Elf Jahre Weltreise: „Deutschland ist nur noch eine Erinnerung“

Ricarda Peter mit einem Affen auf der karibischen Inselgruppe Bocas del Toro in Panama ©Ricarda Peter
Seit mehr als elf Jahren ist Ricarda Peter nun schon unterwegs – im September 2008 wanderte sie nach Kanada aus, seitdem reist sie quer durch die Welt. Zuvor hatte sie in Wiesbaden studiert. Die 41-Jährige kennt mittlerweile Länder und Kulturen auf dem ganzen Globus. Darüber hat sie mehrere Bücher geschrieben, im Internet berichtet sie auf ihrem Blog und auf Instagram von ihren Reisen.

Der stern hat mit Ricarda Peter über das Leben auf Achse, ihre DDR-Kindheit und Heimweh gesprochen.

Quer durch die Welt unterwegs: „Deutschland ist nur noch eine Erinnerung“

Ricarda Peter, wo erreichen wir Sie gerade?
Ricarda Peter:
Gerade bin ich in Calgary, in Kanada. Hier ist es gerade sechs Uhr morgens. Ich lebe hier seit drei Monaten.

Da ist es dann wohl genauso kalt wie hier in Deutschland, oder?
Oh ja, letzte Woche hatten wir minus 30 Grad. Diese Woche fühlt es sich mit minus 4 Grad an wie Frühling. Das ist also kein Grund zum Neidischsein.

Wie verbringen Sie Ihre Zeit – haben Sie einen Job?
Nein, ich reise immer herum. Einen Job in dem Land, in dem ich lebe, habe ich eigentlich nie. Meine Zeit verbringe ich gerade vor allem mit Skifahren, außerdem habe ich gerade ein neues Buch veröffentlicht und muss mich um meinen eigenen Verlag kümmern.

Sie bereisen jetzt schon seit vielen Jahren die Welt. Wie ist es dazu gekommen?
Eigentlich wollte ich ja nur nach Kanada auswandern, also nach Vancouver, um bei Film und Fernsehen zu arbeiten. Aber nach einem Jahr haben die mich hinausgeworfen, weil das Visum abgelaufen war. Dann bin ich von Kanada nach Panama gefahren und von da aus ging es weiter auf die Bahamas und dann Südamerika. Mittlerweile bin ich seit elf Jahren unterwegs.

Aber woher kam bei Ihnen die Motivation, Ihre Heimat zu verlassen und zur Weltenbummlerin zu werden?
Aufgewachsen bin ich in Bernburg in Sachsen-Anhalt, also in der ehemaligen DDR. Die ersten elf Jahre meines Lebens habe ich nur die DDR gekannt, dann ist meine Mutter mit mir nach Westdeutschland geflüchtet. Meine restliche Jugend habe ich dann in Goslar verbracht.

Hat Ihre Kindheit in der DDR, einem Staat ohne Reisefreiheit, etwas mit Ihrer Reiselust zu tun?
Ich wollte immer reisen, ich wollte die Welt sehen. Dann hat mein Opa immer gesagt: Das geht nicht, da gibt es die Mauer und so. Aber ich wusste immer: Wenn ich groß bin, dann reise ich. Davon habe ich schon als Kind geträumt. Später bin ich immer gern gereist und war jedes Mal unglaublich traurig, wenn ich wieder mal heim musste nach Deutschland. Da waren alle unfreundlich und nicht so gut drauf.

Als Sie dann nach Kanada ausgewandert sind, war Ihnen da schon klar, dass Sie so lange unterwegs sein würden?
Ich habe mich damals aus Deutschland abgemeldet, das war schon ein großer Schnitt: alles auflösen in Deutschland, besonders die ganzen Sachen loswerden und Auto verkaufen, Wohnung abgeben und abmelden und dann neu anfangen. Da war schon klar, dass ich nicht zurückgehe. Zumindest habe ich gehofft, dass ich nicht zurück muss. Aber ich wollte eigentlich gar nicht reisen. Ich wollte eigentlich in Kanada bleiben.

Musiker reist um die Welt

Es kam dann doch anders und Sie sind einmal rund um den Globus gereist. Wo ist es eigentlich am schönsten?
Die Inseln sind am schönsten: die Malediven oder Bocas del Toro, das ist eine karibische Inselgruppe in Panama – mit dem Strand und 365 Tagen Sonne im Jahr. Das ist einfach ein schönes Leben. Man kann aufstehen, muss nicht viel anhaben und es ist immer warm. Das Wasser ist 30 Grad warm, einfach herrlich.

Da werde ich jetzt doch neidisch.
Aber ich muss sagen, ich habe dieses Leben dann auch schnell wieder satt. Und dann muss ich halt wieder gehen.

Auf Ihren Reisen haben Sie mit Sicherheit viele Geschichten erlebt. Welche erzählen Sie besonders gerne auf Partys?
Ach, da gibt es so viele. Da war zum Beispiel dieser Leopard in Sri Lanka, der saß einfach an der Straße, als wir mit dem Moped vorbeigefahren sind. Der saß zwei Meter von mir entfernt und hat mich einfach angeguckt. Ich habe gedacht, dass ich das Tier gleich auf meinem Rücken habe. Überhaupt sind die Tiere ziemlich beeindruckend. Da kommen dann plötzlich Elefanten aus dem Wald, weil sie über die Straße wollen.

Gab es da auch brenzlige Situationen?
Einmal hatten wir ein vier Meter langes Krokodil am Strand in Australien, mit Blut am Maul – und ich dachte, das war’s. Das war nicht so schön. Aber es hatte zum Glück schon gefressen. Oder gerade vor vier Monaten im Oman: Da war es schon dunkel und wir wollten an den Strand. Ich springe auf einen Stein im Sand und plötzlich höre ich es neben mir fauchen, irgendwas war an meinem Bein. Da habe ich mein Handy angemacht und sehe eine Schlange. Wir haben sie später gegoogelt – es war eine der giftigsten Schlangen überhaupt. Ziemlich beeindruckend war auch der Vulkanausbruch in Bali, weil ich gerade eine Hütte an seinem Fuße bezog und der Vulkan gefühlt alle fünf Minuten Erdbeben auslöste.

Sie lernen unterwegs auch alle möglichen Kulturen kennen. Wie kommen Sie mit den Einheimischen zurecht?
Eigentlich ganz gut, aber manchmal ist es auch schwierig. Man läuft als Weißer oft rum wie ein Dollarzeichen. Jeder möchte unbedingt Geld, und plötzlich kostet alles etwas anderes für mich als für die Einheimischen. Wenn man dann zum Beispiel eine Melone kaufen will, muss die Verkäuferin erst mal überlegen, wie viel die Melone kostet. Ich meine, die verkauft die jeden Tag. Und muss bei mir überlegen, was sie jetzt kostet. Wenn man so lange reist und es ist überall so, dann ist das ganz schön nervig.

Ricarda Peter bereist seit mehr als elf Jahren die Welt ©Ricarda Peter
Ricarda Peter bereist seit mehr als elf Jahren die Welt ©Ricarda Peter

Haben Sie einen Kulturkreis gefunden, mit dem Sie sich besonders verbunden fühlen?
Ich habe mal drei Jahre lang auf der Inselgruppe Bocas del Toro gewohnt, da gibt es drei Arten von Einheimischen: die Panamesen, die Ureinwohner und die Schwarzen, die damals aus Jamaika als Sklaven ins Land gebracht wurden. Das waren etwa 50 Leute, die dort gewohnt haben, die kannte ich alle persönlich. Mit denen war ich dann auch befreundet. Es ist natürlich toll, hinter die Kulissen schauen zu können, und auch mal dorthin zu gehen, wo nur die Einheimischen hingehen, weg von den Touristen. Zum Beispiel auf den traditionellen Wochenmärkten in China, wo Hunde und Katzen angeboten werden – zum Essen.

Haben Sie auch probiert?
Nein, keine Hunde und Katzen. Aber ich habe mal in Peru Meerschweinchen probiert, das schmeckt wie Huhn. Oder Alpakas – die habe ich davor gestreichelt und dann musste ich sie essen. Das war aber wirklich lecker.

Was bedeutet für Sie Zuhause – haben Sie so etwas noch?
Zuhause ist für mich eigentlich immer da, wo ich gerade bin. Am Anfang war das ziemlich schwierig, sich irgendwo neu einzuleben und anzukommen. Aber mittlerweile ist es ganz normal. Wenn ich in einem Hotelzimmer bin, bin ich da eigentlich schon zu Hause. Aber wenn ich zu viel reise oder zu schnell reise, weiß ich manchmal nicht mehr, wo ich bin. Dann muss ich nachts auf Toilette und plötzlich ist die Toilette gar nicht da, wo ich dachte, wo sie ist.

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Wie oft sind Sie noch in Deutschland?
In all der Zeit war ich nur zehn Tage da. Dadurch sehe ich meine Familie eigentlich gar nicht. Aber manchmal kommen sie zu Besuch, dorthin, wo ich gerade bin. Deutschland ist für mich immer noch Heimat, da bin ich ja aufgewachsen. Es ist immer noch schön, aber nur noch eine Erinnerung. So wie andere Leute sich an ihren Urlaub erinnern, erinnere ich mich an Deutschland.

Trotz aller schöner Erfahrungen, die Sie gemacht haben, trägt eines Ihrer Bücher den Titel „Reisen hat mein Leben versaut“. Was meinen Sie damit?
Es ist eben unglaublich schwierig, sich mit Leuten zu unterhalten. Wenn ich sage, dass ich seit elf Jahren unterwegs bin, herrscht schnell Stille. Bei meinen Freunden aus Deutschland habe ich den Eindruck, dass sie sich gar nicht weiterentwickelt haben. Die gehen jeden Tag zur selben Arbeit und machen jeden Tag das, was sie schon immer gemacht haben. Und ich mache immer etwas anderes. Das macht es für mich schwierig, in dieses Schema zu passen.

Wie lange wollen Sie noch so unterwegs sein?
Ich hoffe, für immer. Aber natürlich werde ich langsamer – man möchte auch mal irgendwo ankommen, ein bisschen bleiben und Sachen machen, die man gerne tut. In Japan war ich ein halbes Jahr lang, in Neuseeland neun Monate. Ich habe ja auch keine Eile. Jetzt bleibe ich bis Mai in Kanada, dann geht es runter nach Costa Rica.

Wenn Sie tatsächlich an den Punkt kommen würden, dass Sie sich an einem Ort niederlassen möchten – wo wäre das?
Das habe ich schon oft überlegt. Ich bräuchte auf jeden Fall mehrere Länder. Ein Strandhaus entweder auf den Bahamas oder in einem billigeren Land wie Costa Rica. Und dann bräuchte ich aber auch noch ein Winterland, wo ich Skifahren und Wandern kann. Da kann ich mich nicht festlegen.

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