Diskussion um Tabakwerbeverbot – so beeinflusst Werbung Jugendliche


Deutschland ist das einzige Land in der EU, in dem Werbung für Tabak und Zigaretten noch erlaubt ist. Doch das könnte sich womöglich bald ändern – der Ruf nach einem Werbeverbot wird immer lauter. Im Internet, Rundfunk und Fernsehen sowie in Zeitschriften ist Werbung für Tabakerzeugnisse bereits verboten. Auf Außenflächen wie beispielsweise Plakatwänden oder Litfasssäulen jedoch ist sie noch erlaubt, ebenso wie im Kino nach 18 Uhr. 

Mehr als 50.000 Menschen haben sich in einer Petition, die an die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), übergeben wurde, für ein komplettes Tabakwerbeverbot ausgesprochen. Auch politisch kommt Bewegung in die festgefahrene Diskussion. Die Fachpolitiker der Union im Bundestag einigten sich weitgehend darauf, dass die bestehenden Beschränkungen auch auf Außenwerbung ausgeweitet werden sollen. Bislang hatten die Unionsparteien das – vor allem unter dem früheren Fraktionschef Volker Kauder – strikt abgelehnt.

Die Initiatoren der Petition gegen Tabakwerbung übergeben die Überschriften an die Drogenbeauftragte

Mehr als 50.000 Unterstützer konnten die Initiatoren einer Petition gegen Tabakwerbung für ihr Anliegen gewinnen. In Berlin wurden die Unterschriften an die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU, l.), übergeben.

Experten fordern seit Jahren, Tabak-Reklame zu unterbinden. Im stern-Interview erklärt Psychologe und Suchtforscher Reiner Hanewinkel, Leiter des Instituts für Therapie- und Gesundheitsforschung Nord in Kiel, warum Tabakwerbung vor allem für Jugendliche gefährlich ist, was aus seiner Sicht für ein komplettes Verbot von Tabakwerbung spricht und warum auch E-Zigaretten und Shishas keineswegs harmlos sind.

Suchtforscher im Interview: „Zigarettenwerbung kommt bei Jugendlichen gut an“

Herr Hanewinkel, Sie haben viel zur Wirkung von Tabakwerbung geforscht und setzen sich seit langem für ein Verbot ein. Hat Werbung für Zigaretten tatsächlich eine so starke Wirkung?

Über einen längeren Zeitraum haben wir Jugendliche verfolgt und geschaut, wer zu rauchen beginnt. Das ist abhängig von verschiedenen Faktoren wie dem Freundeskreis, der Persönlichkeit oder eben der Werbung. Wir haben mehreren tausend Jugendlichen, die noch nie geraucht haben, Werbebilder vorgelegt und sie gefragt, wie oft sie die Werbung schon gesehen haben und ob sie die Marke kennen. Den Markennamen hatten wir vorher digital entfernt. Zweieinhalb Jahre später hatten Jugendliche, die viele Werbungen gesehen und erkannt hatten, ein deutlich höheres Risiko, mit dem Rauchen zu beginnen.

Reiner Hanewinkel

Welche Merkmale machen Zigarettenwerbung so attraktiv?

Viele Jugendliche beginnen in der Pubertät zu rauchen – in einer Phase, in der sie unsicher sind und sich von den Eltern lösen wollen. Die Werbebilder suggerieren Unabhängigkeit, Erwachsensein, Selbstständigkeit, Geselligkeit, die Models sind sexy. Die Zigarettenwerbung sagt durch die Blume: Wenn du zum Glimmstengel greifst, bist du erwachsen, unabhängig, erfolgreich und sexy. Das kommt in dieser Phase natürlich gut an.

Werden Jugendliche nicht eher durch Altersgenossen oder Familienmitglieder zum Rauchen verführt als durch Werbung?

Ob man zu rauchen beginnt, hängt unter anderem davon ab, wie alt jemand ist, welchen Schultyp er besucht oder zu welcher sozialen Schicht das Elternhaus gehört. Da spielt auch das Rauchverhalten der Eltern und Freunde eine Rolle. In unseren Untersuchungen sind die stärksten Faktoren die Risikobereitschaft der Jugendlichen und der Einfluss des Freundeskreises. Wenn ich mich in einer Gruppe bewege, in der Rauchen normal ist, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ich auch damit anfange. An Gymnasien wird deutlich seltener geraucht als an anderen Schulen. Es bleibt aber auch der Einfluss der Medien übrig – nicht als einziger Faktor, aber zusammen mit anderen Faktoren hat Werbung eine große Wirkung, wenn es um das Rauchen geht.

Die Gefahren von Nikotin sind mittlerweile hinreichend bekannt, auch in Schulen wird darüber aufgeklärt. Stehen Jugendlichen nicht genügend Informationen zur Verfügung, um selbst entscheiden zu können?

Es gibt tolle Erfolge bei der Aufklärung. Aber zu dem Rückgang der Raucherzahlen haben auch maßgeblich die Nichtraucherschutzgesetze beigetragen. Die Preise sind deutlich gestiegen, das Alter, ab dem man Zigaretten kaufen kann, wurde von 16 auf 18 Jahre hochgesetzt, auch die Rauchverbote wurden als Erstes an Schulen durchgesetzt. Es gibt allerdings auch neue Produkte, die auf den Markt drängen – zum Beispiel die Shisha. Da gibt es noch erhebliche Fehlwahrnehmungen.

Was heißt das konkret?

Wenn ich in Schulen unterwegs bin, höre ich oft: Bei der Shisha wird der Rauch durch das Wasser gefiltert. Das stimmt aber nicht, sondern durch das Abkühlen habe ich weniger Reizung beim Rauchen, weniger Husten, man kann tiefer inhalieren. Eigentlich ist das der gegenteilige Effekt. Dort und auch bei den neuen E-Zigaretten ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig.

Würden Sie also auch für ein Werbeverbot für E-Zigaretten plädieren?

Bei unserer Untersuchung hat sich gezeigt, dass Jugendliche, die viel Werbung für E-Zigaretten gesehen haben, auch eher anfangen, E-Zigaretten zu dampfen. Und nicht nur das: Sie konsumieren auch häufiger andere Nikotinprodukte. Jugendliche, die das eine Produkt ausprobieren, rauchen auch das andere. Und da für E-Zigaretten damit geworben wird, dass sie weniger Schadstoffe enthalten, denkt sich auch der Gymnasiast eher: Das kann ich doch auch mal probieren. Untersuchungen legen nahe, dass man im weiteren Lebenslauf oft auf konventionelle Zigaretten umsteigt, wenn man zunächst E-Zigaretten geraucht hat. Am Anfang sind es noch die sozialen Faktoren wie der Freundeskreis, die eine Rolle spielen, aber irgendwann ist man abhängig vom Nikotin.

Die Richtlinien für Tabakwerbung sind schon relativ streng. Doch während Tabak der Kampf angesagt wird, ist zum Beispiel Werbung für Alkohol allgegenwärtig. Und bei Fußballübertragungen werden ständig Werbespots für Wettanbieter eingeblendet. Sollte dort auch über ein Verbot nachgedacht werden?

Bei Alkoholwerbung laufen Sie bei mir offene Türen ein. Zum Beispiel passen Sport und Alkohol für mich überhaupt nicht zusammen. Warum muss die Arena auf Schalke Veltins-Arena heißen? Diese Kombination finde ich befremdlich. Daher befürworte ich Werbeeinschränkungen beispielsweise für den Sportbereich. Einen großen Unterschied gibt es jedoch zum Rauchen: Jede Zigarette ist schädlich. Das Rauchen fügt erwiesenermaßen dem Körper den meisten Schaden zu. Beim Alkohol haben geringere Mengen im erwachsenen Alter in der Regel keine schädlichen Auswirkungen.

Deutschland ist das einzige EU-Land, das Zigarettenwerbung noch erlaubt. Warum ist das so?

Gute Lobbyarbeit der Tabakindustrie – anders lässt sich das nicht erklären. Vor allem einzelne Personen in der CDU/CSU haben das Vorhaben gebremst. Selbst die Kanzlerin ist für ein Verbot gewesen, es gab bereits einen Gesetzentwurf in der letzten Legislaturperiode, der im Bundestag aber nicht verabschiedet wurde. SPD, Grüne und auch weite Teile der CDU unterstützen das Tabakwerbeverbot.

Für wie wahrscheinlich halten Sie ein Werbeverbot?

Ich hoffe, dass es diesmal tatsächlich kommt. Ich befürchte allerdings, dass man sich lediglich auf den veralteten Text des WHO-Tabakrahmenübereinkommens zurückzieht, in dem es nur um klassischen Tabak geht. Das könnte für die E-Zigaretten ein Schlupfloch sein. Insgesamt bin ich aber optimistisch, dass jetzt, wo die Diskussion wieder aufgeflammt ist und sich auch die CDU bewegt, etwas passieren kann.

Hier finden Sie die Petition für ein Verbot von Außenwerbung für Tabak.

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