Bruno Ganz: Der Überirdische | ZEIT ONLINE

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Er war der Engel in „Der Himmel über Berlin“, der Hitler in „Der Untergang“ und ein Revolutionär des deutschsprachigen Theaters. Ein Nachruf auf Bruno Ganz

Der Schauspieler Bruno Ganz im Jahr 2006
© APA/dpa

Es war dieser gütige Blick in seinen Augen. Ein Blick, der den
Zuschauer glauben machte, dieser Mann habe im Leben alles gesehen, mit sich
ausgemacht und befinde sich in völligem Frieden mit sich und der Welt.
Vielleicht war es auch einfach die Rolle, die Bruno Ganz in Der Himmel über Berlin spielte, die einem diese Illusion nahelegte: die des
Engels Damiel, der 1987, in der damals noch geteilten Mauerstadt, mit erstauntem
wie liebevollem Blick in die Menschen hineinsah.

Die Rolle des gütigen älteren Mannes sollte den Bühnen- und Filmschauspieler noch lange begleiten. In dem wunderbaren Liebesfilm Brot und Tulpen (2000) von Silvio Soldini
etwa spielt er einen melancholischen Kellner, der zum Bezugspunkt für eine italienische
Hausfrau wird, die von ihrem Gatten an der Autobahnraststätte zurückgelassen worden
ist. Ein Film, immer haarscharf am Rande des Kitschs, der aber doch ans Herz
geht, weil Ganz eben nie die eine Geste zu viel macht. Sondern immer nur
andeutet, was gerade in ihm vorgeht. 

Dass er einmal als geflügeltes Wesen und romantische
Sehnsuchtsfigur für Frauen mittleren Alters agieren würde, hätte sich Ganz in
seiner Jugend wohl nicht vorstellen können. Der Schweizer, am 22. März 1941 in
Zürich-Seebach geboren, gehörte zu den jungen Wilden der deutschsprachigen Nachkriegstheaterszene.
Zur Bühne gelangte der Sohn eines Fabrikarbeiters über die Freundschaft zu
einem Beleuchter am Zürcher Schauspielhaus. Sein erstes Engagement erhielt der
21-Jährige am Jungen Theater in Göttingen, zwei Jahre später wechselte er ans
Bremer Theater und kam dort mit den Regisseuren in Kontakt, die sein weiteres Bühnenleben
prägen sollten: Peter Zadek und, vor allem, Peter Stein.

Gemeinsam mit ihm
prägte Ganz einen neuen, als revolutionär empfundenen Theaterstil. Das sogenannte Regietheater zertrümmerte die ihrer Ansicht nach verstaubten
klassischen Inszenierungen der Nachkriegszeit. Dekonstruktion nannten sie es;
Aggression und Zerstörungswut attestierten ihnen ihre Kritiker. Einer der
Höhepunkte dieser Theaterdebatte bildete 1969 Steins Inszenierung von Torquato Tasso mit Ganz in der
Hauptrolle. Entsetzte Kommentatoren erkannten ihren Goethe nicht wieder, während
andere eine wegbereitende Neuinterpretation des Klassikers
sahen
. Heute gilt der Tasso als eine der bahnbrechendsten Inszenierungen der deutschen Theatergeschichte.

Peter Stein zog 1970 mit einem ausgewählten Team an Schauspielerinnen
und Schauspielern weiter nach Berlin und gründete gemeinsam mit Ganz ein
kleines Theater am Halleschen Ufer: die Schaubühne. Unter den beiden wurde sie zu
einem der einflussreichsten Theater Europas und Bruno Ganz zu einem der größten
Bühnenstars im deutschsprachigen Raum. 1981 zog das Ensemble in den heutigen
Bau am Lehniner Platz um, im Jahr darauf übernahm Ganz die Rolle des Hamlet
unter der Regie von Klaus Michael Grüber – ein weiterer Höhepunkt seiner
Bühnenkarriere. Die Verbindung zwischen Peter Stein und Ganz hielt an: 2000
spielte Ganz in dessen monumentaler 20-Stunden-Inszenierung des Faust die Titelrolle – eine Tour de
Force, die ihm den Berliner Theaterpreis einbrachte. Die wohl größte Ehre
seiner Zunft hatte der Schauspieler da schon erhalten: Josef Meinrad vermachte ihm
1996 den Iffland-Ring, eine Auszeichnung, die dem „jeweils bedeutendsten und würdigsten
Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters auf Lebenszeit verliehen“ wird.

Zu Ganz‘ Erfolg trug bei, dass er
ein untrügliches Gespür dafür besaß, welche Künstler zu seiner Zeit die interessantesten
Ansätze und Ideen hatten. Anfang der Siebzigerjahre, in der Hochzeit des Neuen
Deutschen Films, klinkte er sich einige Jahre aus dem Theaterbetrieb aus und
drehte ausschließlich Filme. Unter anderem mit Éric Rohmer (Die Marquise von O.), Peter Handke (Die linkshändige Frau), Reinhard Hauff (Messer im Kopf), Werner Herzog (Nosferatu) und Volker Schlöndorff (Die Fälschung). International bekannt wurde
er aber in Wenders‘ Der Himmel über
Berlin
sowie mit seiner Rolle als sterbender Dichter, der einen kleinen
Jungen rettet, in Theo Angelopoulos‘ Film Die
Ewigkeit und ein Tag
, der in Cannes 1998 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet
wurde.



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