Depression zur Weihnachtszeit: Wenn die Feiertage nicht fröhlich sind

©Dominic Lipinski/Picture Alliance
Die Weihnachtszeit. In Film, Fernsehen und der Werbung wird sie uns als etwas Gemütliches verkauft, als eine Zeit der Besinnlichkeit, der Wärme, der Liebe und der Familie. Doch die Realität sieht häufig ganz anders aus: Stress, weil die Geschenke noch nicht alle besorgt sind oder man die komplette Familie bei sich über Weihnachten hat. Stress, weil man eine Odyssee auf sich nehmen muss, um zur Familie zu kommen. Streitereien mit der Familie oder Einsamkeit schlagen auf unser Gemüt. Im schlimmsten Fall könne es sogar zu körperlichen Zusammenbrüchen kommen, warnen Experten.

Forscher der Universität Göttingen kamen schon 2015 in einer Studie zum Schluss, dass viele Europäer Weihnachten eher als belastende und stressige Zeit empfinden: „Im Allgemeinen waren Umfrageteilnehmer, die in der Weihnachtszeit befragt wurden, deutlich schlechter gestimmt und weniger zufrieden mit ihrem Leben als die Menschen, die zu anderen Zeiten im Jahr befragt worden waren“, so die Studie.

Gläubige Christen weniger von Stress geplagt

Eine Ausnahme bilden dabei allerdings gläubige Menschen: „Christen, vor allem jene, die sich selbst als sehr religiös einstufen, sind in der Vorweihnachtsphase positiver eingestellt und zufriedener mit ihrem Leben“, sagt Professor Mutz, einer der Leiter der Studie. Das Wohlbefinden werde bei Christen in dieser Zeit weniger negativ beeinflusst als bei Nicht-Christen.

Der von vielen Menschen empfundene Mangel an Lebensqualität und emotionalem Wohlbefinden gehe laut Studie auf den vorweihnachtlichen Trubel und die wachsende Ausrichtung auf materiellen Konsum zurück, die mit der Weihnachtszeit einhergehe. „Viele fühlen sich gestresst durch den Druck, rechtzeitig Geschenke kaufen und die mit den Feiertagen verbundenen gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllen zu müssen. Finanzielle Sorgen werden oft als zusätzliche Belastung empfunden“, so Mutz. Christliche Menschen würden in der Vorweihnachtszeit hingegen weniger materialistisch und konsumorientiert handeln.

Aber nicht nur Stress ist ein Faktor. Das Online-Programm „Selfapy“, das Hilfe bei psychischen Problemen anbietet, nennt hohen Erwartungsdruck als Problem: „Unser Streben nach dem ‚perfekten‘ Weihnachtsfest endet nicht selten in den sprichwörtlichen Scherben, weil wir uns und unseren Lieben zu viel Druck machen. Da kann ein unterdrückter Konflikt, der wochenlang unter der Oberfläche brodelte, auch gern mal während der Bescherung explodieren“, heißt es auf der Internetseite von „Selfapy“. Auch gegensätzliche Wünsche von Partnern oder der Familie seien Zündstoff.

Die dunkle Jahreszeit verschlimmert die Sorgen

Streit und Stress sind die eine Seite. Doch manche Menschen plagt an den Feiertagen die Einsamkeit, wenn sie diese Zeit alleine zu Hause verbringen. Für Menschen, die sich ohnehin einsam fühlen, wird die Einsamkeit zu dieser Zeit nochmal besonders deutlich. „Erinnerungen an vergangene Zeiten, zu denen der Heilige Abend vielleicht noch mit Familie oder Partner verbracht wurden, werden wach und verursachen Traurigkeit oder negative Gefühle“, so „Selfapy“. Betroffene seien traurig und ziehen sich zurück, so die Oberberg Kliniken, ein Verbund von Fachkliniken.

Zusätzlich schlägt der Winter noch emotional drauf. Die Dunkelheit, Kälte und das nasse Wetter schlagen auf das Gemüt. Die depressive Symptomatik, die sich durch Antriebslosigkeit oder Freudlosigkeit kennzeichnet, komme in der Adventszeit verstärkt zum Vorschein. Man spreche dann von Weihnachtsdepression, so das Online-Hilfeprogramm.

Depressionen

Doch mit Ende der Feiertage ist es oftmals nicht vorbei. So geben die Oberberg Kliniken an, dass viele Menschen auch zu Beginn des neuen Jahres in ein psychisches Loch fallen. Dies bezeichne man auch als „Entlastungsdepression“. Besonders Frauen seien betroffen, da diese sich meist um die Organisation des Festes kümmern würden. „Vergleichbar ist Weihnachten mit einer wichtigen Prüfung, die man mit Bravour gemeistert hat, in deren Folge sich das Hochgefühl – bedingt durch Hormonausschüttungen – jedoch nicht so richtig einstellen mag. Dies führt zu Irritationen und bringt so machen zum Grübeln“, so die Kliniken auf ihrer Internetseite.

Tipps gegen Stress und Weihnachtsdepression

Die Kliniken berichten, dass sich an den Weihnachtstagen vermehrt Menschen mit Problemen an Krisenhilfen wenden würden. Dass die Suizidrate zu Weihnachten steige, sei statistisch aber nicht belegt. Nach den Feiertagen und zu Beginn des neuen Jahres sei sie dennoch überdurchschnittlich hoch.

Aber was kann getan werden, um Stress und Depression zu Weihnachten vorzubeugen? Und was, wenn man schon mittendrin steckt? Hier ein paar Tipps:

  • Versuchen Sie sich Weihnachten keinen Stress zu machen und die Erwartungen an das Fest niedrig zu halten.
  • Sprechen Sie offen mit der Familie oder dem Partner über Vorstellungen und Wünsche und reduzieren Sie belastende Aufgaben.
  • Hobbies oder Sport sollten zur Weihnachtszeit nicht zu kurz kommen, denn sie können unsere Akkus aufladen und einem Halt und Balance geben.
  • Angst Weihnachten alleine zu verbringen? „Selfapy“ rät in diesem Fall aktiv auf andere zuzugehen und zu fragen, ob man gemeinsam feiern möchte. Oder man sucht sich andere Alleinstehende. Kirchen oder Beratungsstellen bieten oftmals Hilfe an. Wenn Sie jemanden kennen, der Weihnachten einsam sein wird, gehen Sie auf ihn zu und fragen nach.
  • Geben Sie sich und anderen Raum, um sich auch mal zurückzuziehen und inne halten zu können. So können Streitigkeiten vermieden werden.
  • Wenden Sie sich an die Telefonseelsorge. Die Berater sind 365 Tage im Jahr rund um die Uhr erreichbar. Es besteht auch die Möglichkeit einer Chat-Beratung. Unten finden Sie die Telefonnummern.

Quellen: Universität Göttingen, „Selfapy“, Oberberg Kliniken, Schön-Kliniken

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