Die Kinos und Corona : Hessen prescht vor. Berlin bleibt vage

1734 Kinos in Deutschland sind derzeit wegen der Corona-Krise geschlossen.FOTO: SEBASTIAN GOLLNOW/DPA

Die Kinos in Berlin bleiben geschlossen, wie die anderen Vergnügungsstätten auch, also Clubs oder Bordelle, bis mindestens 10 Mai. So steht es in der letzten Verordnung zu den Corona-Maßnahmen in der Bundeshauptstadt. Darin steht auch, dass Kulturstätten – also Theater, Opern und Konzerthäuser – vorerst bis zum Ende der Saison geschlossen bleiben, bis Ende Juli.

Weshalb die Senats-Pressekonferenz zu den aktuellen Lockerungen in Berlin auch von Kinofreunden aufmerksam verfolgt wurde. Wie geht es nach dem 10. Mai weiter? Dazu fiel am Donnerstagabend jedoch so gut wie kein Wort – und die Auskunft von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop, mit den Kinos sei es ja wie mit den Theatern, also nichts bis Ende Juli, verriet lediglich, dass sie die aktuelle, noch gültige Verordnung irgendwie nicht kennt. Die Kinos fallen eben nicht in die Zuständigkeit von Kultursenator Klaus Lederer. Auf Nachfrage heißt es aus dem Senat, die Kinos seien in der jetzigen Phase der Lockerungen definitiv nicht dabei. Über einen möglichen Wiedereröffnungstermin wird erst in der nächsten Runde entschieden. Wann immer die ist. Auf der frisch aktualisierten Senats-Webseite ist weiterhin nachzulesen: geschlossen „bis zunächst 10. Mai“. Hallo, was ist ab Montag?

NRW, Hessen, Schleswig-Holstein: Hier öffnen die Kinos in den nächsten Wochen

Die anderen Länder sind schneller. Was nicht unbedingt besser ist. Sie sind aber vor allem klarer, und Planungssicherheit braucht die Filmbranche so nötig wie all die anderen krisengeschädigten Wirtschaftszweige und Kultureinrichtungen. Nordrhein-Westfalen hatte den Anfang gemacht und ein Datum für die Wiedereröffnung der Kinos genannt, den 30 Mai. Zumindest soweit Sicherheits- und Hygienekonzepte den behördlichen Zuschlag erhalten und die Abstandsregeln befolgt werden. Das föderalistische Wettrennen beim Lockerungsfahrplan hat nun auch die Filmtheater erreicht – angesichts von bundesweit verschobenen Filmstarts ein besonders unsinniges Procedere.

Als erstes hatten Sachsen und Schleswig-Holstein nachgezogen, dort wird für die Kinos jetzt der 18. Mai avisiert. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) betonte nach der Kabinettssitzung am Mittwoch zwar, es seien noch viele Einzelfallentscheidungen zu treffen. In den nächsten Tagen sollen aber genauere Absprachen darüber getroffen werden, welche Angebote bei Kulturstätten und bei den Kinos möglich sind. Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) betonte, man setze auf kleinere Formate und auf Freiluftveranstaltungen. Für die Open-Air-Kinos klingt das nach einer guten Nachricht. Wird es in Berlin ähnlich sein?

Schleswig-Holstein erlaubt Veranstaltungen „mit Sitz-Charakter“ für bis zu 50 Personen. Heißt das, in einem Kinosaal dürfen bis zu 50 Zuschauer versammelt sein, solange ein Abstand von 1,50 Meter gewährleistet ist? Oder dürfen sich in einem Multiplex-Theater mit vielen Sälen zeitgleich maximal 50 Besucher aufhalten? Und gelten für Freiluft-Theater andere Regeln als fürs Indoor-Kino?

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Jedes Land geht anders vor. Hessen preschte am weitesten vor. Am Donnerstagnachmittag verkündete Ministerpräsident Bouffier, dass Kinos und Theater dort ab dem 15. Mai wieder öffnen dürfen, unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln. Und am schärfsten bremste bislang Baden-Württemberg aus: Der aktuelle Fünf-Stufen-Plan in Baden-Württemberg listet die Kinos gemeinsam mit Theatern, Konzerthäusern, Diskotheken, Freibädern und Mannschaftssport erst bei der letzten Stufe auf. Deren Zeitpunkt: „derzeit nicht abschätzbar“. Das heißt, vor dem Sommer wird es nichts; die Kinos gelten als Hochrisiko-Orte.

Die Kanzlerin findet, die Kultur könne es wie die Kirchen halten

Am Dienstag hatte die Kanzlerin den Ländern all diese Einzelentscheidungen ausdrücklich den Ländern überantwortet. Dennoch empfahl sie zum Thema Veranstaltungen, Kulturstätten und Kinos den Blick auf die Kirchen. Die bereits wieder erlaubten Gottesdienste könnten zeigen, wie es geht, sagte Angela Merkel. Wieso Abstandsmenschen in der Kirchenbank weniger infektionsgefährdet sein sollen als in einer baden-württembergischen Kino-Sitzreihe, das verstehe, wer will.

Das eigentliche Ärgernis beim Flickenteppich der Kino-Wiedereröffnungen ist jedoch die Ignoranz der Branchenbesonderheiten: Länder- statt Bundesfilmstarts nutzen keinem, weder deutschen Arthouse-Produktionen wie den vom Lockdown betroffenen Berlinale-Wettbewerbsbeiträgen „Berlin Alexanderplatz“ von Burhan Qurbani oder „Undine“ von Christian Petzold noch den US-Blockbustern, die ja ohnehin nur international synchron an den Start gehen. Verleihern und Kinos ist nur mit einheitlichen Terminen und Regeln geholfen. Bisher jedoch prallen die Appelle zu konzertierten Aktionen am Föderalismus ab wie an einer Schallschutzwand.

Eine Harmonisierung der Kino-Wiedereröffnungen ist dringend nötig

1734 Kinos, die zusammen jede Woche 17 Millionen Euro Ertragsverluste zu verkraften haben: Die teils bereits in wenigen Wochen vom Aus bedrohten Häuser sind mit ihrer Wiedereröffnung nicht automatisch gerettet. Hunderte gecancelte Starttermine können nicht einfach nachgeholt werden, mehr denn je verdrängen die Filme sich im Falle eines „Staus“ gegenseitig. Vom fehlenden, sonst meist monatelangen Marketingvorlauf bei so viel kurzfristigem „Go“ der Politik zu schweigen.

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Die Besucherzahl bei gleichbleibenden Fixkosten bringt die Geschäftsführer ebenfalls ins Schwitzen: Kinos, Verleiher und Filmschaffende stehen vor der gleichen Herausforderung wie die jetzt wieder eröffnenden Museen. Nur dass es sich nicht um staatlich subventionierte Einrichtungen handelt, die notfalls bei Kommunen, Ländern und dem Bund die Hand aufhalten können.

NRW prescht vor, Berlin liegt im Mittelfeld, und Süddeutschland sorgt für die Nachhut? Die nächste Kultusministerkonferenz steht erst für Juni im Terminkalender. Das ist zu spät: Neben den Schulöffnungen sollten die Kulturpolitiker der Länder auch die Harmonisierung der Kino-Öffnungstermine schleunigst auf ihre Agenda setzen. (mit dpa)

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