gutscheinlösung, solange diese nicht staatlich abgesichert ist. An die meisten seiner Kunden hat er die Anzahlungen für abgesagte Reisen zurückgezahlt. „Wenn ich das nicht mache, verliere ich doch den Kunden für immer“, sagt er.

Es gibt zum Glück in der Krise auch Kunden, die nicht gleich mit dem Anwalt drohen und auf ihr Geld pochen. Gleich zu Beginn des Reiseverbots habe sich ein Stammkunde gemeldet und blind einen Gutschein gekauft, weil er nächstes Jahr eh eine Reise bei dem auf dem Kulturreisen spezialisierten Unternehmen buchen möchte.

Pätzold hofft, dass die Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris durch Christo Ende September wegen des Coronavirus nicht abgesagt wird. Sie haben bereits Buchungen für drei Gruppenreisen zu der spektakulären Kunstaktion nach Paris im Kasten. „Wenn der Herbst stattfinden kann, wird alles gut“, sagt er, „aber wenn weiterhin die Reisebeschränkungen in Kraft sind, dann haben wir ein Problem.“

Hat einer

Nach knapp zwei Stunden ist die Zeit für die angemeldete Demo auf dem Hamburger Rathausmarkt abgelaufen. Die Plakate und weitere Utensilien verschwinden in den leeren Koffern. Dann ziehen die Mitarbeiter mit ihren Trolleys zurück in ihre Reisebüros, wo sie die Stornowelle für die Pfingstferien abarbeiten müssen.

Dabei hört man ein Geräusch, das man seit Mitte März nicht mehr wahrgenommen hat und doch so typisch für von Touristen viel frequentierten Innenstädten wie Hamburg, Berlin oder Heidelberg ist: das Klack-Klack der Trolleys auf den Bürgersteigen von Reisenden auf dem Weg zur Unterkunft. Dieser Sound des Wochenendtourismus fehlt – und vielleicht auch bald das Reisebüro um die Ecke, weil es seinen Betrieb einstellen musste.

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