Der Osten regelt!? Teil II – JUNGE FREIHEIT


Wer will innerhalb einer Gruppendynamik nicht zu den Gewinnern zählen? Wer gehört schon gern zu „den Opfern“, die sich nicht wehren können oder wollen. Gab es anfangs noch in den unteren Klassenstufen Zusammenschlüsse deutscher Schüler, lösten die sich bereits in den Grundschuljahren auf. Die Deutschen, die über etwas mehr taktisches Geschick oder Wehrhaftigkeit verfügten, wechselten die Seiten oder versuchten sich zumindest mit den bekannten Alpha-Jungs aus dem Viertel gutzustellen.

„Feiglinge!“ heißt es heute vielfach, gerade von seiten anonymer Internetrambos. Aber was waren die Alternativen? Viele von uns haben keine Brüder oder Cousins. Ich hatte ein Kinderzimmer für mich alleine, dafür aber eben keine zehn männlichen Verwandten für den Notfall. Und viele kannten die Geschichten aus Bezirken, in denen es noch viel schlimmer war.

Aus Neukölln von einem früheren Nachbarsjungen, wo plötzlich 15 Mann vor seiner Schule oder vor der Tür einer Privatparty standen. Oder von dem Jungen, den mehrere Araber bei der Sparkasse abfingen, und mit ihm die große Tour von Bankautomat zu Bankautomat machten, bis die EC-Karte nichts mehr hergab. Und die heftigen Einschläge kamen näher. Jahrelang gehörte eine kleine Straße bei mir um die Ecke zu den gefährlichen Orten in der Hauptstadt.

Eine Art Stockholmsyndrom

Die Folge war eine Art Stockholmsyndrom. Viele biederten sich in unterschiedlichen Ausprägungen den Ausländerkreisen an oder imitierten zumindest Ästhetik und Stil, kleideten sich wie sie: Pullover in die Diesel- oder Picaldi-Hosen und die Hosenbeine in Reebok-Fitneßschuhe oder in die Socken stecken. Während einige versuchten, das geschickt an die jeweilige Situation temporär anzupassen, gingen andere in dieser sich auf die Mehrheitsgesellschaft ausweitenden Parallelgesellschaft voll auf. Sie sprachen bald selbst mit Pseudo-Akzent, legten sich die gleichen Frisuren und Goldketten zu.

Der Osten regelt!? Teil I

Der aus der Berliner Gropiusstadt und einfachen Familienverhältnissen stammende Komiker und Autor des Buches „Sonne und Beton“, Felix Lobrecht, hat es Anfang des Jahres im 1Live-Interview so beschrieben: „Selbst die, die immer nur auf die Fresse bekommen haben von irgendwelchen Türken oder Arabs: es war nie ’ne Option dann deshalb Nazi zu werden. Das war eher so, daß man dann noch mehr probiert, sich wie die Jungs zu verhalten. Noch ’ne Picaldi, noch einen radikaleren Boxerschnitt, noch mehr Kanack-Deutsch reden. Wenn du dir so ’ne Klischee-Nazitruppe und so ne Klischee-Känäckgruppe anguckst, dann sind die Känacks natürlich viel cooler.“

Darin wird ein Dilemma deutlich, ein bipolares Muster, das nur Ausländerfreund oder Ausländergegner kennt. Wehrst du dich nicht, bist du Opfer. Wehrst du dich, bist du Fremdenfeind. Also wirst du selbst zu einem der Fremden. Da kaum jemand der wehrbereiteren Deutschen gerne Opfer war, aber auch nicht ins soziale Abseits geschoben werden wollte, paßten sie sich dem gesellschaftlich hofierten Ausländermilieu an.

Wer die Probleme ansprach, war ein Nazi

Aber nicht nur wenn man sich physisch wehrte, alleine die Ansprache der Gewaltaffinität eines gewissen südländischen Phänotyps reichte aus, um als böser Rechter abgestempelt zu werden. Bei einer ehrenamtlichen Tätigkeit erzählte ein Kollege, warum er Dinge so schnell vergesse. Die Folge einer Prügelattacke: Sein Sohn und er seien von einer Gruppe Türken zusammengeschlagen worden. Als es zur Gerichtsverhandlung kam, lautete der Vorwurf der Gegenseite schnell, Vater und Sohn hätten die Gruppe rassistisch beschimpft, man könne darüber ja mal die Arbeitgeber der beiden informieren. Während die Behörden es nicht schaffen, Clan- und Ausländerkriminalität wirksam zu bekämpfen, laufen die Zersetzungsmechanismen des Schuldkults seit jeher gnadenlos.

„Der Rechtsstaat kann dir in Berlin oft nicht helfen. Bei mir stehen seit 20 Jahren immer wieder Leute vor der Tür, die mich bedrohen wollen, das hat aber nie jemanden interessiert. Es gibt diese Parallelgesellschaften schon lange. Ich lache mich tot, wenn der Berliner Senat so tut, als sei das ein neues Problem, das er jetzt entschlossen angeht. Ich hatte mit sechs, sieben Jahren schon solche Probleme, weil ich Deutscher bin. Wenn ich später darüber gerappt habe, wurde ich als Nazi hingestellt“, schilderte der in der Thermometersiedlung im Süden meines Bezirks aufgewachsene Patrick Losensky, alias Fler, der FAZ seine Erfahrungen.

„Das ist Berlin, das ist die Ich-Fick‘-Deine-Mutter-Stadt“, heißt es im Lied „Berlin“ von seinem Album „Fremd im eigenen Land“, auf dem er gleichzeitig zu Recht betont, daß es durchaus möglich ist, mit Ausländern befreundet zu sein. Schließlich wuchsen alle zusammen auf.

Deutsche Jugendliche in der Zange

Gemäß einer Anpassungszange – auf der einen Seite eine räumlich selbstbewußt auftretende Minderheit und andererseits ein die vitalen Selbstbehauptungskräfte des eigenen Volkes sabotierender Staat – gab es bald in vielen Grüppchen der üblichen verdächtigen Jugendlichen vor den Einkaufszentren, in den Parks, auf den Sport- und Spielplätzen nicht ein bis zwei Quotenausländer, sondern ein bis zwei Quotendeutsche, die breitbeinig auf den Bänken posierten, auf den Boden rotzten und Sonnenblumenkerne aßen. Die Bomberjacken, die immer nur den Skins zugeschrieben werden, waren auch hier beliebt.

Nach welchem System diesen Gruppen das ein oder andere Gesicht nicht paßte, wußten wahrscheinlich nicht mal sie selbst. Kannte man einen aus der Schule oder dem Häuserblock, war man fein raus. Auch wenn man hin und wieder mal einen mit seinem Handy telefonieren lassen sollte, weil keiner mehr Guthaben hatte.

Aber auch die, die sich im Habitus perfekt in die patriarchalisch geprägten Gruppen integriert hatten, waren längst nicht automatisch gleichgestellt. In der Hackordnung kamen sie hinter denen mit Anzeigen- und Gerichtserfahrung und erst recht jenseits derer, die wirklich Kontakt zu einer richtigen Gang oder Großfamilie hatten, und schon mal ihre Loyalität bewiesen hatten, beispielsweise beim Drogenverticken auf der Loveparade im Tiergarten. Unter der Oberfläche schlummerte zudem eine weitere Trennlinie, die erst nach dem 11. September deutlicher durchschimmerte: die Deutschen waren keine Moslems.

„Nicht, daß die dich dort fressen“

Kannte man jedoch niemanden und sah aus, wie auf dem Weg zum Blockflötenunterricht, war die Gefahr groß, angepöbelt zu werden. Ging man darauf ein, konnte dies ein blaues Auge oder gleich eine gebrochene Nase bedeuten. Auch hier ging es in anderen Bezirken härter zur Sache. Nachdem zwei Bekannte von mir niedergestochen wurden, gingen wir einfach nicht mehr in einige Straßenzüge zwischen Schöneberg und Neukölln. „Nicht, daß die dich dort fressen“, warnte mich ein türkischer Junge aus meiner Straße auf dem Weg zu einer Privatparty am Kotti, als sich dort noch keine Hipster und Discountflieger tummelten.

„Wollen die mich veräppeln?“ dachte ich verbittert, als die Medien den Begriff „No-go-Area“ für für Ausländer gefährliche Gebiete in Ostdeutschland verwendeten. Nicht weil es diese Gegenden nicht gab, sondern weil sich für unsere gefährlichen Gegenden kaum jemand interessierte. In den Dokumentationen und Nachrichten, im Geschichtsunterricht waren die Deutschen immer Täter, aber dort gehörten sie oft zu den Opfern.

Wir waren die weichen Wohlstandskids mit den jährlich neuen Anoraks und Turnschuhen. Klar, auch wir haben uns gerauft, teilweise gar nicht so erfolglos. Aber es ist ein großer Unterschied, sich in den Schwitzkasten zu nehmen und mal eine runterzuhauen oder jemandem mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen und zu treten, mehrfach, auch am Boden. Spätestens als die ersten Bushämmer, Schlagstöcke und Messer hervorkamen, waren die meisten aus der Deutschen-Fraktion raus. Erst recht als klar wurde, daß der berühmte „Einzelkampf“ damit endete, daß erhebliche Reserven plötzlich doch einseitig Partei ergriffen.

Ein anderer Wertekanon

„Die Südländer“ erzählten was von Familienehre, in meinem Kopf dominierten die Erziehungsprämissen und Vita-Vorstellungen meiner Eltern: Benehmen, Toleranz, Gewaltlosigkeit, Abitur, Studium, Job – Ausrasten verboten! Wollte man sich dies alles schlimmstenfalls verbauen, nur weil der Stolz irgendwo da hinten im Mark zwickt? Stolz, das war eh so ein historisch vorbelastetes Wort. Nachher ist da außerdem nur ein Gestörter dabei, dem beim Raufdreschen seine Zukunft am Allerwertesten vorbeigeht.

Und so wünschte man sich geradezu stumpfe Tätertypen in den eigenen Reihen, abgefuckte Halbpsychos oder zumindest einige volltätowierte Kanten, die man vielleicht nicht zur Geburtstagsparty einladen würde, die aber auf Zukunft, Polizei und all die untätige bürgerliche Welt „der Alten“ pfeifen. Man wünschte sich andere Mehrheitsverhältnisse, Verhältnisse ohne Selbsthaß, in denen die ethnische Verteilung nicht derart zersplittert ist, daß viele beim täglichen Aushandeln des Zusammenlebens die Seiten wechseln.

Der Osten war dieser Ort. Mit dem Fußballverein ging es erst als Spieler, dann als Fan zu Spielen zwischen Platte, grauem Kratzputz und zerschossenen Altbauten. Eine Bedrohung, wie viele Medien sie zeichneten und ich sie mir abgemalt hatte, nahm ich nicht wahr. Im Gegenteil: die mit großen Augen zu beobachtende annähernde Monokultur empfand ich trotz der einsetzenden Enttäuschung, wirtschaftlichen Abwicklung und grassierenden Arbeitslosigkeit als beruhigenden Aha-Moment, wirkliche Bereicherung und schlichte Lebensqualität.

Lesen Sie morgen Teil III. >>



Source link

Reply