Doppelausstellung in der Gießerei Noack: Neun Rosenthal-Köpfe von Ulrich Mühe

Wer waren sie, wer bin ich? Familien-Büsten von Andreas Mühe und Gemälde von Emmanuel Bornstein.FOTO: JENS KALAENE/DPA

Die Traditionsmarke Rosenthal hat Sammelteller mit Weihnachtsmotiven und Geschirr von Walter Gropius im Programm. Büsten gab es bislang eher von Komponisten, beliebte Staubfänger auf dem Klavierflügel; außerdem hat sich Karl Lagerfeld in kleiner Auflage in Porzellan verewigen lassen. 

Nun aber steht man in Charlottenburg im Skulpturenforum Hermann Noack vor neun Rosenthal-Köpfen von Ulrich Mühe: schneeweiß, leicht unterlebensgroß und so eingefroren in ihrem Ausdruck, als sei der Schauspieler schon hundert Jahre tot. Und nicht erst 2007 verstorben.

Büsten sind ein Mittel zur Distanzierung, das macht einem diese Versammlung identischer Gesichter schlagartig bewusst. Die Frage, wie schräg es ist, wenn Andreas Mühe seinen Vater wie ein fernes Idol inszeniert, verschwindet nahezu hinter dieser Erkenntnis.

Wer sie dennoch stellt, merkt schnell, wie gut Mühes Provokation zum Künstler passt, der mit fotografischen Serien wie „Obersalzberg“ oder „A.M.“ schon ganz andere Reizthemen deklinierte: Die Rückkehr des Erhabenen mithilfe durchaus fragwürdiger Ästhetiken oder seine vermeintliche Reise mit der Bundeskanzlerin zu den Schauplätzen deutscher Geschichte.

Andreas Mühe geht vom Politischen ins Private

„Vladimir und Estragon“, die Ausstellung, die er bei Noack nun zusammen mit dem Maler Emmanuel Bornstein realisiert, entwickelt sein fotografisches Werk ein Stück weiter: Vom Politischen fokussiert es mehr und mehr auf das Private, bleibt aber bei der Frage, wie sich historische Komponenten im Schicksal von Individuen spiegeln.

Es ist eine große Ausstellung geworden. Sie verdankt sich Avitall Gerstetter, die nach dem Vorbild Rahel Varnhagens und anderer jüdisch-deutscher Zirkel vor 1933 seit fünfzehn Jahren den Salon Avitall als Plattform für unterschiedliche Formen jüdischen Lebens betreibt – mit Podien, Konzerten und Projekten im Skulpturenforum Noack, wo Avitall regelmäßig gastiert.

„Vladimir und Estragon“ entspringt aber auch einem Wunsch beider Künstler, die seit längerem gemeinsam ausstellen wollten. Zu Mühe Büsten seines Vaters gesellen sich weitere von Jenny Gröllmann und Susanne Lothar, mit denen der Schauspieler in zweiter und dritter Ehe liiert war.

Flankiert werden sie von neuen Fotografien und solchen Arbeiten, die vergangenes Jahr schon in der Ausstellung „Mischpoche“ im Hamburger Bahnhof hingen. Auch hier ging es Mühe um seine weitläufige Familie, Verstorbene integrierte er mit einem Trick in die Gruppenporträts: Der Vater, Gröllmann und Lothar wurden in einem Londoner Studio aus Silikon lebensecht nachgeformt.

Die Mühe-Familie war schon im Hamburger Bahnhof ausgestellt

Was für ein Aufwand, um die Lebenden und die Toten zu versammeln! Es gäbe andere, digitale Möglichkeiten der Montage, aber so arbeitet Andreas Mühe nicht. Bis am Ende ein Foto steht, wühlt er sich buchstäblich durch das Material.

Die Geschichten, von denen er erzählt, sollen unter die Haut gehen – auch ihm selbst. Oder kann sich einer vorstellen, dass es Spaß macht, Tag und Nacht mit den auferstandenen, täuschend echt wirkenden Verwandten im Atelier zu verbringen?

Dort, auf einem alten Fabrikgelände im Berliner Norden, hat auch Bornstein sein Atelier. Die Künstler sind Nachbarn und Freunde geworden, weil sie ähnliche Themen verfolgen. Wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln.

Emmanuel Bornstein, 1986 im französischen Toulouse geboren, studierte Malerei unter anderem an der hiesigen Universität der Künste. Wie Mühe stammt er aus einer Familie, deren Biografie eng mit dem Theater verknüpft ist.

Bornsteins Großmutter war in Auschwitz

Bei beiden wirkt die deutsche Vergangenheit bis heute nach: Mühe, Jahrgang 1979, nennt seinen Geburtsort bis heute mit Absicht Karl-Marx-Stadt, obwohl er längst wieder Chemnitz heißt.

Auch wenn er selbst ein Kind war, als die Mauer fiel, gehört die DDR zur familiären Vergangenheit. Bornsteins Großmutter war in Auschwitz, der Holocaust beschäftigt ihn in einem Zyklus wie „Another Heavenly Day“. Eine Vielzahl kleiner, über mehrere Wände im Skulpturenforum verstreute Porträts.

Dass einem manche davon bekannt vorkommen, liegt an Bornsteins Vorlagen. Er verwendet Bildnisse prominenter Männer von Bertolt Brecht bis Klaus Barbie.

Auf den quadratischen Leinwänden wirken sie allerdings seltsam deformiert: Die Pinselstriche des Künstlers machen Falten, rote Ohren und hektische Flecken oder radieren die Gesichter gleich aus – wie auf den Gemälden von Francis Bacon, wo sich alles in heftiger Wischbewegung auflöst.

Zurück bleiben fette, farbige Schichten, unter denen sich die jeweilige Person verbirgt. Oder bricht Bornstein nicht doch etwas auf? Ist das Krustige auf seinen Leinwänden die gesprengte Oberfläche, unter der er nach Ambivalenzen der von ihm geschätzten oder gefürchteten Charaktere sucht?

In jedem Porträt steckt auch der Künstler selbst

„Wenn man ein Porträt malt, ist die eine Hälfte davon die Person, die man zu porträtieren versucht, und die andere Hälfte davon bist du selbst“, sagt Bornstein über seine Kunst. Mehr braucht es nicht, um Parallelen im Werk der Freunde zu entdecken: Andreas Mühe arbeitet ähnlich. In jeder seiner Fotografien steckt er selbst mit Haut und Haar.

Bleibt noch „Vaterfigur“. Drei Gemälde einer Serie von Bornstein tragen diesen Titel, ihre Figuren, die mal in der Landschaft stehen und mal auf einem Motorrad sitzen, bleiben allerdings ähnlich anonym wie die Porträts.

Sie erinnern an übergroße Schnappschüsse aus dem Urlaub, die einer versehentlich überbelichtet hat. Oder an von Kindern gemachte Reißbilder, auf denen sich Farbflächen zu groben Motiven ineinander schieben. Obwohl der Künstler sie virtuos gemalt hat, bleibt der Eindruck des Unbeholfenen. Oder des Unvermögens, klarer durch den Farbnebel zu sehen.

Die Männer auf diesen Bildern sind weit weg, eigentlich kaum (noch) auszumachen, im Verschwinden begriffen. Vielleicht waren sie das aber auch immer schon, und beide – Mühe wie Bornstein als erwachsene Söhne – mühen sich ab, hinter dem Idol den Menschen, den Vater zu erkennen.

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