Die verschwundene Straße (Tageszeitung junge Welt)

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»En juter Mensch« seiner Klasse? Verleger Rudolf Mosse (1843–1920, undatierte Aufnahme)

Auf dem Pharus-Plan vom Berlin des Jahres 1928 ist die Rudolf-Mosse-Straße noch verzeichnet. Sie verläuft mitten durch das ehemalige »Exerziergelände an der Einsamen Pappel«, dort, wo sich heute der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark im Ortsteil Prenzlauer Berg befindet. 1920 hatte der Magistrat von Berlin anlässlich des 70. Geburtstages des Verlegers Rudolf Mosse beschlossen, die Verbindung zwischen der Eberswalder und der Gaudystraße nach dem »großzügigen Stifter und Mäzen« zu benennen.

Mosse, 1843 in der Provinz Posen in eine jüdische Familie geboren, war in der Gründerzeit Berlins bedeutendster Presseunternehmer. Zu seinem Medienimperium gehörte das als führende deutsche Tageszeitung geltende Berliner Tageblatt. Mit seiner Frau Emilie stiftete er Millionenbeträge, vor allem für soziale Einrichtungen der Kinder- und Jugendfürsorge. Aber auch in eine Heilanstalt für Tuberkulosekranke auf dem ehemaligen Exerziergelände flossen Gelder, und wohl auch in die dort errichteten Spiel- und Sportstätten. Auf dem im Volksmund als »Exer« bezeichneten ehemaligen Militärgelände wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr mit Kanonen, sondern mit Fußbällen geschossen. So hatte etwa Hertha BSC hier bis 1904 seine erste Spielstätte.

Mosse starb 1920, sein Unternehmen war seit der Weltwirtschaftskrise angeschlagen, nach der Machtübernahme der Faschisten erfolgte eine kalte Arisierung. Als die Nazis 1935 jüdische Straßennamen aus dem Stadtbild tilgten, wurde auch die Mosse-Straße umbenannt. Nach dem Sieg über den Faschismus erfolgte keine Rückbenennung der nun im sowjetischen Sektor gelegenen Straße, der liberale Millionär galt als Klassenfeind. Ohnehin verschwand die Straße unter Trümmerschutt. 1951 wurde auf dem Gelände anlässlich der III. Weltjugendfestspiele der neue Sportpark errichtet und nach dem als Turnvater bekannt gewordenen Pädagogen Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) benannt.

Nur einige Gullideckel markieren heute noch den Verlauf der historischen Mosse-Straße. Darauf verweist Holger Siemann beim Spaziergang im Sportpark. Zusammen mit Lokalhistorikern und Mitgliedern des Fußballkulturvereins »Gesellschaftsspiele« forscht der im Kiez lebende Schriftsteller zur Geschichte des Geländes und setzt sich für das Gedenken an die Familie Mosse ein. »Wir wollen eine Form des Gedenkens mit Leuten, die den Platz nutzen«, sagt Siemann mit Blick auf dessen 130jährige Fußballgeschichte. Unterstützung kommt vom Fanprojekt Berlin, das sich an Anhänger von Hertha BSC und Fans des BFC Dynamo, der zu DDR-Zeiten im Sportpark kickte und heute wieder dort aufläuft, richtet.

Am Donnerstag lud der Kulturverein zu einem Pressegespräch. Für das 100. Jubiläum der Benennung der verschwundenen Mosse-Straße im Mai ist entlang deren Verlaufs eine Ausstellung zur Geschichte des Sportgeländes, ausgewählter Fußballvereine sowie der Mosse-Familie in Vorbereitung. Stadtführungen, Audio-Podcast und eine Mosse-Zeitung zur Information über den historischen Ort sind geplant. Mitte Juni 2020 sollen dann Mannschaften der D- und E-Jugend von Vereinen, die einen historischen Bezug zu dem Gelände haben, um einen Mosse-Pokal kicken.

Das Stadion im Jahn-Sportpark soll im kommenden Sommer abgerissen und durch einen modernen, behindertengerechten Neubau mit derselben Anzahl von Plätzen (20.000) ersetzt werden. Für Janusz Berthold von »Gesellschaftsspiele« wäre das eine Gelegenheit, die bislang namenlose Arena »Mosse-Stadion« zu nennen und so auch einen Kontrapunkt zum antisemitischen Deutschtümler Jahn als dem Namenspatron des Sportparks zu setzen. Dass der eigentlich nationalliberale Mosse auch die zur Bekämpfung des Spartakusbundes gegründete Antibolschewistische Liga finanziell unterstützte, ist für jW-Autor Berthold kein gravierender Einwand: »Mosse war en juter Mensch mit jutem Herz, doch er konnte seiner Klasse nicht entfliehen.«


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