Der erste Gong (Tageszeitung junge Welt)


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»Bruderkampf«: um den Berliner Meistertitel im Halbweltergewicht zwischen Gerhard »Bubi« Dieter und Hans-Heinrich Dieter 1956 in den Weddinger Rehbergen

Die Spurensuche beginnt in der Bruno-Gehrke-Halle im westlichsten Westberlin, in Spandau. Nicht einfach, ohne Ortskenntnis hier herzufinden. Hinter einem metallenen Gatter erstreckt sich ein teilweise verwaistes Gewerbegebiet. Mittendrin preisen Kfz-Klitschen Sachverständigengutachten an, Lageristen offerieren Trödel aus Wohnungsauflösungen, ein paar Meter weiter steht die Halle.

Einst war die Gehrke-Halle ein Heereszeugamt der Wehrmacht, 1952 wurde es zur Wettkampfstätte umgebaut. Das hier überhaupt geboxt wird, ist dem Namensgeber Bruno Gehrke, dem langjährigen Sportamtsleiter Spandaus, zu verdanken. Der stellte ein Seilquadrat auf. Heute ist die Halle das Zuhause vom Bundesligisten Boxring Hertha BSC.

In den verwinkelten Katakomben des Untergeschosses (mit Kabinen, Sanitäranlagen und Gym) hat hinter der hintersten Glastür Hans-Peter Miesner (75), der Grandseigneur des Berliner Boxsports, sein Domizil. Ein musealer Ort, zwanzig Regalmeter Pokale, Teller und Medaillen, Dutzende Wimpel zieren die Zimmerdecke. Fotocollagen hängen an den Wänden, dazwischen Plakate von Boxveranstaltungen im legendären Sportpalast. Boxsportgeschichte konzentriert auf 15 Quadratmetern.

»Kurz zur Klarstellung«, hakt Miesner gleich zu Gesprächsbeginn ein, »das hier ist die Geschäftsstelle des Spandauer Box-Clubs, praktisch aber auch das Zweitbüro des Berliner Boxverbands«. Montags und freitags sei er in Spandau. Mittwochs in der formellen Geschäftsstelle des Berliner Boxverbands (BBV) in der Paul-Heyse-Straße in Prenzlauer Berg. Ist es dort auch so museal? »Nein, eher nüchtern.«

Exakt lassen sich die Ursprünge des BBV nicht rekonstruieren – eine Geschichte mit Lücken. Satzung, Protokolle, Papiere, all das gibt es nicht mehr. Vielleicht Kriegsverluste, mutmaßt Miesner. Bekannt ist immerhin so viel: Erste Schaukämpfe von Boxern gingen im Rahmen eines Hallensportfestes des »Verbandes Berliner Athletik-Vereine« über die Bühne. Das war im Februar 1919. Boxen, während des Kaiserreichs als »Rabaukensport« verpönt und verboten, durfte sich erst in der Weimarer Republik öffentlich präsentieren und verbandsmäßig organisieren.

Eine Annonce im Boulevardblatt B. Z. am Mittag löste eine Gründerstimmung aus. Im »Pschorr Bräu« in der Friedrichstraße fanden sich am 24. Mai Vertreter von SV Astoria, SC Heros 03, Berliner Sport-Club und dem Boxing-Club Berlin 1913 ein; eine Boxsport-Arbeitsgemeinschaft wollten sie gründen. Deshalb nahmen anfangs neben Verfechtern des Amateurboxens auch ein Profimanager und Berufsboxer teil. Auf eine Linie konnten sich die Versammelten nicht verständigen. Kurzentschlossen rief der Hauptinitiator Leonhard Mandlar eine zweite Runde ein. Diesmal am 1. Juni 1919 in der »Blechschmidts Diele« am Schlesischen Tor mitten in Berlin SO 36. Die Geburtsstätte des BBV.

Miesner ist es wichtig, die Vorreiterrolle des BBV im deutschen Amateurboxen zu betonen. Denn erst anderthalb Jahre nach der BBV-Gründung schlossen sich am 5. Dezember 1920 in Berlin die deutschen Amateurboxer unter dem Dach »Deutscher Reichsverband für Amateurboxen« zusammen. Initiator: wiederum Mandlar.

Braune Flecken gibt es auch in der Historie des Berliner Boxsports: Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Sinti- und jüdischen Boxern im Faschismus. Das weiß Miesner, das räumt er ein. »Eine Aufarbeitung dieses Kapitels ist viel zuwenig gemacht worden.«

Der BBV ist nach 1949 vor allem eine Westgeschichte. Drei Gesamtberliner Meisterschaften 1949, 1950 und 1951 gab es noch, »vor riesiger Kulisse in der Freilichtbühne Rehberge im Wedding«, erzählt Miesner. Ab 1952 war aber Schluss, die Ostberliner Boxklubs integrierten sich in das Sportsystem der DDR.

Boxen liegt in Miesners DNA. »Ja, ich bin erblich vorbelastet«, sagt er und lacht. Vater Erwin war Amateurboxer und 1926 Mitgründer des Spandauer Box-Clubs (SBC). 1949, als die Alliierten Boxsport wieder zuließen, hob er den Verein aufs neue aus der Taufe. Kaum überraschend, dass der Sohn Vereinsmitglied wurde, mit dem Ziel: »Der Junge soll auch boxen.« Nein, einfach sei es daheim nicht immer gewesen, der Druck für den Talentierten hoch. Ein paar Amateurkämpfe hat er absolviert, dann zwang ihn ein Meniskusschaden zur Aufgabe. Fortan bewegte er sich außerhalb des Rings, zuerst als Jugendwart und -trainer, mit Anfang 20 wurde er Geschäftsführer beim SBC, und 1986 folgte Miesner dem langjährigen BBV-Präsidenten Joachim Emmerich nach. Ringsprecher, das ist seit 1975 aber seine eigentliche Passion, getreu seines Mottos: »Immer in action bleiben.«

Miesner ist im ehrenamtlichen Dauereinsatz in der Gehrke-Halle. Mal fehlt ein Raumschlüssel, mal müssen Spielerpässe rausgesucht werden, mal wollen Boxer einfach nur einen Plausch. Miesner ist sich nicht zu schade, Jungspunden im Gym den Sandsack zu halten. Und vor der Tafel mit dem Boxeinmaleins aus DDR-Zeiten doziert er ab und an: »Würden die Jungs und Mädels das im Boxsport beherzigen, hätten sie eine solide Grundschule.«

100 Jahre BBV, die Highlights? Miesner muss nicht lange überlegen: Der »Bruderkampf« 1956 im Halbweltergewicht um den Berliner Meistertitel zwischen Gerhard »Bubi« und Hans-Heinrich Dieter in den Weddinger Rehbergen etwa. Oder der Challenge Cup in der Deutschlandhalle im März 1990 – die DDR existierte noch – mit den Zugnummern Sven Ottke und Andreas Zülow. »Gänsehaut pur«, erinnert sich Miesner.

Und seine Vision für das Jubiläumsjahr? Eine Veranstaltung in den Rehbergen, einfach als Reminiszenz an die legendären Boxkämpfe in Berlin.



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