Der Pfarrer Albertz des Profifußballs (Tageszeitung junge Welt)


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Wie viele Legenden passen auf einen Platz? Ewald Lienen (am Ball) im Zweikampf mit Louis van Gaal (23.10.1985)

Es hat offensichtlich tatsächlich gereicht, eine Matte zu tragen, um als Extremist zu gelten und extreme Reaktionen zu provozieren in den frühen 70er Jahren. So wurden dem langhaarigen Schüler Ewald Lienen bei Auswärtsspielen seines Heimatfußballvereins VfB Schloß Holte schon mal »gelegentliche Schläge beim Einwurf mit dem Regenschirm auf meinen Hinterkopf« verpasst. Die habe er ignoriert und zur Strafe »in der Regel ein, zwei Tore« geschossen, erzählt der inzwischen 65 Jahre alte Exprofifußballer und -trainer in seiner Autobiographie »Ich war schon immer ein Rebell«.

Dieser Titel ist natürlich irreführend, denn ein Rebell im Wortsinn war Lienen weder »schon immer« noch überhaupt mal, denn anstatt den Aufstand zu proben oder die »Systemfrage« zu stellen, hielt er sich stets innerhalb des Systems auf, das er allenfalls zu reformieren trachtete, wenn man’s gesamtgesellschaftlich nimmt. Nimmt man es im engeren Sinn des Berufsfelds Profifußball, war er freilich in der Tat ein radikaler Abweichler, viel mehr als der mit einem »Rebell-am-Ball«-Image gleichgesetzte Günter Netzer und noch viel mehr als Paul Breitner, der bekanntlich die fußballaffinen Teile der Nation dadurch zu schocken gedachte, dass er sich mit einem Mao-Poster an der Wand und der Peking-Rundschau in der Hand ablichten ließ. Als Ewald Lienen seine Kollegen aufforderte, sich einer Initiative gegen Berufsverbote anzuschließen, machten 14 (!) Profis mit; Breitner, auf den Lienen »gehofft hatte, gehörte nicht dazu«. Ihm fehlte halt die Konsequenz des bekanntermaßen erzkonservativen Berti Vogts, der seinen Gladbacher Mitspieler Lienen zu reizen versuchte, indem er ihn mit »kleinen Bemerkungen in die Nähe dieser Verbrecher« von der RAF rückte.

Mit der RAF hatte Lienen als »bekennender Pazifist und Demokrat« selbstverständlich nichts am Hut, aber schon so war es allerhand für den männerbündnerisch-reaktionären deutschen Fußball, was er in aller Öffentlichkeit anstellte: Statt standesgemäß den Urlaub in Benidorm oder so zu verbringen, fuhr er im Ford Transit mit einer Behindertengruppe an die Schlei, steuerte statt eines BMW einen Golf und weigerte sich ostwestfälisch stur, Autogramme zu geben, belehrte »die jugendlichen Antragsteller« vielmehr darüber, dass »jeder Mensch für mich etwas Besonderes« sei, nicht nur der (Fußball-)Star. Vor allem engagierte sich Lienen in der Friedensbewegung: Er war »quasi der ›Pfarrer Albertz des Profifußballs‹« geworden.

Dabei war der »linke Lienen« im Grunde seines Herzens »sozialverträglich« und seriös, ein mit calvinistischem Leistungsethos ausgestatteter Mensch, voller Sehnsucht nach Akzeptanz und Harmonie. Als er zwölf war, starb seine Mutter; der vom Grauen des Zweiten Weltkriegs offensichtlich traumatisierte Vater konnte keine emotionale Wärme bieten. Ewald fand »Geborgenheit in der Gruppe und die Anerkennung durch Leistung und Erfolge« in Fußballverein und Schule, wo er zwanghaft den Lehrstoff mit- und daheim noch mal abschrieb. Damit waren nicht nur die Grundlagen zu seiner Trainerexistenz als pedantischer »Zettel-Ewald« gelegt, sondern auch für das Wertesystem, dem Lienen bis heute die Treue hält. Die Passagen, in denen er von seiner Kindheit in Ostwestfalen erzählt, sind, in Kombination mit den einen zarten Jungkicker zeigenden Fotos, berührend und von einer erzählerischen Souveränität, von der sich manche Gewinner des Deutschen Buchpreises eine Scheibe abschneiden können. Ewald Lienen ist ein kluger Mensch, er hat sich stets seine Gedanken gemacht und auf deren Basis mitunter unkonventionelle Entscheidungen getroffen. Stark sind scheine Schilderungen der mitunter rüden Bundesligaszene, in die er erst in Bielefeld, dann in Mönchengladbach hineinwuchs. Mancher Tratsch aus dem Nähkästchen muss sein, manche humorige Anekdote und sicherlich auch die eine oder andere heroische Selbststilisierung. Doch das alles ist spannend erzählt und wirkt glaubwürdig und sympathisch.

Dann, um 1988, hat Lienen »gelernt, dass man Dinge auch anpassen und damit mehr verändern konnte«, seinen »Frieden mit dem Profifußball gemacht« und beschlossen, den Marsch durch dessen Institutionen als Trainer anzutreten. Ab da (Seite 240) wird das Buch ein bisschen langweilig, wie es meistens der Fall ist, wenn eine Entwicklung abgeschlossen ist. Es folgen all die mehr oder weniger kurzfristigen, teilweise exotischen Trainerstationen, Entlassungen, neuen Engagements, ein Namedropping von Kollegen und Spielern, chronologisch Erfolge und Pleiten aneinanderreihend. Und schließlich das Ankommen beim FC St. Pauli, das fast wie ein überinszeniertes Happy-end anmutet. Zum Schluss fasst Lienen noch mal sein Credo zusammen, die Werte, für die er steht und die er bedroht sieht, nicht nur im Fußball: »Prinzipien wie Fairness, Integrität und Ehrlichkeit, wie Toleranz und Respekt vor der Würde des Menschen.« Dann folgt noch eine umfangreiche Danksagung, und auch wir haben zu danken: für eine überraschend gut geschriebene Lebensgeschichte und dafür, dass der »linke Lienen« zumindest eine Zeitlang ein paar Leute geärgert hat, die das verdient haben.



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