Die Begeisterung der Massen brauchen sie alle: Mit Voodoo an die Macht

Der rumänische Diktator Ceausescu winkt am 24.11.1989 in die „begeisterte“ Menge.FOTO: PICTURE ALLIANCE / DPA

Der amerikanische Wissenschaftler Harold Courlander staunte nicht schlecht, als er 1958 das Arbeitszimmer des haitianischen Präsidentenpalastes betrat. Denn François Duvalier, der erst in diesem Jahr zum Oberhaupt des Inselstaats aufgestiegen war, empfing seinen ehemaligen Kollegen vom ethnologischen Institut Haitis nicht in einem gewöhnlichen Repräsentationsraum. Duvalier hatte die Fenster seines Arbeitszimmers mit schwarzen Vorhängen verdecken lassen. Auf dem gewaltigen Schreibtisch vor ihm standen Kerzen aus schwarzem Wachs, hinter ihm Schergen in schwarzem Anzug. Der Raum um Courlander lag in sattem Dunkel. Nur auf Duvaliers Gesicht warfen die Flammen ein gespenstisches Licht.

Herz des Feindes

François Duvalier, bis 1971 Diktator Haitis, liebte solche Auftritte. In der Öffentlichkeit murmelte der selbst ernannte Voodoo-Geist unverständliche Beschwörungsformeln vor sich hin. Wie ein haitianischer Voodoo-Geistlicher trug er einen magischen Stab mit sich. Und einmal ließ Duvalier sogar die Leiche eines Konkurrenten entführen – Gerüchten zufolge, um dessen Herz zu verzaubern und so seine Macht zu stärken. Duvalier glaubte wohl selbst an seine übermenschlichen Kräfte.

Doch die wilden Geschichten um seine Person hatten auch einen ganz praktischen Zweck: Die Haitianer, meint Frank Dikötter, sollten die Macht ihres allmächtigen Diktators erst gar nicht auf die Probe stellen. Furcht und Verehrung – für den Historiker vereinten erfolgreiche Diktatoren wie Duvalier beides.

Eine bunte Mischung

In seinem zuerst 2019 in englischer Sprache erschienenen Buch „Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht“ porträtiert Dikötter die Herrschaft von acht exemplarischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Zu Hitler, Mussolini, Stalin und Mao gesellen sich Duvalier, der rumänische Diktator Nicolae Ceausescu, Mengistu Haile Mariam aus Äthiopien und Kim Il Sung, Großvater des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un.

Acht ganz unterschiedliche Charaktere, die doch eines zeigen: Diktator werden ist gar nicht so einfach. Denn anders als gewählte Staatsmänner und -frauen können sich Diktatoren nicht auf die Legitimität eines überpersonalen politischen Systems berufen. Ihre Macht ist errungen, nicht übergeben, weshalb sie immer und überall fürchten müssen, von einem noch geschickteren, ausgebuffteren oder schlicht glücklicheren Konkurrenten verdrängt zu werden. Sie müssen ihre Macht festigen, sonst droht Absetzung – oder Schlimmeres.

Hier bringt Dikötter den titelgebenden Personenkult ins Spiel. Denn wie er zeigt, stellt eine Diktatur bald die Person des Diktators selbst in den Fokus. Duvalier ließ sich als „größter Patriot aller Zeiten“ und „Befreier der Massen“ feiern. Wann immer Mussolini mit seinem Zug eine größere Menschengruppe passierte, ließ der Diktator langsamer fahren, damit die Menschen ihm zujubeln konnten. Hitler, Mengistu oder Kim – sie alle ließen sich feiern, verehren, schließlich anbeten: Ein regelrechter „Kult des Individuums“, wie Chruschtschow die Beweihräucherung seines Vorgängers Stalin schimpfte.

Und der wirkte, meint Dikötter. Denn der Personenkult demütigte Freund und Feind – und machte die Lüge zur Normalität: „Wenn alle aber logen, wusste niemand mehr, wer tatsächlich log, was es schwieriger machte, Komplizen zu finden und einen Staatsstreich zu organisieren.“ Ein spannender Gedanke. Doch es gelingt Dikötter nicht, die „Diktatur der Lüge“ an seinem empirischen Material festzumachen: Als ernsthaftes Argument taucht sie nach der Einleitung nicht mehr auf. Auch was Dikötter unter „Personenkult“ genau versteht, bleibt unklar. Denn der Historiker verzichtet auf eine Definition.

Meinungsfreiheit? Natürlich nicht

Der im Untertitel angekündigte „Populismus“ tritt in Dikötters Text gar nicht in Erscheinung. Und die Auseinandersetzung mit dem historiografischen Sachstand verkümmert zu einer merkwürdig pauschalen Seitenbemerkung: So sei der Ansatz des renommierten Hitler-Biografen Ian Kershaw, die Wahrnehmung Hitlers in der Bevölkerung in den Vordergrund zu stellen, schlichtweg sinnlos, sei doch „die Meinungsfreiheit stets das erste Opfer einer Diktatur“. Nun behauptet niemand – Kershaw zuletzt –, unter Hitler oder Mao habe man seine Meinung unbesorgt äußern können. Dennoch finden sich selbst unter den schärfsten Meinungsregimenten stets Abstufungen und Schattierungen: Auch Dikötter würde wohl nicht so weit gehen, im „GröFaZ“, dem „Größten Feldherr aller Zeiten“, wie Teile der Wehrmachtsgeneralität Hitler spätestens nach der Niederlage in Stalingrad verspotteten, ein Kompliment zu sehen.

Freude an der provokanten Spitze

Kaum Forschungsdiskussion, schwammige Begriffe, vernachlässigte Thesen: Aus wissenschaftlicher Sicht bleibt Dikötters Diktatoren-Vergleich blass. Neue Erkenntnisse liefert er nicht. Was allerdings nicht heißt, dass man „Diktator werden“ nicht dennoch mit Gewinn lesen kann. Denn Dikötter schreibt anschaulich und klar. Seine Szenen setzt er dramaturgisch geschickt und freut sich ersichtlich an der provokanten Spitze. „Diktator werden“ liefert einen knappen und faktenreichen Überblick über Aufstieg und zumeist Fall von acht ganz unterschiedlichen Diktatoren.

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