Das Hirn des Fußballs | ZEIT ONLINE


Wer Lust auf eine abendfüllende Debatte hat, wirft in einer Fußballkneipe seiner Wahl folgenden Satz in die Runde: „Toni Kroos ist einer der besten deutschen Fußballer aller Zeiten.“ Manche werden auflachen, andere nicken. Manche werden über den Querpass-Toni spotten und darüber, dass sie ihn noch nie haben schwitzen sehen. Andere werden von seiner Perfektion schwärmen und sofort Lust bekommen, einen zarten Flugball genau auf die Brust des Kneipenwirts zu schlagen.

Kein deutscher Fußballer hat so viele internationale Titel gewonnen wie Toni Kroos. Trotzdem steht er in Deutschland noch immer unter Lethargieverdacht, weil er zu gut ist, um ständig das tun zu müssen, was deutsche Fans am liebsten sehen: Gras fressen. Er grätscht zu selten, haut ungern dazwischen, blutet nie auf sein Trikot. Nein, ein Mann fürs Volk ist Kroos nicht, was auch daran liegt, dass niemand so richtig zu wissen scheint, wer dieser Toni Kroos wirklich ist, was er denkt und wie er tickt.

Genie oder Phlegmatiker?

Das weiß man auch nach Konsum von Kroos kaum, dennoch ist der Film des Regisseurs Manfred Oldenburg eine der eindrucksvollsten Dokumentationen, die es in der vergangenen Zeit rund um den Fußball gegeben hat. Weil sie über Kroos‘ Schulter hinweg einen Einblick in die absurde Glitzerbranche gibt. Vor allem aber, weil sie entscheidende Anhaltspunkte zur Ausgangsfrage liefert: Ist Toni Kroos nun Genie oder Phlegmatiker?

Die Filmemacher haben, und das ist die größte Stärke des Films, viele kluge Leute aus dem Spitzenfußball vor die Kamera bekommen. Und das Schöne an klugen Leuten, ist, dass sie kluge Dinge sagen. „Es gibt wenige Spieler, in denen ich mich so getäuscht habe“, sagt etwa Marcel Reif. „In den schwierigsten Momenten ist er der Mutigste von allen“, sagt Pep Guardiola. „Er ist in keiner Situation überfordert“, sagt Jupp Heynckes. „Seine besondere Fähigkeit besteht darin, das Spiel anders zu sehen als die anderen“, sagt der Philosoph (und ZEIT ONLINE-Kolumnist) Wolfram Eilenberger. „Ich liebe es, ihn trainieren zu sehen“, sagt Zinédine Zidane. „Für ihn ist alles wie in Zeitlupe“, sagt der aktuelle Weltfußballer Luka Modrić. „Wenn Toni will, dass wir schneller spielen, spielen wir schneller. Wenn er will, dass wir langsamer spielen, spielen wir langsamer“, sagt Kroos‘ Mannschaftskollege Casemiro.

Allein Uli Hoeneß ist noch immer die Enttäuschung anzumerken, dass Kroos damals für den FC Bayern im Finale der Champions League gegen Chelsea keinen Elfmeter schießen wollte. Hoeneß sagt aber auch in einem seltenen Anflug von Selbstkritik, dass es „vielleicht“ ein Fehler war, Kroos zu Real Madrid ziehen zu lassen. Ein wirklich schlechtes Wort fällt in dem Film nicht über Kroos. Nun hätte es so etwas wie „Toni Kroos ist eine Wurst“ vermutlich auch nicht in ein Biopic über ihn geschafft, dennoch ist es bemerkenswert, dass sich so viele Menschen, die sich mit Fußball auskennen, so einig sind.

Man muss den Sachverständigen nur lange genug zuhören, sich auf sie einlassen und Sätze wirken lassen wie „Toni Kroos versucht, das Chaos zu kontrollieren“ oder „Ich habe sein Spiel erst nach ein paar Jahren besser begriffen“. Die Bilder des eleganten Toni Kroos, der einen Ball von hier nach da passt, oder einen Gegner mit einer Körpertäuschung ins Nirgendwo schickt, sind fast so etwas wie ein Erweckungserlebnis. In ihnen erkennt auch der letzte Zweifler, dass da jemand am Werk ist, der das Spiel durchdrungen hat wie kaum ein anderer. Der etwas beherrscht, was stets nur die besten ihres Metiers beherrschen: Schwieriges leicht aussehen zu lassen. Womöglich ist ein Problem von Toni Kroos, dass er alles ein wenig zu einfach aussehen lässt. Dass er dadurch jedem Kneipenkicker das Gefühl gibt: Das könnte ich auch.



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