E-Autos: Deutschland streitet noch, China plant schon nächste Auto-Revolution


Kolumne ChinaBriefs: Deutschland streitet noch über E-Autos, da plant China die nächste Auto-Revolution

Während wir hierzulande über E-Autos streiten, geht China neue Wege in der Automobil-Technik. Was das für Deutschland bedeutet und was wir davon lernen können, erklärt unser Kolumnist Björn Ognibeni von ChinaBriefs.

Der Bereich Elektromobilität ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie weit China inzwischen voraus ist: Während wir uns in Deutschland immer noch nicht sicher sind, ob E-Autos überhaupt Sinn machen und unsere Hersteller lieber mit der Politik über Voraussetzungen streiten, werden in China Fakten geschaffen:

  • Seit fast zehn Jahren sind dort viele Zweiräder bereits elektrisch unterwegs, inzwischen rund 30 Millionen. Dadurch sind die Straßen für asiatische Verhältnisse erstaunlich ruhig – teilweise gefährlich ruhig.
  • Während es in den ganzen USA nur 300 Busse mit Elektroantrieb gibt, sind in China bereits 421.000 in Betrieb. Das südchinesische Shenzhen hatte bereits 2017 als erste Stadt weltweit sämtliche 16.000 Busse ausgetauscht. Dieses Jahr waren alle 21.000 Taxis dran.
  • Gleichzeitig testet man auch ganz neue Verkehrskonzepte, etwa eine elektrische Straßenbahn, die ohne Schienen auskommt, weil sie wie ein Bus auf Reifen fährt. Das 32 Meter lange Fahrzeug kann 300 Passagiere aufnehmen und macht es möglich, die geringen Kosten und hohe Flexibilität eines Busses mit der höheren Kapazität eines Zuges zu kombinieren.

 

 
 

Die Geschwindigkeit, mit der sich diese Entwicklung vollzieht, ist natürlich zum großen Teil direkte Folge des autoritären politischen Systems. Ebenso die oft unbegrenzt scheinenden finanziellen Mittel, die der Staat zur Verfügung stellt, sobald ein bestimmter Industriezweig gezielt aufgebaut werden soll.

Trotzdem müssen sich westliche Unternehmen an dieser Dynamik messen lassen, wenn sie im Wettbewerb nicht zurückfallen wollen.

 

 
 

Innovationsdruck im PKW-Bereich

Besonders hoch ist der Innovationsdruck im PKW-Bereich, wo in China aktuell hunderte kleinerer und größere Start-ups versuchen, neue vollelektrische Automobil-Marken an den Start zu bringen.

Diese brauchen von der initialen Finanzierung über die Entwicklung erster Konzeptfahrzeuge bis hin zum Aufbau der gesamten Fertigung oft weniger Zeit als ein deutscher Hersteller für die Realisierung eines einzelnen neuen Modells, wie etwa Volkswagen für den Golf VIII. 

Auch wenn die Schnelligkeit und Entscheidungsfreude der einzelnen Unternehmen eine wichtige Rolle spielt, wäre auch dies niemals ohne staatliche Förderung möglich. Die Politik versucht hier sehr strategisch einen auf die Zukunft ausgerichteten Automobilsektor in China zu schaffen.

Vorsprung bei alternativen Antrieben

Allen Beteiligten ist dabei bewusst, dass man den Vorsprung westlicher Firmen bei konventionellen Fahrzeugen nicht mehr aufholen wird. Stattdessen will man aber bei alternativen Antrieben vom Start weg in Führung gehen.

Über den Autor

Björn Ognibeni ist studierter Volkswirt und arbeitet seit 15+ Jahren als freier Unternehmensberater vor allem an Themen aus dem Bereich digitale Transformation und den daraus resultierenden Chancen für Unternehmensführung, Produktentwicklung, sowie Marketing & Vertrieb. Parallel gründete er verschiedene Startups. Das letzte verkaufte er vor 2 Jahren an die Deutsche Presse-Agentur und machte danach eine Reise nach China. Das Land beeindruckte ihn sehr. Seitdem beschäftigt er sich viel mit aktuellen Trends rund um #DigitalChina und was wir im Westen davon lernen können.

Um dies zu erreichen, gab es in den vergangenen Jahren einen klaren Fokus auf ein bestimmtes Antriebskonzept: vollelektrische Batterie-PKW – BEV (Battery-Electric Vehicles). Nicht zuletzt aufgrund des bereits vorhandenen Vorsprungs bei der Batterietechnologie machte dies auch absolut Sinn.  In Deutschland scheint sich inzwischen ebenfalls das BEV als bevorzugter Technologieansatz durchzusetzen – interessanterweise genau in dem Augenblick, wo wir in China Hinweise sehen, dass sich die Dinge dort ändern.

Alternativer Technikansatz

Staatliche Förderungen für den Kauf von BEV werden zurückgefahren, Start-ups in dem Bereich haben plötzlich Schwierigkeiten, Anschlussfinanzierungen abzuschließen und auffällig oft wird nun ein alternativer Technikansatz in den Medien erwähnt: die Kombination von Wasserstoff (H2) und Brennstoffzellen – FCEV (Fuel Cell Electric Vehicle).

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang besuchte im Mai 2018 ein Toyota-Werk in Japan, wo ihm der Toyota Mirai vorgeführt wurde – eines der wenigen existierenden FCEV-Modelle, die man heute tatsächlich kaufen kann.

Was immer er dort sah, es hat ihn nachhaltig beeindruckt. Denn seitdem finden sich Wasserstoff und Brennstoffzellen immer öfter in staatlichen Planungsunterlagen.

Über ChinaBriefs

Wer früher einen Blick in die Zukunft werfen wollte, fuhr ins Silicon Valley. Heute fährt man dafür besser – nach China!  Was kaum jemandem bewusst ist: Das Land hat uns vor allem in den Bereichen Innovation & Digitalisierung überholt. ChinaBriefs möchte helfen, #DigitalChina besser zu verstehen. Dafür berichten an dieser Stelle abwechselnd Björn Ognibeni und Mirko Wormuth. Sie versuchen bewusst darauf zu verzichten, die Dinge aus westlicher Sicht zu bewerten und wollen stattdessen vermitteln, wie Chinesen diese Entwicklung erleben. Mit einem englischsprachigen Newsletter und Weblog, sowie Vorträgen und Reisen vor Ort. Mehr dazu erfahren Sie hier.

Dabei sollte man aber nicht den Fehler machen zu glauben, China würde nun BEVs durch FCEVs ersetzen. Das wird mit Sicherheit nicht passieren, denn den Vorsprung im Batterie-Bereich will China nicht aufs Spiel setzen. Vielmehr wird man sich mit FCEV eine zweite Option schaffen, um frühzeitig Know-how auch bei dieser Technologie aufzubauen.

Ganzheitliche Strategie

Und man kann davon ausgehen, dass China dabei, ähnlich wie Japan und Korea, das Thema Wasserstoff ganzheitlich angeht, denn allein für den Automobilbereich macht diese Technik wenig Sinn. Stattdessen braucht es eine nationale Wasserstoff-Strategie, die folgende Fragen beantworten muss:

  • Wie kann der Wasserstoff CO2-neutral erzeugt werden?
  • Wie baut man ein weitreichendes und enges Distributionssystem auf?
  • Und wo gibt es H2-Nutzungsszenarien über den Fahrzeug-Bereich hinaus, zum Beispiel in der Industrie oder bei der Energieversorgung von Wohnhäusern?

In einem solchen Gesamtsystem würden FCEV sicherlich ihren Platz finden, vor allem im Nutzfahrzeugbereich, wo große, schwere Batterien wenig Sinn machen.

Aber auch Schiffe, Züge und Flugzeuge könnten hier eventuell Wasserstoff zum Antrieb nutzen. All dies wäre ein großer Schritt hin zur nachhaltigen Dekarbonisierung der gesamten Energieversorgung.

DLDaily

Die Digitalisierung verändert Deutschland – zum Positiven, wenn wir es richtig anpacken.

Auf der Digitalkonferenz DLD, die wie FOCUS Online zu Hubert Burda Media gehört, diskutieren Experten mehrmals im Jahr über diese Entwicklungen. Diesen Geist, diese Themen, möchte FOCUS Online seinen Lesern das ganze Jahr über bieten: mit DLDaily.

FOCUS Online spricht für DLDaily mit Menschen, die Konzepte für die digitale Zukunft haben: mit innovativen Politikern, visionären Denkern, kreativen Gründern. Wir erklären die neuen Technologien und zeigen, wie sie sich in Beruf und Privatleben nutzen lassen.

Alle DLDaily-Artikel finden Sie hier.

Wie man dies erreichen kann, darüber denken jetzt aktuell vermutlich eine ganze Reihe von Regierungsstellen in China sehr intensiv nach, um möglichst bald eine umfassende Strategie dafür zu präsentieren.

Großer Unterschied zwischen China und Deutschland

Genau hier sieht man aber einen großen Unterschied zwischen China (aber auch Japan oder Korea) und Deutschland – abseits von allen Differenzen im politischen System.

Denn hierzulande improvisiert jeder isoliert in seinem eigenen kleinen Silo – die einen mit sehr langem Anlauf auf der „Nationalen Plattform Elektromobilität“, die anderen konzeptlos versprengt beim Kampf mit der Energiewende. Gemeinsam ein ganzheitliches Konzept zu erarbeiten, hält offensichtlich niemand für ein sinnvolles Vorgehen.

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Anders in Asien: Dort wird in so einem Fall ganz selbstverständlich ein übergreifendes und langfristig gedachtes Konzept erarbeitet und dann sehr konsequent, aber auch mit dem nötigen Pragmatismus, umgesetzt.

Womit sich auch die Antwort auf die Frage ergibt, was die sinnvollere Technologie ist – Batterie oder Wasserstoff? Wie so oft in China gilt auch hier: nicht “entweder, oder” sondern “sowohl, als auch” – aber eingebettet in eine kluge, strategisch durchdachte Konzeption. 

Warum probieren wir so einen Ansatz eigentlich nicht mal in unserem Land aus?

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