Autokino-Konzert von SSIO: Ohne Moshpit, dafür mit Warnblinker

Autokinos werden in Corona-Zeiten zum großen Favoriten, um ein kleines bisschen Normalität zu spüren (Symbolbild)  ©shaunlGetty Images

Es ist wohl kaum zu leugnen, dass wir alle derzeit ein wenig an Kulturmangel leiden. Konzerte, Theaterbesuche, Kinoabende – all das ist für den Moment auf Eis gelegt und durch Netflix-Abende und ausgedehnte Spaziergänge mit genug Sicherheitsabstand ersetzt worden. Wenn ich mal ganz ehrlich bin, freue ich mich momentan so sehr auf den Supermarktbesuch wie normalerweise auf einen Weinabend mit Freunden. 

Viele Künstler*innen und Kulturveranstalter haben sich bereits kreative Lösungen ausgedacht, mit denen sie uns nicht nur ein wenig die Zeit zu Hause versüßen, sondern in einigen Fällen auch die Taschen derer füllen wollen, die wegen abgesagter Konzerte und Vorstellungen derzeit so gut wie keine Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es gibt zahlreiche Online-Konzerte (wie zum Beispiel auch auf dem NEON-Instagram-Kanal) oder „Veranstaltungen“ wie das „Keiner Kommt Festival“, das zwar nicht stattfinden wird, für das Fans und Supporter aber Tickets kaufen können, um Künstler*innen und Musiker*innen zu unterstützen, die finanziell sehr unter dieser Krise leiden.

Die ersten 500 Tickets waren in zwei Minuten ausverkauft

Einer, der trotz Corona unbedingt für seine Fans spielen wollte, ist Deutschrapper SSIO. Dafür dachte er sich etwas ganz Besonderes aus und mietete sich in einem Autokino in Düsseldorf ein. Unter dem Motto „Parkplatztreff“ verkaufte er 500 Tickets – und weil die innerhalb von zwei Minuten ausverkauft waren, gleich noch einmal 500 für den darauffolgenden Tag. Nachdem man mich am ersten Tag gnadenlos ausgebootet hatte, schaffte ich es im zweiten Anlauf tatsächlich, ein Ticket zu ergattern. Und während das ganze am Anfang noch ein kleiner Scherz unter Freunden gewesen war, sitzen meine Begleitung und ich am Samstagnachmittag auf einmal im Auto, um den langen Weg gen Düsseldorf anzutreten. Die kleine Stimme, die in meinem Kopf laut BENZINVERSCHWENDUNG schreit, versuche ich damit wegzuargumentieren, dass ich schließlich seit mittlerweile gefühlten 100 Wochen nur noch in der Wohnung sitze und mich kaum vom Fleck bewege.

Auf dem zum Autokino umgewandelten Messeparkplatz tummeln sich bereits zahlreiche Autos, aus denen teilweise laute Musik und mal größere, mal kleinere Rauchschwaden quellen. (Bevor jetzt jemand DRUNK DRIVING ruft: Am Ausgang standen am Ende des Konzerts Polizeikontrollen.) In wie vielen der anderen Wagen ein Picknickkorb mit einer Auswahl verschiedener Käsesorten auf der Rückbank bereitsteht mag ich nicht raten, aber ich würde mal annehmen, dass wir damit eher in der Minderheit sind. Macht aber auch alles nichts, denn: Selbst für Snacks, einen Merch-Stand und einen Sanitärbereich hat man gesorgt. Selbstverständlich mit Ordnern, die dafür sorgen, dass in den Schlangen ein entsprechender Sicherheitsabstand eingehalten wird und alle ihre Masken tragen. So sinnvoll wie ungewohnt.

Als SSIO auf die Bühne fährt, geht die Sonne unter

Übertragungssender eingeschaltet, Rückenlehne in ultimative Lounge-Position eingestellt und schon kann es losgehen mit der Show. Als SSIO um 21:20 in einem Smart gen Bühne rollt, geht gerade die Sonne über Düsseldorf unter.

Können Warnblinklichter einen Moshpit ersetzen? Nein. Hat Hupen das gleiche befreiende Gefühl, wie sich in einem verschwitzten Konzertsaal die Seele aus dem Leib zu brüllen? Auch nicht. Machen wir uns kurz Sorgen, dass das viele Fernlichtgeblinke die Batterie zum erliegen bringt und wir nach dem Konzert nicht mehr wegkommen? Absolut. Und doch ist das Autokino-Konzert genau das, was wir uns davon erhofft hatten: ein echt lustiger Abend.

Wir singen mit, wir versuchen, mit möglichst viel Rumgewackel die knapp zwei Tonnen Automasse zum Ruckeln zu bekommen, stoßen mit alkoholfreiem Bier auf ein wahnsinnig unsinniges Abenteuer an und vergessen für einen kurzen Moment, dass die Welt gerade völlig aus den Fugen geraten ist. Zwischen getunten Kleinwagen, glänzenden Protzkarren und dem einen oder anderen verlorenen Smart ist für einen kurzen Moment mal wieder alles normal. Wenn man mal davon absieht, dass wir uns nur für nötigste Gänge aus dem Auto bewegen dürfen und das Geschenk des Rappers an ein glückliches Gewinnerauto nur mit Maske und viel Abstand überreicht werden darf.

Und auch, wenn SSIO merklich damit kämpft, eine Verbindung zu seinem Publikum aufzubauen, das ihm normalerweise aus nächster Nähe ins Gesicht grinst, tut er sein Bestes, um den etwa 1000 Anwesenden eine unterhaltsame Show zu liefern. Er läuft durch die Reihen, macht Witze und liefert so engagiert ab, dass sein – ohne Frage unfassbar teurer – Seidenpyjama am Ende des Abends vollkommen durchgeschwitzt ist.

Vermutlich sind Autokino-Konzerte nicht das große Konzept der Zukunft. Irgendetwas fehlt dann doch, wenn man da so abgeschnitten von der Menge im eigenen fahrbaren Kämmerlein hockt. Und zu viele Menschen scheinen noch nicht verstanden zu haben, dass man bei solchen Veranstaltungen das Radio einschalten muss, um den Sound ins Auto übertragen zu bekommen. Sie werden vermutlich mit dem Gefühl nach Hause gefahren sein, dass die Audioqualität nicht besonders überzeugend war. Und doch werde ich in den nächsten Monaten die Augen und Ohren offenhalten, um zu schauen, was sich die Musik-, Kino- und Kunstszene noch so alles einfallen lässt. Nur wenn’s diesmal ein wenig näher an Hamburg wäre, wär das nett. Irgendwann tut einem dann doch der Po weh.

Source link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.