Coronavirus in Marokko: Hunderte Wohnwagen-Touristen stecken fest

Marokko: Hunderte Wohnwagen und Pkws an der Grenze zu der spanischen Exklave Ceuta   ©Hartmut Dassel

Im Winter ist Marokko ein beliebtes Reiseziel für europäische Urlauber. Auch Reisende aus Deutschland verbringen die kalte Jahreszeit gerne unter der marokkanischen Sonne – viele reisen mit dem eigenen Auto oder Wohnmobil an. In nur 40 Minuten gelangt man mit der Fähre von Algeciras auf dem spanischen Festland in die Exklave Ceuta auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar.

Doch auf alle, die in diesem Jahr mit Wohnmobil oder PKW in Marokko unterwegs waren, wartete bei der Rückreise eine böse Überraschung. Am 20. März verhängte die marokkanischen Behörden aufgrund der Coronavirus-Ausbreitung den Ausnahmezustand sowie eine umfassende Ausgangssperre. Es gilt nun ein allgemeines Reiseverbot zwischen Städten, der gesamte Flugverkehr ist eingestellt, für Autofahrten wird eine Genehmigung benötigt. Die Regelungen gelten für alle Menschen, die sich in Marokko aufhalten – Ausnahmen für Ausländer bestehen nicht.

Als die ersten Informationen zu den drohenden, drastischen Maßnahmen durchsickerten, machten sich hunderte europäische Touristen mit ihren Wohnwagen und Autos auf den Heimweg. Doch an der Grenze zu Spanien dann der jähe Stop: Um Mitternacht des 22. März schließen die spanischen Behörden die Grenzübergänge in den Exklaven Ceuta und Melilla. In Anbetracht der bereits in den Tagen zuvor erfolgten vollständigen Sperrung des Luftraums und Einstellung des Fährverkehrs sowie der seit 1994 geschlossenen Landgrenze zu Algerien ist eine Ein- und Ausreise aus Marokko damit derzeit faktisch unmöglich.

Wahl zwischen Stau und Parkplatz

Hunderte Wohnwagenmobilisten bleiben auf der Straße nach Ceuta stecken. Am Dienstag warten an die 300 Wohnmobile an der Grenze auf die Weiterreise. Auch im Hafen der spanischen Stadt stauen sich an die 70 Wohnwagen.

Unter ihnen befinden sich auch zahlreiche deutsche Touristen, aber auch Österreicher, Schweizer und Franzosen. Sie alle stecken nun ratlos an der spanischen Grenze fest. Fähren zum Festland gibt es keine mehr. Die Regierung in Madrid erklärt, man werde keine Durchfahrt von Wohnmobilfahrern gestatten, auch wenn sie EU-Bürger sind. Und auch in Marokko ist die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Heißt im Klartext: Es geht weder vor noch zurück. Wo soll man also hin?

Das fragen sich auch Lena und Matthis aus München. Sie stehen seit Montagabend mit ihrem Baby und ihrem VW in der Schlange auf der Straße nach Ceuta. „Zur Zeit wissen wir auch nicht, ob wir hier länger ausharren oder zu einem Parkplatz fahren sollen“, berichtet Matthis dem stern. „Wir fürchten nur, dass wir auf einem Parkplatz in Vergessenheit geraten werden, vielleicht für Wochen.“

Zudem könne man sich in Ceuta wenigstens mit notwendigen Lebensmitteln und Trinkwasser eindecken, so Matthis. Wie es auf einem Parkplatz aussehen wird, weiß er nicht zu sagen.

Doch die Lage der Wohnmobilisten und Autofahrer wird zusehends kritischer. „Viele stehen bereits seit mehr als zwei Tagen in dieser Schlange. Die ersten Kassettentoiletten werden am Straßenrand entleert. Viele Leute gehen in die umliegenden Büsche und an den Strand, um sich zu erleichtern. Die hygienischen Bedingungen verschlechtern sich rapide. Hier bahnt sich eine unaushaltbare Situation an, spätestens, wenn es wieder trocken und wärmer wird“, berichtet Hartmut Dassel, der ebenfalls seit Tagen vor Ceuta feststeckt.

Lösung nicht in Sicht

Am Mittwoch richteten die marokkanischen Behörden für die Wohnwagen-Reisenden Parkplätze ein, wo sie ihre Vorräte aufstocken können. Die deutsche Botschaft in Rabat drängt die gestrandeten Wohnmobilisten dazu, sich einen Park- oder Campingplatz mit Strom- und Wasserversorgung nahe der Grenze suchen und die weitere Entwicklung zu beobachten.

Nach einer baldigen Lösung klingt dies nicht. Das Auswärtige Amt wollte auf eine Anfrage des stern keine öffentliche Stellung dazu nehmen, ob bereits konkrete Maßnahmen zur Rückholung der Mobilisten in Planung sind. In einem Schreiben des deutschen Konsulats in Malaga an Betroffene heißt es jedoch, dass sich die Botschaften in Madrid und Rabat gemeinsam mit EU-Partnern und dem Auswärtigen Amt „für eine umgehende Lösung mich Nachduck einsetzten“. Das Schreiben liegt dem stern vor.

Während sich die Reisenden, die in Ceuta festsitzen, noch überlegen, ob sie zu einem zugewiesenen Parkplatz fahren sollen, warnen andere eindringlich davor. Dort werde man eingesperrt, berichten Reisende von dort dem stern. Die marokkanischen Behörden würden ein Verlassen der Parkplätze nicht mehr erlauben. „Wir wurden auf diesen Parkplatz gelockt, ohne darüber informiert zu werden, dass uns unsere Bewegungsfreiheit von einem Moment auf den nächsten genommen wird“, erzählt ein Reisender aus Bern. Die marokkanischen Behörden setzen dort offenbar die umfassenden Regeln der Ausgangssperren durch.

Hunderte warten auf Flüge aus Marokko

Tatsächlich ist die Schlange aus Wohnwagen vor Ceuta nur die Spitze des Eisbergs. Überall in Marokko sitzen deutsche Touristen fest. Reiseveranstalter und die Lufthansa hatten mit Unterstützung der Bundesregierung in den letzten Tagen rund 6000 Reisende aus Marokko per Flugzeug nach Deutschland geholt.

Video: Deutsche Urlauber kehren zurück

Doch für viele kam die Nachricht von den Rückholflügen zu spät. Wie etwa für den 38-jährigen Sofiane. Er sitzt im Norden von Marokko fest. „Am vergangenen Freitag um 14 Uhr haben wir eine Email bekommen, wir sollen um 19 Uhr in Casablanca sein. Das war aber rein zeitlich unmöglich“, berichtete er dem stern. „Ich bin langsam verzweifelt. Mir geht das Geld aus und in Deutschland warten zwei kleine Kinder auf mich.“

Mehrere hundert deutsche Staatsbürger sollen im Norden Marokkos noch auf Flüge nach Deutschland warten. Wann sie ausreisen können, kann aber zurzeit niemand sagen.

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