Ausstellung im Bröhan-Musum: Aber bitte mit Hygge

Schlichte Eleganz. Die Vasenserie „Bolle“ wurde in den sechziger Jahren vom finnischen Designer Tapio Wirkkala entworfen. Foto:...
Einmal auf den Bäumen sitzen wie die Frühmenschen oder wie Kinder beim Spiel. Bequem in der Astgabel lümmeln, die nackten Füße auf graue Bälle gestützt, wie es Peter Opsvik, der Erfinder des Garden Chairs auf einem Foto demonstriert. Kaum zu glauben, dass sein freches Sitzmöbel das strenge Bauhaus im Stammbaum hat.

Die Ausstellung „Nordic Design – Die Antwort aufs Bauhaus“ verfolgt die weit verzweigten Verbindungslinien der modernen Gestaltung. Mit der Schau schließt sich ein Reigen. Zu Beginn des Jahres zeichnete das Bröhan-Museum die Entwicklung von Arts and Crafts zum Bauhaus nach, jetzt ist die nordische Reaktion auf Werkbund, Bauhaus und deutschen Funktionalismus zu sehen.

Eine kleine Sensation stellt das Krankenzimmer dar, das der finnische Stararchitekt Alvar Aalto gemeinsam mit seiner Frau Aino entworfen hat. Bei einer Deutschlandreise hatten die beiden im Jahr 1929 am Frankfurter CIAM-Kongress teilgenommen, dem Internationalen Kongress für moderne Architektur, damals mit dem Thema „Wohnen am Existenzminimum“. Sie hatten Walter Gropius und Le Corbusier getroffen und die Entwürfe des Neuen Frankfurt kennengelernt.

Die bahnbrechenden Pläne für das Tuberkulose-Sanatorium in Paimio existierten da bereits. Das Gebäude schlängelt sich schwungvoll durch die Landschaft, alle Zimmer sind nach Süden ausgerichtet. Die Inneneinrichtung sollte das „Salz in der Suppe“ werden. Als Alvar Aalto selbst krank war, stellte er fest, wie die Patienten ihr Zimmer im Liegen wahrnehmen, dass sie nämlich zuerst an die Decke schauen. Die Zimmerdecke ist deshalb in ruhigem Graugrün gestrichen, das Bettgestell aus lackiertem Stahlrohr freundlich gerundet. Selbst das Waschbecken ist so geformt, dass es die Ruhe nicht stört, der Wasserstrahl soll kaum zu hören sein.

„Richtig gemütlich wird es erst, wenn warmes Wasser in die Rohre kommt“.

Das Bauhaus wurde in den nordischen Ländern durchaus distanziert wahrgenommen. Formen und Materialien wurden als kühl und unzweckmäßig empfunden. Der dänisch-norwegische Architekt Edvard Heiberg ätzte nach seinem Besuch in Dessau, das Gebäude von Walter Gropius werde im Sommer zu „treibhausartigen Temperaturen und im Winter zu unverhältnismäßig hohen Heizkosten“ führen. Den Dänen fehlte Hygge, die Mischung aus Behaglichkeit und Geselligkeit. Der Karikaturist Storm P machte sich in den dreißiger Jahren über die glänzende Moderne lustig, so ist im Katalog zu lesen. Da sitzen zwei Dänen auf Stahlrohrstühlen und sind sich einig: „Richtig gemütlich wird es erst, wenn warmes Wasser in die Rohre kommt“. Der dänische Architekt Kaare Klint lehnte Stahlrohr denn auch ganz ab, weil es nach seiner Meinung in den Straßenverkehr und nicht nach Hause gehöre. Arne Jacobsen dagegen, ein Bewunderer von Kaare Klint, kannte keine Berührungsängste zu Entwürfen von Bauhaus-Künstlern.

Auch Swedish Modern nahm zwar die Formen des Bauhauses auf, übersetzte sie aber in natürliche Materialien wie Holz und Stoff oder raute die glänzende Oberfläche des Stahlrohrs auf, bis es matt und weich wirkte. Entscheidende Impulse erhielt die Gestaltung in beiden Ländern von den sozialen Forderungen der schwedischen Reformpädagogin Ellen Key, die schon 1899 in einer Streitschrift „Schönheit für alle“ forderte. Die produzierenden Betriebe, verlangte sie, sollten immer mit Künstlern zusammenarbeiten. Erstmals wurden Möbel auch für Kinder gedacht und entwickelt. In dem Spielsitzer von Kristian Vedel konnte ein Kind essen, klettern, wippen oder sich darin verstecken.

Aber erst der Tripp Trapp, der Kinderhochstuhl von dem norwegischen Designer Peter Opsvik, machte das Kind autark. Jetzt konnte es ohne Hilfe vom Hochstuhl klettern und so den Tisch verlassen. Opsvik ersetzt das starre Sitzen durch Bewegung. Auf seinem Kniestuhl Balans kann man schaukeln, auf dem ergonomischen Sattelstuhl Capisco die Position wechseln, sooft sich der Körper danach sehnt.

Die Ausstellung endet mit einer sehr fröhlichen Vision der Zukunft: mit dem psychedelischen Sitzlabyrinth von Verner Panton. Tatsächlich kann man in der dichtgedrängten Schau leicht die Orientierung verlieren. So vielfältig sind die Reaktionen auf Bauhaus und Funktionalismus in den einzelnen Ländern. Die Antworten des nordischen Designs reichen von Abwehr bis Aneignung.

Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.