Bloß nicht wieder zurück in die Nische | ZEIT ONLINE


Immerhin: Ihren Mitteilungsdrang in den sozialen Netzwerken haben die deutschen Fußballerinnen auch nach dem Abschied von der Frauen-WM so lange wie möglich beibehalten. Die vor knapp zwei Jahren eigens eingestellte Social-Media-Managerin Sabrina Dirks hatte kürzlich im bretonischen Quartier in Bruz versprochen, bei einem Ausscheiden der deutschen Fußballerinnen weiterzuposten und nicht abrupt abreißen zu lassen. Sich mit Danke und Tschüss auf die Heimreise zu machen, wäre ein bisschen wenig, wo doch die mittlerweile 113.000 Follower allein auf Instagram „von morgens beim Aufstehen bis abends zum Einschlafen“ wissen sollten, was los ist.

Nach dem 1:2 im WM-Viertelfinale gegen Schweden hieß es am Sonntag: Koffer packen und abreisen. In der Wartezeit am Flughafen Charles de Gaulle in Paris haben Johanna Elsig, Carolin Simon, Sara Doorsoun oder Svenja Huth die finalen Schnappschüsse hinterlassen. Dazu bedankten sich die DFB-Frauen über den offiziellen Weg bei 7,9 Millionen ARD-Zuschauern, die sich die Niederlage angeschaut hatten. Dazu die Aufforderung: „Schaltet weiter ein! Am 31. August ist EM-Qualifikation gegen Montenegro.“

Deutlicher könnte der Kontrast nicht sein. Statt sich auf ein WM-Halbfinale gegen den Nachbarn und Europameister Niederlande im vollen Stade de Lyon und vor vermutlich einer zweistelligen Millionenquote an den Fernsehschirmen am nächsten Mittwoch zu freuen, muss Werbung gemacht werden für eine Sommer-Nische im Sportprogramm im nächsten Monat. Denn der Auftakt in der Qualifikation für die EM 2021 in England steigt an jenem Tag bereits um 12.30 Uhr, um die Pflichtaufgabe gegen Montenegro als Familienfest deklarieren zu können. Kasseler Auestadion statt Stade de Lyon, wo jetzt England, USA, Niederlande und Deutschland-Bezwinger Schweden den Weltmeister ausspielen.

Fußballerische Armut

Dass Deutschland die aufgemotzte Finalwoche verpasst, ist außerordentlich bitter. Nicht nur für die bei Olympique Lyon angestellte Spielmacherin Dzsenifer Marozsán, deren gebrochene Mittelzehe letztlich entscheidend diese WM beeinflusste. Zwar gelang es über vier Spiele, das Fehlen der besten Fußballerin mit einem kollektiven Kraftakt zu kaschieren, aber Einsatz und Wille, Lauf- und Kampfstärke waren letztlich zu wenig. Marozsán sollte unter Martina Voss-Tecklenburg der fußballerische Fixpunkt sein und die spielerischen Akzente setzen. „Sie kann man nicht ersetzen“, hatte die Bundestrainerin gesagt. Die Strategin war unter Steffi Jones sogar die Kapitänin, als die DFB-Frauen bei der EM 2017 gegen Dänemark (1:2) bei der Wiederholung eines am Vorabend wegen Regens in Rotterdam abgebrochenen Viertelfinals verloren. Nun hat sich in Rennes die Geschichte wiederholt: Ein Gegentor genügte, um den Stecker zu ziehen. Nach der Führung von Lina Magull (16.) drehten Sofia Jakobsson (22.) und Stina Blackstenius (48.) das Blatt.

Bei allen Protagonisten aber wäre das Eingeständnis hilfreich, dass das WM-Aus weniger mit „fehlendem Spielglück“ (Voss-Tecklenburg), sondern eher mit fußballerischer Armut zu tun hatte. Dass der amtierende Olympiasieger nun bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio fehlt, weil sich dafür nur die besten drei europäischen Teams der WM qualifizieren, ist bitter.

Au revoir Bretagne, posteten die DFB-Frauen zu den mit trauriger Musik unterlegten Abschiedssequenzen. Au revoir Weltspitze wäre besser gewesen. Für Voss-Tecklenburg ist das eine „Sache der Definition“, denn: „Wir haben nicht 0:5 verloren, sondern 1:2. Ich glaube, dass auf der anderen Seite ein Gegner stand, der robuster, cleverer und cooler war.“ Aber sie bleibe dabei: Richtig weit seien die deutschen Fußballerinnen nicht weg von den Weltmächten, „ich sehe eine große Lernbereitschaft, Kampfbereitschaft und Leidenschaft“. Aber gibt es ausreichend Spielwitz, Kreativität und Technik? Auch hier malt die Trainerin nicht schwarz: Giulia Gwinn (19), Klara Bühl (18) oder Lena Oberdorf (17) sind Spielerinnen, denen die Zukunft gehört. „Wir haben Spielerinnen dabeigehabt, die noch in zehn, zwölf Jahren Nationalmannschaft spielen“, sagte die 51-Jährige, „da weiß ich gar nicht, ob ich dann noch dabei bin.“



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