Frausein ist ein Risiko: Sicherheit wird großgeschrieben – aber nur für Männer


Darin sind sich sicher alle einig: Heute gibt es mindestens doppelt so viele Warnhinweise und Sicherheitsanweisungen wie noch vor zehn Jahren. Jede Zigarettenpackung warnt mit Schockfotos, auf den Beipackzetteln von Medikamenten werden die Kapitel „mögliche Nebenwirkungen“ und „Kontraindikationen“ immer länger. Die Sicherheit des Einzelnen rückt mehr und mehr in den Mittelpunkt. Die Betonung liegt dabei jedoch auf dem Einzelnen, nicht die Einzelne, also die Frau, denn für Frauen gilt das in vielen Bereichen nicht. Ihre Sicherheit scheint Nebensache zu sein, dafür gibt es viele Belege.

Frauen werden beim Autounfall viel schlimmer verletzt

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel sind die so genanten Rückhaltesysteme im Auto, also Airbags und Gurte. Verschiedene Studien zeigen, dass bei einem Autounfall Frauen zu 47 Prozent öfter eine Verletzung erleiden und dass diese Verletzungen sogar mehr als 70 Prozent schlimmer sind als die der Männer.

Die Erklärung dafür liegt auf der Hand: Die Rückhaltesysteme werden mit Crashtest-Dummys geprüft, auf Basis dieser Ergebnisse verbessert – und obwohl es männliche und weibliche Dummys gibt, die also in Größe, Gewicht, Knochenstabilität und so weiter den verschiedenen Geschlechtern entsprechen, werden die weiblichen nur selten in Anspruch genommen. Der Grund: Von der EU ist das noch nicht vorgeschrieben.

Wie praktizieren das die Autobauer? Jeder Hersteller muss für die Insassensicherheit entsprechende Tests mit Dummys durchführen, doch über das Verhältnis männliche/weibliche Dummys gebe es keine Informationen, erklärt der ADAC gegenüber FOCUS Online. Übrigens prüft auch der ADAC die Rückhaltesysteme, dabei sogar nach strengeren Kriterien als die Autobauer. Doch auch hier kommen auf vier männliche nur eine weibliche Testpuppe.

Bei Heckaufprall schaden Gurt und Airbag womöglich mehr als sie nutzen

Aufgrund der unterschiedlichen Anatomie, des zarteren Knochenbaus und der weniger ausgeprägten Muskulatur sind Frauen jedoch besonders verletzungsgefährdet, auf jeden Fall mehr als Männer. Vor allem Nackenverletzungen wie Schleudertrauma entstehen bei ihnen doppelt so häufig wie bei Männern. „Es zeichnet sich sogar ab, dass bei einem Heckaufprall die gängigen Rückhaltesysteme für Frauen kontraproduktiv sind“, warnt der ADAC, der in diesem Zusammenhang jetzt Verbesserungen anstrebt.

Insassenschutz durch digitale Menschmodelle

Doch auch durch einen weiteren Punkt dürfte sich die Sicherheit im Auto verbessern, etwa der Ausbau der digitalen Tests. Ganz neu ist etwa die Entwicklung virtueller Menschmodelle, um die Dummys zu ergänzen. Wissenschaftler des Ernst-Mach-Instituts haben jetzt die Muskelsteifigkeit bei der Berechnung der besten Rückhaltesysteme miteinbezogen. Doch so innovativ der Ansatz auch sein mag: Die Menschmodelle sind erst einmal männlich konzipiert.

Medikamente für Männer

Von Verletzungen ist es kein großer Schritt zum Thema Medizin und Medikamente. Viele sind auf den Männerkörper zugeschnitten, obwohl seit langem bekannt ist, dass Männer und Frauen unterschiedlich krank sind und auch unterschiedlich auf Wirkstoffe ansprechen können. Die vielen Studien, die ein Medikament vor seiner Zulassung durchlaufen muss, beziehen jedoch in erster Linie Männer als Probanden ein. Das gilt vor allem für die frühen Studien, also die Phase-I-Tests, wie Experten auf dem Bundeskongress Gender Gesundheit anmerken. Dadurch kann es sein, dass etwa die Dosierungsempfehlungen, die für Männer gelten, für Frauen manchmal etwas zu hoch sind. Die Gefahr von Nebenwirkungen könnte damit ansteigen. International wird dieser Missstand übrigens als Gender Health Gap bezeichnet.

Riskante Brustimplantate – Frauen warten seit neun Jahren auf Schadenersatz

Dazu zählen noch viele andere Fakten. So kommt es immer wieder zu Skandalen bei typischen Operationen, die Frauen betreffen. Bestes Beispiel: Die Tragödie mit den nicht giftigen, aber gefährlichen Brustimplantaten der französischen Firma Poly Implants Prothèse (PIP). Die Implantate waren nicht mit hochwertigem, belastbaren medizinischen Spezialsilikon gefüllt, sondern mit billiger Industrieware. Die Kissen rissen rasch und der Kunststoff breitete sich im Körper aus, wobei es sogar zu Todesfällen kam.

Tausende deutsche Frauen hatten diese Implantate bekommen. Die Verhandlungen ziehen sich seit dem Jahr 2010 hin. Bis heute kämpfen deutsche und französische Anwälte um Schadenersatz für betroffene Frauen.

Unverträgliche Vaginalimplantate

Eine ganz andere Form von Implantaten sind so genannte Vaginalnetze, die bei Frauen Beckenbodensenkung (Gebärmuttersenkung, Prolaps) und Inkontinenz beheben sollen. Allerdings schneiden die verschiedenen Netzmodelle nicht alle gut ab im Vergleich zu einer Operation mit Eigengewebe, wie eine Analyse von 37 Studien ergibt.

Bis zu 18 Prozent der Frauen mussten nachoperiert werden, nachdem sie bestimmte Vaginalnetze eingesetzt bekommen hatten. Was hinter der nüchternen Zahl steht: Ständige, heftige Unterleibsschmerzen, Probleme mit dem Wasserlassen, Entzündungen, Geschlechtsverkehr wird unmöglich. Manchmal hatten die Netze auch Gewebe durchgeschnitten, Blase und Darm geschädigt. In den USA und Australien gab es deswegen Gerichtsverfahren. In Deutschland werden die Vaginalnetze übrigens nicht so häufig implantiert, hier versuchen Ärzte zuerst mit konservativen Methoden die Beckensenkung zu beheben.

Zu große Kniegelenkprothesen für Frauen

Doch auch bei anderen Behandlungsoptionen wurden Frauen lange benachteiligt, etwa bei Kniegelenkersatz (Kniegelenks-Totalendoprothese, kurz Knie-TEP). In den 70er Jahren wurden die ersten Scharnierendoprothesen eingesetzt. Auch Frauen erhielten das Einheitsgelenk, das auf Männerknie zugeschnitten war. Verständlich, dass es mit den für das Frauenknie zu großen Prothesen zu massiven Problemen kam.

Dabei sind es vor allem Frauen, die Knieprothesen erhalten, nicht Männer. Das Verhältnis liegt bei etwa 3:1. Erst 20 Jahre später wurden etwas kleinere Endoprothesen konstruiert, die nun auch Frauen eine bessere Versorgung ermöglichen.

Frauen werden von männlichen Medizinern schlechter behandelt

Therapien sind für Frauen häufiger schlechter und belastender als für Männer. Dass nach einem Herzinfarkt die Chancen für Frauen schlechter sind als die von Männern, ist bereits seit langem bekannt – die Tatsache hat sich trotzdem immer noch nicht grundlegend geändert. An einem Herzinfarkt versterben Frauen nachweislich häufiger als Männer, und nun kommt die Überraschung: Es sei denn, sie werden von einer Ärztin behandelt. Dann sind ihre Chancen genauso hoch wie die der männlichen Patienten, wie weitere Studien zeigen. Weibliche Ärzte behandeln demnach ihre Patienten gleich gut, egal ob Mann oder Frau.

Busen quetschen bei der Mammografie

Abschließend ein weiteres Beispiel aus der Präventionsmedizin: Mammografie ist schmerzhaft und extrem unangenehm. Unbelastende Diagnosemethoden wie Thermografie (Infrarotmessung) und Ultraschall gelten nicht als Ersatz für die Mammografie. Vielleicht wären diese Techniken schon weiterentwickelt oder es gäbe eine andere Untersuchungsmethode, die ohne das üble Quetschen auskommt – wenn Männer ähnliches über sich ergehen lassen müssten. Denn auch falls der Bluttest auf Brustkrebs kommen sollte – wenn in absehbarer Zeit, dann vermutlich nicht aus Deutschland – muss trotzdem noch die Mammografie zeigen, wo der Krebs sitzt und wie groß er ist.

Trotz allem: Frauen haben immer noch eine um etwa fünf Jahre höhere Lebenserwartung als Männer, das ist auch genetisch bedingt. Doch wenn auf die Sicherheit der Frau mehr eingegangen würde, das Gender Health Gap geschlossen würde, könnte Frauen noch viel länger leben.

Im Video: Verzerrte Diagnosen – Sechs Dinge, auf die Sie vor dem Arztbesuch verzichten sollten



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