Schlingensief wurde stürmisch geliebt und gründlich verkannt

Schlingensief fordert in New York zum Boykott deutscher Waren auf.FOTO FILMGALERIE 451

[ad_1]Christoph Schlingensief erinnert sich noch gut an die Premiere seines Films „Menu Total“ beim Interrnationalen Forum des Jungen Films: „Nach zehn Minuten ging Wim Wenders raus und 400 Leute mit ihm“. Unter den verbliebenen Zuschauern kam es nach der Vorführung zu einer Schlägerei, das anschließende Publikumsgespräch mit ihm und Alfred Edel brach der Regisseur unter dem Vorwand ab, wichtige Verhandlungen mit Verleihern führen zu müssen, sein Vater kam weinend auf ihn zu und fragte: „Warum hast du so einen Film gemacht?“, sein Mentor Werner Nekes schäumte, dieses Werk sei faschistoid, und Schlingensiefs Patentante, die Schwester des Vaters, beglückwünschte ihn vergnügt und rief: „Superlustig!“

„Er wurde halt als Filmemacher immer missverstanden“, sagt Frieder Schlaich, Produzent und Gründer der Filmgalerie 451, die alle Schlingensief-Filme im Programm hat und mit der Wiedervereinigungs-Horror-Satire „Das deutsche Kettensägenmassaker“ einen ersten veritablen Videothekenhit landete („Wahrscheinlich, weil bei dem Titel alle was ganz anderes erwartet haben“).

Schlaich ist der Hüter des Schlingensiefschen Filmarchivs, aber nicht sein Nachlassverwalter, das ist ihm wichtig. Schon 2007, drei Jahre vor dem Tod des Künstlers, hat er damit begonnen, einen Berg an Videokassetten zu digitalisieren, etliche Mitschnitte von Theaterarbeiten darunter, die ansonsten in einem feuchten Keller in der Choriner Straße verschimmelt, in den Tiefen der Volksbühne verschollen oder privater Schatz geblieben wären.

Montage aus Interview, privaten Filmen, Theatersequenzen

„Welcher Künstler sonst ist bildlich so umfassend dokumentiert, von der Geburt bis zum Tod, über fast 50 Jahre?“, fragt Bettina Böhler, die als Filmeditorin Schlingensiefs „Die 120 Tage von Bottrop“ und „Terror 2000“ verantwortet hat und jetzt als Regisseurin die Dokumentation „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“ im Panorama vorstellt.

Eine Montage aus Interviews, die Frieder Schlaich, Alexander Kluge und Gregor Gysi mit ihm geführt haben, aus privaten Super-8- und Videofilmen, die Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz zur Verfügung gestellt hat und die zu Teilen noch nie zu sehen waren. Hinzu kommen Filmsequenzen sowie Theaterszenen, die auf der Bühne oder draußen auf der Straße das kollektive Weiter-im-Text stören.

Christoph Schlingensief in seinem Opferndorf in Burkina Faso.Foto: DPA/Aino Laberenz

Entstanden ist eine erhellende Schlingensief-Bespiegelung, das vielgesichtige Porträt eines Künstlers der sich selbst „die verflixte Angewohnheit, alles als Film zu betrachten“ attestiert und sogar die Gespräche mit Freunden über seine Krebserkrankung ohne deren Wissen mitgeschnitten hat.

Störung der deutschen Gemütlichkeit

Gründlich dokumentiert, gründlich missverstanden. Und am Ende zum Heiligen verklärt. Das ist die Oberfläche eines Lebens im Dauerbeschuss von Beschreibungs-Platzpatronen, die meistens „Provokateur“, „Enfant terrible“ oder „Chaot“ lauteten. „Endlich aufräumen mit diesen Klischees“, wollte sie, sagt Bettina Böhler. Zeigen, dass Schlingensiefs Arbeiten von einer Dringlichkeit und auch Ernsthaftigkeit befeuert waren, die viele gern übersahen, weil es ihnen die Mühe ersparte, sich mit seinen Inhalten auseinanderzusetzen.

„In das Schweigen hineinschreien“ – das meint zum einen die Ruhestörung in dieser Herberge zur deutschen Gemütlichkeit, in deren Keller Schlingensief gern mal mit der Taschenlampe hinabstieg, um zu zeigen, dass dort alles unter Wasser steht. Dass die Hitlervergangenheit kein Gespenst von gestern ist, die Wende in Wahrheit eine riesige Hanswurstiade war, und Neonazis keine Randgruppe, sondern Mitte-Menschen sind.

Und genau so verweist der Schrei- Satz auf das bürgerliche Elternhaus des Apotheker-Sohns aus Oberhausen, dessen Eltern aus einer Kriegsgeneration kamen, die zu jung war, um Täter zu sein, aber alt genug, um von dem kollektiven Verstummen danach und dem verbissenen Wiederaufbau-Fleiß erfasst zu werden. Wo der einzige Sprössling in der guten Stube alle sechs Kinder zu performen versuchte, die seine Eltern sich so gewünscht hatten. Und wo er stürmisch geliebt wurde. Wenn auch nicht unbedingt für seine Werke.

„Mir gefiel sein Humor in der Arbeit“

Im Film hat Schlingensief die Elternfiguren gern mal umgebracht oder sie von Menschen aus dem Umfeld seiner „Freakstars“ verkörpern lassen, den Performern mit Behinderung („Die 120 Tage von Bottrop“, etwa in „Menu total“. Da wirkten aber keine Traumata nach, keine Misshandlungen im Apothekenhinterzimmer. Über das Passionsbild vom beschädigten Künstler hat Schlingensief sich nur lustig gemacht – und den Ursprung solcher Fantasien in plastischer Schönheit als ein „tiefes inneres Drecksloch“ beschrieben.

„Mir gefiel seine Art von Humor in der Arbeit. Er hat ja nie so getan, als ob seine Anliegen ausschließlich hoch politisch wären“. Das sagt die Fassbinder-Darstellerin Margit Carstensen, die bald ihren 80. Geburtstag feiert und 1989 als Magda Goebbels in „100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker“ ihre Zusammenarbeit mit Schlingensief begann.

Nicht zuletzt, weil sie nach den Jahren mit Rainer Werner Fassbinder „einen inneren Leerlauf verspürte und überall nach Menschen suchte, die eine ähnliche Kraft hatten wie er“. Mit dem Humor trifft sie einen Punkt, der mindestens so gern übersehen wird wie die Ernsthaftigkeit. Schlingensief hatte das Talent, die Verhältnisse so ins Groteske aufzublasen, dass sie ihre tatsächliche Lächerlichkeit preisgeben.

Dankbar für jede gute Kritik

Mehr Anerkennung hätte er sich gewünscht, gerade für seine Filme, das beschreiben viele der Weggefährten. „Er war dankbar für jede gute Kritik“, sagt Irm Hermann, die andere große Fassbinder-Schauspielerin, die prägend wurde in seinen Arbeiten. „Irgendwie hatte er kein Selbstwertgefühl, der gute Christoph“. Wobei sich – zumindest bei Rezensionen – der Bewunderung auf die Sprünge helfen ließ.

Jörg van der Horst, der Ende der 90er zur Schlingensief-Familie stieß und eine Art Ghostwriter wurde, ein Textfabrikant für alle Fälle und brüderlicher Mitdenker, erinnert sich daran, dass sie sich „auf dem Höhepunkt des Größenwahns selbst Kritiken zu einzelnen Arbeiten schrieben und mit dem Logo der FAZ oder auch des Tagesspiegels auf die Homepage stellten“.

Und Matthias Lilienthal, der Schlingensief als Dramaturg der Volksbühne zum Theater gebracht hat, erzählt gern, wie der Mann so lange am Telefon auf grummelige Journalisten einreden konnte, „bis sie überzeugte Mitglieder der Church of Christoph waren“.

An der Filmhochschule hat man Schlingensief abgelehnt

Es gibt den frühen Schlingensief-Kurzfilm, „Das Geheimnis des Grafen von Kaunitz“, bei dem man denkt: „Das könnte ein Regisseur sein, der macht auch mal einen Tatort“. Sagt der Regisseur selbst. Was dann aber nie passiert. Nur Aufnahmeleiter bei der Lindenstraße war er mal. Ins Fernsehsystem hat er nicht gepasst, da sei ja bis heute nur das Angepasste gefragt, sagen Schlaich und Böhler übereinstimmend.

Auch an der Filmhochschule hatte man ihn abgelehnt, obwohl er sich doch bei Wim Wenders höchstselbst um Fürsprache bemühte. Zur Strafe wurde der Wenders-Kitsch-Satz „Wir müssen die Bilder der Welt verändern, nur dann verändern wir die Welt“ später gern von Schlingensief auf der Bühne verwurstet.

Müßig, darüber zu spekulieren, ob dieser Ausschluss aus dem Club der Großkünstler eine bleibende Verletzung war. Seinen Eltern jedenfalls, das legt „In das Schweigen hineinschreien“ nahe, hätte er gern mal einen Mainstream-Erfolg präsentiert. Schon um sie zu trösten, wenn wieder mal eine anonyme Postkarte kam: „Schlingensief-Vater, warum hast du deinen Sohn nicht in die Ruhr abgespritzt?“ Vielleicht gibt es auch deshalb diese Bilder, wie er als „Parsifal“-Regisseur in Bayreuth neben Frau Merkel und Frau Stoiber in die Kamera strahlt.

Mit dem Theater wusste er zunächst nichts anzufangen

Die Schlingensiefsche Urszene ist ein Super-8-Film des Vaters, der versehentlich mehrfach belichtet wurde und eine Familie am Strand von Norderney zeigt, über die Passanten laufen. Ohne Überblendungen und Ambivalenzen ist auch der Künstlersohn nicht zu haben.

Mit dem Theater wusste er zunächst nichts anzufangen. Die angestrengt spuckenden Schauspieler fand er furchtbar, wie die langjährige Schlingensief-Kostümbildnerin Tabea Braun erzählt, er hat auch später gern den Thomas-Meinecke-Satz zitiert: „Theater zu Parkhäusern!“. Aber an der Volksbühne – wo er bei Leseproben gern auf dem Tisch das eigene Skript im Alleingang vor interessiertem Ensemble durchspielte – erwarb er sich seinen donnernden Ruf. Und erfand sich überhaupt erst als Performer, mit einem Debüt-Auftritt in der vierten Vorstellung von „100 Jahre CDU“, bei der er seinen Selbstmord ankündigte.

Ein rigoroser Arbeitsansatz

Bloß wenn ihm später, wie nach der Aktion „Bitte liebt Österreich!“ in Wien, alle auf die Schulter klopften, „dann war ihm das auch wieder suspekt“, sagt Matthias Lilienthal. „Das hat er versucht mit dem Arsch wieder einzureißen“. Im Büro des Produzenten Frieder Schlaich hängt dieses Plakat vom „Deutschen Kettensägenmassaker“, das Schlingensief noch mit roter Farbe bespritzen musste. Es war ihm irgendwie zu glatt.

Aber Provokation? Höchstens Selbstprovokation. Das erklärt der Künstler im Film am Beispiel der Apotheke, in der sein Vater kleine Mengen Gift verabreiche, mit deren Hilfe sich ein Organismus wieder regulieren könne.

Die Weggefährten erinnern sich auch zehn Jahre nach seinem Tod gern an diesen rigorosen Arbeitsansatz. „Man musste immer davon ausgehen, dass die heute noch gefeierte Superidee morgen schon keine Rolle mehr spielte“, sagt Jörg van der Horst. „Er hat Vertrauen geschenkt und das Chaos zugelassen“, beschreibt Tabea Braun. Es war egal, dass sie als Studentin beim Dreh von „Terror 2000“ noch nicht wusste, dass man manche Kostüme in zwei- oder dreifacher Ausfertigung braucht, „dann waren die Sachen eben blutig beim zweiten Take und wurden auf links getragen“.

Schlingensief fehlt, sehr sogar

„Ich bin für ihn immer ins kalte Wasser gesprungen“, sagt Irm Hermann, etwa, wenn Schlingensief fünf Minuten vor der zweiten Vorstellung von „Berliner Republik“ an der Volksbühne dem Ensemble verkündete: Heute spielen wir das Stück rückwärts. Oder wenn er sie beim Dreh von „African Twin Towers“ in Namibia nachts um 2 spontan für eine Szene weckte.

„Das ging nur mit Leuten wie mir“. Und Margit Carstensen, die seine Lebensabschiedssätze im Stück „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ gesprochen hat, sagt: „Ich fand ihn durchaus fanatisch. Aber es war nichts Terroristisches an ihm. Wir waren liebende Freunde“.

Schlingensief fehlt, sehr sogar. „Wir hätten noch viel miteinander erleben können, ihm wär’ schon was eingefallen zu den vielen Themen dieses Landes und dieser Welt“. Das sagt Axel Silber. Ein Schauspieler mit körperlicher Einschränkung, der Kanzlerkandidat war, als die Partei Chance 2000 gegründet wurde, und der mit Schlingensief in viele Theaterschlachten gezogen ist. Auf die Frage, was er am meisten an ihm geschätzt habe, entgegnet Silber: „Dass er so war, wie er war“.[ad_2]

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