Der Ex-Kapitän von Hertha BSC probiert sich aus: Peter Niemeyer ist der Mann für den Übergang – Sport

Ein Mann, zwei Jobs. Peter Niemeyer (links) assistiert Gonzalo Garcia (l.) und betreut Twentes Toptalente.FOTO: IMAGO IMAGES/VI IMAGES

Peter Niemeyer erinnert sich noch gut an die, wie er sie nennt, „weisen älteren Leute“. Leute, die ihm am Ende seiner Karriere als Fußballer empfohlen haben, er solle so lange spielen, wie es nur irgend geht, und die er für solche Ratschläge immer ein bisschen belächelt hat. Heute weiß er: Diese Leute hatten Recht.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass Niemeyer für Darmstadt 98 zuletzt auf einem Fußballplatz gestanden hat. Seitdem ist dem früheren Mittelfeldspieler einiges klar geworden. Niemeyer erkennt nun Dinge, die ihm früher gar nicht so bewusst waren: dass man als Fußballprofi zum Beispiel wahnsinnig viele Privilegien und Annehmlichkeiten genießt, dass einem unheimlich viel abgenommen wird – man „dadurch aber auch ein bisschen träge wird“.

Peter Niemeyer sitzt im Auto. Da hat er viel Zeit zum Telefonieren. Eine Stunde braucht er bis zu seinem Arbeitsplatz in Enschede. Morgens um sieben verlässt er in Münster das Haus, abends um sieben ist er wieder zurück. Und das an mindestens sechs Tagen in der Woche. Zumindest war das vor Corona so.

Als Niemeyer im Sommer 2015 nach fünf Jahren bei Hertha BSC zu Darmstadt 98 wechselte, ging er mit der Zusage, nach seiner Karriere einen Job bei Hertha zu bekommen. Mit Michael Preetz, dem Manager der Berliner, ist Niemeyer weiterhin in Kontakt. Sie haben sich darauf verständigt, jeweils zur neuen Saison zu besprechen, wie der Stand der Dinge ist. So war das auch vor einem Jahr. „Michael Preetz hat mir geraten, ich solle dasAngebot aus Enschede annehmen, da das mein Profil schärfe“, erzählt Niemeyer. UndAuslandserfahrungistperspektivisch ganz sicher auch kein Nachteil ist.

Also ist Niemeyer im Sommer erst einmal dorthin zurückgekehrt, wo alles angefangen hat. Zum FC Twente Enschede, Klub seiner Jugend und erste Station im bezahlten Fußball. Niemeyer, 37, ist jetzt Co-Trainer des Spaniers Gonzalo Garcia bei Twentes Profis und zugleich als Jugendkoordinator für die Toptalente des Klubs verantwortlich. Im Moment aber befindet er sich – wie der gesamte Fußball – im Standby-Modus.

Seine Position gab es vorher nicht

Twentes Akademie ist längst geschlossen. Die Profis trainieren individuell, weil der Bürgermeister der Gemeinde Hengelo, in der Twentes Vereinsgelände liegt, sogar die Arbeit in Zweiergruppen untersagt hat. Und ob es in der Ehrendivision überhaupt weitergeht, ist fraglich. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Holländer dem Beispiel der Belgier folgen und die Saison vorzeitig abbrechen. „Nach Corona ist nicht vor Corona“, sagt Peter Niemeyer. „Was da übrigbleibt, kann derzeit keiner einschätzen.“

Sein Vertrag bei Twente läuft bis zum Ende der Saison. Niemeyer hat schon das Signal bekommen, dass der Verein gern mit ihm weitermachen würde, seine Arbeit also als hilfreich erachtet wird. Seine Funktion hat es bei Twente zuvor nicht gegeben und ist auch ein bisschen aus der Not geboren worden, weil die finanzielle Situation des Klubs alles andere als rosig ist. „Wir haben neue Strukturengeschaffen“, sagt Niemeyer.

An der Schnittstelle von Jugend und Profis soll er den Zöglingen aus der Akademie den Übergang in den Männerfußball erleichtern. Niemeyer arbeitet mit Twentes Toptalenten aus der U 16, U 17 und U 19, er unterstützt die Akademie in allen fußballspezifischen Fragen. Außerdem ist er für Enschedes U 23 verantwortlich.

Eigentlich existiert die U 23 gar nicht. Es gibt bei Twente keinen U-23-Kader, die Mannschaft trainiert auch unter der Woche nicht zusammen, aber es gibt eine U-23-Spielrunde der Klubs aus der Ehrendivision. Also wird das Team jede Woche aufs Neue aus Spielern der Profimannschaft gebildet, die am Wochenende nicht zum Einsatz gekommen sind, und aus den besten Talenten des Klubs.

Betreut wird die U 23 von Peter Niemeyer, gespielt wird am Montagabend. An dem Tag also, an dem er als Co-Trainer der Profis normalerweise frei hätte. Auf die Frage, ob das alles nicht ein bisschen viel sei, antwortet er: „Es ist nicht zu viel – weil ich so viel mitnehme und so viel lerne. Für mich ist es ein Segen.“

Niemeyer strebt einen Job im Management an

Twentes Profis, nach einem Jahr in der Zweiten Liga zurück in der Ehrendivision, sind mit viel Elan in die Saison gestartet. Nach sechs Spieltagen waren sie noch ungeschlagen und lagen hinter Ajax Amsterdam und dem PSV Eindhoven auf Platz drei. Seitdem aber läuft es weniger gut, wodurch Niemeyer zuletzt stärker bei den Profis eingebunden war als ursprünglich geplant.

„Ich sehe mich nicht als Co-Trainer“, sagt er selbst. Obwohl er bis auf den Fußballlehrer alle Trainerscheine gemacht hat, strebt Niemeyer langfristig eine Tätigkeit auf der Managementebene an. Aktuell ist er viel damit beschäftigt, den Kader für die neue Saison zusammenzustellen, mögliche Neuverpflichtungen zu sichten. Peter Niemeyer sagt: „Das ist ein Bereich, der mich total anspricht.“

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