Durch die Gasse von Fans und Lamas (neues-deutschland.de)


Schafzüchter, Pilger und Händler kannten den Col du Tourmalet schon lange. Die erste namentlich überlieferte Passantin – im wahrsten Sinne des Wortes – war allerdings die Comtesse Beatrix. Im Jahr 1088 überquerte die Adlige, demnach bereits als 16-Jährige, nach dem Tod ihres Bruders Raymond, Chef der Grafschaft Bigorre, jenen Pass. Sie machte sich von Bagnères-de-Bigorre, dem Ziel der elften Etappe der aktuellen Tour de France, in die Ortschaft Bareges auf. Beatrix wählte den Weg nahe den Wolken, weil ihr die rebellierenden Einwohner von Bareges den Weg im Tal verwehrt hatten. Sie kam dennoch an und trieb, wie es heißt, erfolgreich die Steuern ein.

Berühmt wurde der Passweg aber erst sechs Jahrhunderte später. Madame de Maintenon, erst Erzieherin der Kinder des Sonnenkönigs Ludwig XIV. und später seine Mätresse, begab sich mit einem der kränkelnden Prinzen zum Kuraufenthalt nach Bagnères-de-Bigorre und erklomm ebenfalls die Höhe. Auf ihren Spuren entstand dann der befestigte Passweg, der noch viele Jahre lang nur hoch zu Pferde bezwungen werden konnte. 1864 wurde er auch für Kutschen passierbar, 1930 zur Route National erhoben. Mittlerweile kann man auch mit tiefgelegten Cabrios, ja sogar Rollatoren die asphaltierte Straße hinauf.

Zehntausende Menschen fühlen sich von dem Berg angezogen, wenn die Tour de France den Pass passiert. 83 Mal ist das schon geschehen. Mehr als die Hälfte dieser Passagen, 43 an der Zahl, hat Cristobal Teruel miterlebt. »Ich bin jetzt 73 Jahre alt und komme seit mehr als 50 Jahren zur Tour, wenn sie hier in den Pyrenäen ist. Ich habe Federico Bahamontes erlebt, wie er gegen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor kämpfte, später dann Eddy Merckx, Pedro Delgado und Miguel Indurain«, erzählt der Spanier mit dem sonnenverbrannten und wettergegerbten Gesicht. Teruel stand bereits während der elften Etappe am Gipfel des Ancizan. Dahin war er früh am Morgen mit dem Auto gekommen. »Zum Tourmalet komme ich aber mit dem Rad«, verspricht er. »Allerdings nicht die ganze Strecke. Ich fahre mit dem Auto bis Sainte-Marie-de-Campan. Und dort steige ich aufs Rad und fahre auf den Gipfel«, erzählt er. Das sind dann immer noch 17 Kilometer Anstieg und knapp 1300 zu bezwingende Höhenmeter. »Ich bin ja keine 20 mehr«, sagt er. Teruel mache es Spaß, noch mit 73 in den Bergen zu fahren. »Und dann geht es nach der Etappe auch wieder schneller zurück. Die Abfahrt mit dem Rad ist einfach grandios«, schwärmt er.

Der Radsport habe sich in all den Jahren massiv verändert, meint Cristobal Teruel: »Früher war es viel einfacher, aber auch viel härter. Du sahst den Fahrern die Anstrengung an. Sie schwankten auf dem Rad, als sie hier hochkletterten. Jetzt macht es nur ›sirrrr‹ und sie sind vorbei. Es ist auch alles viel kontrollierter, mit den Anweisungen vom Mannschaftswagen und den Wattmessern.« Von seinem fast jährlichen Ausflug auf die französische Seite der Pyrenäen hält ihn all das dennoch nicht ab. »Die Tour ist einfach eines der größten Sportereignisse der Welt. Und wenn das quasi vor deine Haustür kommt, dann musst du doch raus«, meint er.

Einen wesentlich weiteren Anfahrtsweg hat die Familie Collins aus Dublin. Sie hat sich mit Regenbogentrikots von Peter Sagan eingedeckt. »Er ist einfach ein Fahrer mit Stil, mit Charisma«, sagt Vater Declan. Seine Familie ist zum ersten Mal bei der Tour. Für den Tag am Rande der Strecke hat sie gut vorgesorgt. Mit Essen und Trinken natürlich, aber auch mit Spielen und Büchern für die Kinder. »Eigentlich wird es aber nie langweilig hier. Es macht Spaß, das alles zu beobachten. Bei der Werbekarawane haben wir uns dann auch gut eingedeckt mit T-Shirts, Mützen und anderem«, sagt Declan schmunzelnd. Für das Rennen hofft die Collins-Familie, dass ihr Idol Peter Sagan im Zeitlimit ins Ziel kommt. »Wir drücken aber auch unseren Landsleuten Dan Martin und Nicholas Roche die Daumen«, meint Declan.

Fans aus vielen Nationen finden sich in den Pyrenäen ein. Man sieht Norweger mit Widderhörnern. Briten, die auf einem Banner Genesungswünsche an den gestürzten Ex-Sieger Chris Froome schicken. Jetzt fiebern sie mit seinem Teamkollegen Geraint Thomas. Amerikaner, Australier und Neuseeländer sind anhand ihrer Flaggen gut zu erkennen. Anders aus Aarhus hat kleine dänische Winkelemente dabei. Der 20-Jährige fährt mit seinem Wohnmobil die ganze Tour ab. Er teilt das Gefährt allerdings nicht mit seiner Freundin oder ein paar Kumpels, sondern mit seinen Großeltern. Als er sie erwähnt, krabbeln Oma und Opa lachend aus dem Wohnmobil. Alle drei wechseln sich beim Fahren ab. »Ich bin aber der bessere Navigator«, meint Anders ohne Widerspruch.

Um jeden Tag rechtzeitig einen guten Platz zu finden, sind sie meist schon morgens gegen 8 oder 9 Uhr vor Ort. »Es ist gar nicht so einfach, einen Platz ohne Menschen zu finden«, sagt Anders. Für den Tourmalet planen die drei deshalb auch die Übernachtung vor Ort. »Oh, Tourmalet, das ist kompliziert«, sagt ein paar Schritte weiter Gilbert. Der 62-Jährige aus La Rochelle ist in einer Karawane von vier Campingwagen mit Familie und Freunden angereist. »Wir sind immer schon am Abend vorher da und übernachten. Aber selbst dann ist oft schon die Hölle los«, meint er. Ganz auf den Berg wird seine Viererkolonne auch nicht fahren. »Wir machen auf der Hälfte Stopp, suchen uns ein gutes Plätzchen, und von dort geht es mit den Rädern ganz hoch.« Sogar sein Hündchen, das gerade aus dem Wohnmobil lugt, will Gilbert mitnehmen.

Es könnte exotische Begleiter finden, denn seit knapp 20 Jahren lebt auf dem Tourmalet auch eine Gruppe Lamas, ausgesetzt von einem französischen Züchter. Für die Kletterprofis aus Südamerika sind sie ein Gruß aus der Heimat. Beatrix und Madame de Maintenon hätten sich gewundert. Über die Lamas, aber wohl auch über die Menschenmassen am Col du Tourmalet.



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