Doping-Ermittlungen: Razzia bei Rosenheim – Sport


  • In der Blutdoping-Affäre rückt der Mediziner Ulrich Haegele aus Grainbach bei Rosenheim in den Fokus der Fahnder.
  • Haegele, der ab 2006 als Leitender Teamarzt Langlauf des Österreichischen Skiverbands tätig war, wurde von Zeugen schwer belastet.
  • Es ist nach dem Erfurter Arzt Mark Schmidt die zweite Spur, die nach Deutschland führt.

Am Dienstagmorgen sitzt Ulrich Haegele auf dem Hometrainer, als sich unerwarteter Besuch vor der Tür versammelt. Und es ist keine Freundesschar, die dem Mediziner zu dessen 79. Geburtstag gratulieren will. Die Überraschungsgäste präsentieren einen Durchsuchungsbefehl und schwärmen im Haus aus: 13 Kriminal- und Zollbeamte führen im Auftrag der Innsbrucker Doping-Staatsanwaltschaft eine Razzia durch. Dabei, so empört sich Haegele zwei Tage später gegenüber der SZ, sei „sogar die Wäsche meiner Frau nach Dopingmitteln untersucht“ worden. Eine Vernehmung des Sportarztes im Haus in Grainbach bei Rosenheim schließt sich an. Strikt weist Haegele die ihm angelasteten Verdachtsmomente von sich: „Ich habe niemandem Dopingmittel gegeben, noch weniger habe ich welche verkauft!“

Das sehen, nach Recherchen der SZ und der ARD-Dopingredaktion, die staatlichen Sportbetrugsfahnder in Österreich ganz anders. Haegele, der ab 2006 als Leitender Teamarzt Langlauf des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) fungierte, sei von geständigen Dopingsündern schwer belastet worden, sagt Staatsanwalt Thomas Willam in Innsbruck. „Unsere Ermittlungen ergaben, dass zwei bei uns geführte Personen, ein Spitzensportler und ein Trainer, den Arzt belasten, dass er ihnen fallweise Epo (das verbotene Blutdoping-Mittel Erythropoietin; d. Red.) überlassen habe, zum Zweck der Leistungssteigerung im Sport.“ Der Vorfall habe sich Ende 2013 zugetragen, sei womöglich aber nicht der einzige.

Doping Wie junge Sportler vom mutmaßlichen Doping-Arzt untersucht wurden

Wie junge Sportler vom mutmaßlichen Doping-Arzt untersucht wurden

Ab 2015 schickte der Thüringer Radsport-Verband jugendliche Fahrer zum Sportmediziner Mark Schmidt – dabei waren kurz zuvor konkrete Dopingvorwürfe gegen ihn erhoben worden.


Von Johannes Aumüller


Diesmal im Visier der Fahnder: das verbotene Mittel Epo – und Kurierdienste

Bei der Durchsuchung am Dienstag, fünfeinhalb Jahre nach dem zugrunde liegenden Verdachtsfall, seien „keine dopingverdächtigen Substanzen sichergestellt“ worden, sagt der Behördensprecher. Elektronische Datenträger seien zur Auswertung mitgenommen worden. Haegele bestätigt, dass sein Laptop und mehrere Mobiltelefone konfisziert worden seien.

Es ist bereits die zweite Hausdurchsuchung bei einem deutschen Sportmediziner. „Grundsätzlich überrascht mich nicht, dass es wieder einen deutschen Arzt erwischt hat“, sagt Lars Mortsiefer, Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). „Das zeigt, dass eine gewisse Systematik dahinterstecken könnte. Nicht nur die deutsch-österreichischen Staatsanwaltschaften kooperieren gut, es lohnt sich offenbar auch, den Austausch unter den deutsch-österreichischen Sportärzten intensiver zu untersuchen.“

Tatsächlich ist auch die Hausdurchsuchung in Bayern Teil des Ermittlungskomplexes „Operation Aderlass“, den die Tiroler Dopingfahnder gemeinsam mit ihren Kollegen von der Münchner Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft vorantreiben. Die Dopingaffäre wächst und wuchert. Losgetreten hatte sie der österreichische Skilangläufer Johannes Dürr – der auch im neuen Fall um Haegele eine Rolle spielt. Dürr war bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi mit jenem Blutverdicker Epo überführt worden. Nach einer zweijährigen Sperre und einem hässlichen Geplänkel mit dem ÖSV hatte Dürr Ende 2018 den Behörden die Beweg- und Hintergründe seines Vergehens offengelegt.

Die folgenden Ermittlungen wirbelten die Sportwelt auf. Bei einer Großrazzia während der Nordischen Ski-WM im Februar in Seefeld/Tirol wurden fünf Athleten in flagranti erwischt, darunter die ÖSV-Langläufer Dominik Baldauf und Max Hauke; Letzterem steckte die Kanüle des Blutbeutels noch in der Armbeuge, als die Fahnder den diskret angemieteten Behandlungsraum stürmten. Als Kopf hinter dem infamen Körpertuning gilt ein deutscher Sportarzt: Mark Schmidt, Bluttankwart mit üppigem Kundenstamm. Der Mann, der seit 2008 wiederholt im Dunstkreis großer Betrugsaffären auftauchte, aber Doping stets bestritt, sitzt seit Ende Februar im Gefängnis Stadelheim. Seine Aussagen und rund 40 in seiner Erfurter Praxis eingelagerte Blutbeutel gaben sukzessive weitere Sünder preis, 21 Athleten sind es bisher, zum Wintersport gesellten sich bald auch Radprofis. Zunächst Austrias Velo-Helden Stefan Denifl und Georg Preidler; Denifl hatte 2017 die Österreich-Rundfahrt und eine Etappe bei der Vuelta gewonnen. Im Mai gestand dann der frühere deutsche Telekom-Fahrer Danilo Hondo, er habe sich Schmidts Blutbehandlungen 2011 unterzogen. Als 37-Jähriger habe er noch einmal um einen guten Vertrag kämpfen wollen.

Dürr half nun auch, die Affäre um Haegele anzustoßen, den nächsten deutschen Sportarzt. Im Frühjahr hatte er der SZ bestätigt, dass ihn Gerald Heigl, sein langjähriger ÖSV-Trainer, Ende 2013, also kurz vor den Winterspielen in Sotschi, mit Dopingmitteln versorgt habe; übergeben angeblich von Haegele. Diese Kurierdienste schilderte er auch bei der Polizei; es war eine nachgereichte Beichte, Dürr wollte endlich reinen Tisch machen. Denn im Zuge der von ihm ausgelösten Seefelder Ermittlungen hatte er selbst einräumen müssen, auch nach Ablauf seiner Sperre 2016 weiter gedopt zu haben.

Damals bestritt Heigls Anwalt Dürrs Vorwürfe: „Mein Mandant war nie in Dopingmachenschaften von Herrn Dürr verstrickt. Wenn er etwas gewusst hätte, hätte er das sofort unterbunden!“ Heigl werde gegen die haltlosen Vorwürfe rechtliche Schritte einleiten.

Wintersport

Skifahrer Hannes Reichelt

„Ich habe sogar immer jedes Hustenzuckerl überprüft“

In der Erfurter Doping-Affäre wird der frühere Super-G-Weltmeister Hannes Reichelt verhört. Ein Trainer verweigert die Aussage – und sitzt in Untersuchungshaft.


Von Johannes Aumüller


Das Problem für die Mediziner waren angebliche „Graumänner“ im Hintergrund

Doch den nächsten rechtlichen Schritt unternahmen dann die Strafermittler: Sie erwirkten für Heigl Untersuchungshaft. Es gab Anhaltspunkte für Verwicklungen in Dopingmachenschaften, und die Staatsanwaltschaft befürchtete Verdunkelungsgefahr, falls der weithin gut vernetzte Coach ohne substanzielle Aussagen wieder auf freien Fuß gelangte. Nach einigen Wochen sagte Heigl aus. Er soll nach Aktenlage bestätigt haben, was Dürr zuvor bereits den Behörden gebeichtet hatte: Sein Trainer habe von Haegele, Leitender Teamarzt Langlauf im ÖSV, Ende 2013 in Deutschland Epo erhalten, zur Weitergabe an Dürr sowie an einen weiteren Teamgefährten.

So steht es auch in dem Durchsuchungsbeschluss, aus dem Haegele zitiert. Und so beschreibt, ohne die Namen der Beteiligten zu nennen, Staatsanwalt Willam in Innsbruck das Delikt. Der zwischenzeitlich inhaftierte Trainer habe „detailgenau“ ausgesagt, die Aussagen seien stimmig, und bei der Beweiswürdigung sei überdies zu beachten, dass die Aussagenden hier ja nicht nur den Arzt belasteten, sondern eben auch sich selbst. Hinzu kämen mehr Aspekte. Der Trainer habe von nicht geringen Epo-Mengen berichtet, die er von Haegele erhalten habe, nach SZ-Informationen ist die Rede von 4000 bis 6000 Internationalen Einheiten; das dürfte in Doperkreisen für bis zu zwölf Behandlungen reichen. Zudem sei der zu ermittelnde Vorgang von Ende 2013 womöglich kein Einzelfall. „Wir gehen davon aus, dass es mehrere Tathandlungen gibt, die der Beschuldigte zu verantworten hat“, sagt Willam. „Für uns ist es eine verdichtete Beweislage, sonst hätten wir kein so massives Mittel wie die Durchsuchung gewählt.“



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