Ein vierter Platz ist nicht dasselbe wie ein vierter Platz | ZEIT ONLINE

Was war die spannendste Entscheidung des Abends?

Das
Stabhochspringen der Männer. Es ging zwar nicht hinauf in die
schwindelerregendsten Höhen, aber beim Zweikampf zwischen dem
US-Amerikaner Sam Kendricks und dem erst 19-jährigen Schweden Armand
Duplantis stimmte zumindest das Drehbuch: Bei 5,87 Meter sah Duplantis
schon wie der sichere Sieger aus, ehe Kendricks die Höhe im dritten und
letzten Versuch auch schaffte. Bei der nächsten Höhe, 5,92 Meter, sah
wiederum Kendricks schon wie der sichere Sieger aus, ehe Duplantis die
Höhe im dritten und letzten Versuch ebenfalls nahm. Beide umarmten sich
übrigens nach ihren gelungenen Sprüngen und feuerten sich gegenseitig
an. Dann rissen beide zweimal 5,97 Meter, ehe Duplantis im dritten
Versuch drüber segelte und schon wie der sichere Sieger … na ja, Sie
wissen schon. Doch Kendricks schaffte es eben auch und als ganz Doha
sich schon auf einen langen Abend einstellte, war es vorbei. Kein
gelungener Sprung mehr, Kendricks wurde Weltmeister, weil er insgesamt
weniger Fehlversuche hatte, quasi das Torverhältnis der
Stabhochspringer.

Was machten die Deutschen?

Immerhin
zweimal Vierter werden. Und die Erkenntnis stiften, dass ein vierter
Platz nicht dasselbe ist wie ein vierter Platz. Was für den einen der
bislang größte Erfolg der Karriere sein kann, darüber kann die andere
sich schwarzärgern, weil man nur zuschauen muss, wenn die Gewinnerinnen ihre
Medaillen umgehängt bekommen. So war es auch beim Stabhochspringer Bo Kanda Lita Baehre und der Speerwerferin Christin Hussong. Lita Baehre,
erst 20 Jahre alt, war bei seiner ersten WM schon froh, es überhaupt ins
Finale geschafft zu haben und strahlte daher übers ganze Gesicht. Eher
nicht zum Lachen zu Mute war Christin Hussong. Die lag noch vor dem
letzten Versuch auf Platz drei, wurde aber vom Sonntagswurf der
Australierin Kelsey-Lee Barber überrascht respektive überholt. „Die
Medaille habe ich nicht verloren, ich habe sie ja gar nicht gehabt“,
sagte Hussong später am ARD-Mikrofon und ihr Gesicht sprach genau das
Gegenteil.

Wer freute sich am Schönsten?

Das
war eben jene Kelsey-Lee Barber. Vor ihrem letzten Wurf war sie noch
Vierte, steigerte sich dann aber im sechsten und letzten Versuch um fast
drei Meter. Da staunten neben Christin Hussong auch die beiden
führenden Chinesinnen Liu und Lyu. Lyu hatte die letzten 12
Wettbewerbe, in denen sie an den Start ging, auch gewonnen. Diesen hier
aber nicht. Es war eine der bislang größten Überraschungen dieser WM,
weshalb die Australierin anschließend über die Bahn tänzelte, als sei sie
eine 200-Meter-Läuferin.

Wer lief am Schnellsten?

Noah Lyles. Der als Nachfolger von Usain Bolt gehandelte Sprinter gewann
Gold über 200 Meter. Dabei brauchte er etwa 120 davon, um in Fahrt zu
kommen, danach aber schwebte er über die Bahn, so anmutig, dass einem
sofort jenes Zitat von Emil Zátopek in den Sinn kommt: „Vogel fliegt,
Fisch schwimmt, Mensch läuft.“ Lyles läuft sogar schöner und runder als
Bolt, lehrbuchhaft fast. Doch nicht nur sportästhetisch hat der erst 22
Jahre alte Lyles das Zeug zum neuen Superstar der Leichtathletik. Im
Gegensatz zum stets mufflig-beleidigt wirkenden 100-Meter-Weltmeister
Christian Coleman mag Lyles die Show. Er lief mit grau gefärbten Haaren,
und auch wenn seine Posen noch etwas einstudiert wirken – von Noah Lyles werden wir noch ein paar Jahre lang was hören.

Wer muss sich Fragen gefallen lassen?

Unter
anderem Konstanze Klosterhalfen, die beste deutsche
Langstreckenläuferin. Sie trainiert seit April beim Nike Oregon Project
(NOP) in den USA mit. Dem Cheftrainer des NOP, Alberto Salazar, aber
wurde am Dienstag die Akkreditierung für die WM entzogen. Ein
unabhängiges Schiedsgericht hatte ihn für vier Jahre gesperrt. Salazar
und ein ehemaliger NOP-Mediziner hätten verbotene Mittel besessen,
Infusionen unerlaubt eingesetzt und anschließend versucht, die Verstöße
zu vertuschen. Eine Nachricht mit Wucht, die aber so überraschend nicht
kam. Gerüchte, dass Salazar alles tue, was Erfolg bringe, notfalls auch
etwas, was über die Grenze des Erlaubten hinausgehe, gibt es schon seit
vielen Jahren. Umso verwunderlicher, dass Konstanze Klosterhalfen, die
allein in diesem Sommer drei deutsche Rekorde verbesserte, trotzdem kein
mulmiges Gefühl gehabt zu haben schien, als sie nach Oregon ging.
Klosterhalfens Manager erklärte: „Konstanze ist entschieden gegen
jegliche Art von verbotenen Substanzen.“ Außerdem sei nicht Salazar ihr
Trainer, sondern Pete Julian. Die Vorbereitung auf ihren Vorlauf über die
5.000 Meter am Mittwoch hat sie sich dennoch sicher etwas ruhiger
vorgestellt.

Wer hatte Pech?

Takele
Nigate aus Äthiopien. Im Vorlauf über 3.000 Meter Hindernis strauchelte
er bereits nach 50 Metern, seine rechte Schläfe macht Bekanntschaft mit
der rauen Tartanbahn. Gerade hatte er sich wieder ans Feld
herangekämpft, da stolperte er kurz vor dem Wassergraben und stieß mit
der Brust gegen die Hürde. Wäre er doch lieber im Bett geblieben. Mehr
Hindernislauf als an diesem Tag ging wirklich nicht.


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