Die Entzauberung der E-Zigarette

Mögliche Langzeitfolgen von E-Zigaretten sind bislang kaum erforscht  ©yehorGetty Images
Am 17. August veröffentlichte die US-Gesundheitsbehörde CDC eine kurze Nachricht mit brisantem Inhalt. Unter E-Zigaretten-Nutzern kursiere eine „schwere“ Lungenkrankheit, hieß es darin. 94 Menschen in 14 Bundesstaaten seien erkrankt. Woher die Krankheit komme und was sie auslöse? Unklar. (Der stern berichtete.)

Heute, vier Monate nach Erscheinen der ersten Nachricht, steht fest: Die Meldungen waren nur die Spitze des Eisbergs. Die Gesundheitsexperten der CDC korrigierten die Zahl der Erkrankten im Wochentakt nach oben – zuletzt auf 2290. 47 Menschen starben. Ein Zusatzstoff aus Vitamin E rückte ins Visier der Ermittler. Hat er die schweren Lungenschäden mit Symptomen wie Fieber, Husten bis hin zu einem Lungenversagen ausgelöst? Möglich. Darauf deuten Proben aus Lungen von 29 Patienten hin. Doch vieles ist noch offen: Warum steckte der Stoff in den Liquids, augenscheinlich vor allem in Gepanschten, die den Cannabis-Wirkstoff THC enthielten? Was genau bewirkte der Stoff im Körper? Und welche Produkte waren – oder sind – konkret davon betroffen? Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es noch immer mehr Fragen als Antworten.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sagen zu können: 2019 war ein schwarzes Jahr für Zigaretten-Multis, die mit den schicken Verdampfern eine neue Ära des Nikotinkonsums einleiten wollten. Hersteller vermarkten die Geräte als „gesundheitsbewusste“ Alternative zu herkömmlichen Zigaretten, wollen weg vom Schmuddel-Image, das Tabak anhaftet. Doch ironischerweise holt sie genau das wieder ein. Tote und Kranke passen schlecht zu einer Marketingstrategie, die darauf abzielt, ein scheinbar gesünderes Produkt an Mann und Frau zu bringen.

Neue Produkte, neue Risiken

Die Branche steht angesichts der Krankheits- und Todesfälle in diesem Jahr vor einem Glaubwürdigkeitsproblem: Der Markt und die Fülle an Zusatzstoffen sind unübersichtlich und schwer zu erforschen. In E-Zigaretten werden allein mehrere Tausend Aromastoffe verdampft. Viele davon sind auch in der Lebensmittelindustrie zugelassen. Doch das bedeutet nicht, dass es unbedenklich ist, die Stoffe tief in die Lunge zu inhalieren, erklärte der Pneumologe Hans Klose vor kurzem im Gespräch mit dem stern. Er warnte vor einem „großen Feldversuch“, dem Benutzer aktuell ausgesetzt seien.

Hinzu kommt: Es fehlt an Langzeitdaten zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen der Geräte. Ob und wie viel Schaden die Verdampfer nach zehn oder 20 Jahren Dauernutzung in Lunge und Körper anrichten, ist aktuell nicht abzusehen.

Die gute Nachricht ist: Es gibt bislang in keinem anderen Land einen vergleichbaren Anstieg von Krankheitsfällen. Und der Markt in den USA gilt – anders als in Europa – als lax und wenig kontrolliert. Doch der Ruf der „gesundheitsbewussten“ E-Zigarette ist angeschlagen – weit über die Landesgrenzen der USA hinaus. In Deutschland ist der Umsatz mit den Verdampfern zuletzt deutlich zurückgegangen. Mehr als jeder zweite Händler hat Rückgange von 30 bis 40 Prozent zu verbuchen, berichtete ein Branchenkenner kürzlich. Eine logische, richtige Konsequenz?

Eine Frau hält eine Zigarette in der Hand

Für junge Nichtraucher, die sich mit den Geräten unnötigen Risiken aussetzen, mag dies stimmen. Doch es gibt auch Anwender, denen die Geräte zu nutzen scheinen. Schweren Rauchern etwa, die es nicht schaffen, von herkömmlichen Zigaretten loszukommen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC warnte Ex-Raucher selbst auf dem Höhepunkt der Krankheitswelle davor, wieder zu herkömmlichen Zigaretten zu greifen. Sie sind erwiesenermaßen schädlich, erhöhen das Risiko für Lungenkrebs, Schlaganfälle und Herzinfarkte. E-Zigaretten erscheinen dagegen den meisten Gesundheitsexperten als das geringere Übel. Trotz der unsicheren Datenlage. Von gesunder Alternative kann dann aber keine Rede sein. Eher von Schadensbegrenzung.

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