Berliner Architekturstreit: Spiel mit der Provokation – Kultur



Es ist ein schwerer, bereits für allerhand Rumor weit über Berlin hinaus sorgender Vorwurf, den die international renommierte, in Berlin-Kreuzberg herausgegebene Architekturzeitschrift „Arch+“ in ihrer soeben erschienenen neuen Ausgabe erhebt. Es geht um den zur Jahrtausendwende vom Berliner Architekten Hans Kollhoff gebauten Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg. Die Stuttgarter Architekturhistorikerin Verena Hartbaum schreibt nun über Kollhoff , dass „der konservative Architekt eine antisemitische Flaschenpost aus der Zeit des italienischen Faschismus in die deutsche Gegenwart hineingeschmuggelt hat“.

Nationalistische Mythen

Das Heft von „Arch+“ hat das Titelthema „Rechte Räume“ und nimmt die Leser in durchaus interessanter Weise auf eine Reise durch Europa: hin zu Orten, in denen etwa in Spanien oder Italien weiterhin der Diktatoren Franco und Mussolini gedacht wird oder wo im Ungarn von Victor Orban oder in Ex-Jugoslawien Bauten und ihre Baugeschichte umgeformt werden, um nationalistischen Mythen neue wie alte „rechte Räume“ zu eröffnen.


Generell kritisch sehen dabei die „Arch“-Autoren Rekonstruktionen vergangener Stadtbilder, ob es die Frankfurter Altstadt ist oder das Hohenzollernschloss in Berlin. Im fokussierten Fall von Kollhoff geht es freilich um eine Neukonstruktion, wobei die Zeitschrift eine stilistische Verwandtschaft des Walter-Benjamin-Platzes vor allem mit Turiner Bauten von „Mussolinis Hofarchitekt“ Marcello Piacentini aus dem Jahr 1936 belegen will. Gravierender aber ist in diesem Kontext der Hinweis auf eine Inschrift, die den meisten der vielen tausend Menschen, die über den 2001 eröffneten Walter-Benjamin-Platz gegangen sind, wohl noch nie aufgefallen war.

„Usura“ heißt Wucher

Fast in der Mitte des 108 Meter langen und 32 Meter breiten, längsseits von den „Leibnizkolonaden“ (benannt nach der angrenzenden Leibnizstraße) mit jeweils 26 granitgrauen Säulen gesäumten Platzes ist da im Pflaster fast unscheinbar zu lesen: „Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein / die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, / dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert.“

Ein sperriger, auf Anhieb nicht gleich verständlicher Satz, in Versmaß gesetzt. „Usura“ ist das italienische Wort für „Wucher“. Das Zitat stammt aus der zwischen 1915 und 1962 nach und nach auf fast 1000 Seiten angewachsenen Gedichtsammlung der „Cantos“ – vom hier ungenannt gebliebenen amerikanischen Dichter Ezra Pound. Pound (1885 – 1972) münzte den Begriff „Usura“ im Sinne von Zinswucher freilich auch auf das Gebaren des neuzeitlichen internationalen Finanzkapitals, das nach seiner Ansicht von Juden bestimmt wurde und wahre Werte, also auch bauliche Wertarbeit, verhindere.

Rechte retrospektive Architektur

„Arch+“-Chefredakteur Anh-Linh Ngo betont zwar gegenüber dem Tagesspiegel, „an keiner Stelle sagen wir, dass Kollhoff ein ,Antisemit’ sei.“ Allerdings wird die Kombination von Platzgestaltung und Pound-Zitat im Heft „als der explizit antisemitische Kulminationspunkt einer implizit rechten retrospektiven Architektur Berliner Machart vorgestellt“. Walter Benjamin, der sich als Jude und linker Intellektueller 1940 auf der Flucht vor den Nazis an der französisch-spanischen Grenze des Leben nahm, und der Mussolini-Verehrer und Verbreiter „antisemitischer Propaganda“ Ezra Pound, diese von Kollhoff bewusst gewählte Verbindung sei „eine kaum anders als perfide zu nennende Konstellation“.

Nun muss man wohl unterscheiden. Pound war nicht nur der berühmteste amerikanische Poet des 20. Jahrhunderts. Seine in den „Cantos“ kulminierende Dichtung spannt Lyrik und Kulturkritik, Philosophie und Ökonomie aus den entferntesten Sphären zusammen. Pound geht von Homer und Dante aus, er schreibt englische, italienische, provencalische Mundart, zitiert, variiert, assoziiert (oft schwer verständlich) buddhistische, konfuzianische Quellen, springt über zum japanischen Haiku oder verwebt afrikanische Motive und Mythen, setzt bisweilen auch chinesische oder japanische Schriftzeichen, veralbert Karl Marx oder beschimpft Roosevelt und Churchill als Juden, verhöhnt den Bankier Rothschild. Zugleich aber verdanken sich ihm wunderbare Sprachbilder, etwa in dem 1912 in Paris entstandenen Gedicht „In einer Station der Metro“: „Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge: / Blütenblätter auf einem nassen schwarzen Ast.“

Reden gegen das „jüdische Establishment“

Der seit Mitte der 1920er Jahre an der Riviera lebende Pound wollte 1942, nach dem Angriff auf Pearl Harbor und dem Eintritt der USA in den Krieg, zurück nach Amerika, was ihm Washington verwehrte. So blieb er in Italien und trat bei Radio Roma als fanatisch oder verzweifelt wirrer Redner auf und zeterte gegen die US-Regierung und ein vermeintliches jüdisches Establishment. Pound ist für Mussolini, doch gegen Hitler (den „epileptischen Hinterwäldler“). 1945 nehmen ihn die Amerikaner gefangen, sperren ihn wochenlang in einen offenen „Gorillakäfig“, der 60-jährige Dichter muss nachts unter Scheinwerfern auf nacktem Zementboden schlafen. Später, da gilt er offiziell als wahnsinnig, sperrt man ihn zwölf Jahre in eine Heilanstalt – bis er, für den sich T.S. Elliot, Hemingway, Beckett und viele andere Großgeister einsetzen, endlich entlassen wird und nach Europa zurückkehrt.

Sperrige Verse. Die Inschrift auf der Mitte des Platzes stammt aus Ezra Pounds Gedichtsammlung „Cantos“.Foto: Mike Wolff

Alles kompliziert. Gewiss ist die granitgraue Imposanz-Architektur des Walter-Benjamin-Platzes von Anfang an umstritten. Indes hat Hans Kollhoff am Potsdamer Platz mit seinem Backsteinhochhaus im New Yorker Stil auch einen der wenigen, großen Glücksfälle der Nach-Wendearchitektur beschert. Warum aber steht das Pound-Zitat ohne den Namen des Autors da?

Stararchitekt in der Toskana

Der 72-jährige Stararchitekt, der derzeit in der Toskana weilt, äußert sich hierzu erstmals im Gespräch mit dem Tagesspiegel: „Ich habe mich gegen die Kennzeichnung entschieden, weil das Zitat auch etwas Enigmatisches haben sollte. Wer das gelesen hat, kann sich ja selbst auf die Suche begeben. So hat es eine andere Aktualität, die anregen sollte, darüber selbst nachzudenken. Natürlich fragt man sich, was haben Ezra Pound und Walter Benjamin mit einander zu tun? Sie sind sich als Zeitgenossen wohl nie persönlich begegnet, obwohl das in Paris möglich gewesen wäre. Aber beide haben sich an ihrer Zeit gerieben; beide glaubten sich nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und dann der Weltwirtschaftskrise auf der Spur von Antworten – der eine im Sinne eines revolutionären Sozialismus, der andere unter dem Einfluss von Mussolinis Faschismus. Beide gescheiterten Hoffnungen muss man vor allem aus ihrer Zeit heraus verstehen. Doch wir dürfen uns fragen, was wir dennoch heute damit anfangen können.“

Heikler Satz

Dieser Satz klingt heikel. Kollhoff sagt freilich: „Der Vorwurf des Antisemitismus angesichts des Zitats aus Pounds ,Cantos’ ist unsinnig und völlig inakzeptabel.“ Er hält den neuen Vorschlag, Pound zumindest mit einem Zitat von Benjamin zu kontrastieren, zwar für interessant, aber es erschiene ihm „als Relativierung oder Korrektiv, und dazu gibt es keinen Grund.“ Kollhoff beharrt: „Pound war kein Antisemit“, weil er wenige Jahre vor seinem Tod im Gespräch mit dem (jüdischen) Dichter Allen Ginsberg seinen Antisemitismus den „schwersten Fehler meines Lebens“ genannt hatte.

Also war Pound Mitte der 1930er Jahre, als er auch den Canto über „Usura“ schrieb, eben doch ein Antisemit? Im Normalfall, lautet die Antwort: ja. Andererseits war der zwischen Genie und Wahnsinn oszilliierende Dichter nicht der Normalfall, sondern ein Mann der Masken („Personae“). Der personifizierte Widerspruch. Seine fabelhafte, lebenslange, heute 94-jährige Übersetzerin Eva Hesse nennt den verehrten Freund „schizoid“.

Die Buchhandlung „Geistesblüten“

Übrigens trägt das Berliner Bode-Museum heute den Namen eines wilhelminischen Direktors, der seine jüdischen Mäzene einst auch mit antisemitischen Äußerungen bedacht hatte. Und das skandalisierte Pound-Zitat, es steht im Boden des Walter-Benjamin-Platzes direkt vor der schönen Buchhandlung „Geistesblüten“. Nomen est omen.



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