Freier Fall in einen Schacht | ZEIT ONLINE


Wenn das Kind das Dorf der Großeltern besuchte, passierte das Auto der
Eltern stets eine merkwürdige Apparatur: eine Konstruktion voller Satellitenschüsseln, aus
denen Antennen in alle Himmelsrichtungen ragten. Was das Kind lange für eine Raumstation zum
Empfangen von Botschaften aus fremden Galaxien hielt, entpuppt sich als sowjetischer
Störsender. Er ist dazu da, damit „sich die aus dem Film herausgeschnittene Zeit nicht als Ton
wieder einschleichen und mit neuer Stimme Gestalt annehmen könne“.

Der Film meint in diesem Roman nicht weniger als die ukrainische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und das, worin die kindliche Fantasie der Erzählerin eine Raumstation sieht, steht für die Gewalt eines sowjetischen Regimes, das eben nicht nur in den Jahren stalinistischen Terrors unzählige Menschenleben vernichtete, sondern lange darüber hinaus und mit Auswirkungen bis in die Gegenwart die Möglichkeiten zur Erinnerung systematisch zersetzte.

In dem Roman
Blauwal der Erinnerung
der 1983 geborenen und im vergangenen Jahr mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten ukrainischen Autorin Tanja Maljartschuk geht es um diese Leerstelle. Ähnliche Auseinandersetzungen mit einer unkenntlich gemachten Vergangenheit kann man derzeit bei der jüngeren russischen Autorengeneration lesen: in den Romanen Sergej Lebedews etwa oder in Maria Stepanovas
Nach dem Gedächtnis.
Erschwerend hinzu kommt natürlich die besondere historische Situation der Ukraine als eines Staates, dem noch im frühen 20. Jahrhundert die Existenzberechtigung abgesprochen wurde und dessen Unabhängigkeit in jüngster Zeit immer wieder attackiert wird. Obgleich sie seit bald acht Jahren in Wien lebt, hat sich Tanja Maljartschuk sowohl während der Maidan-Proteste als auch in der Krimkrise immer wieder öffentlich zu Wort gemeldet und sich für die Souveränität ihres Landes starkgemacht.

Wenn sie nun angesichts der realpolitischen und mentalitätsgeschichtlichen Umstände in ihrem Roman schreibt: „Das Erinnern ist mein Luxus“, dann gilt es, den schmerzlich-bösen Unterton zu hören. Dieser Luxus ist der Erzählerin, deren biografische Nähe zur Autorin kaum zu übersehen ist, nur unter Qualen gewährt: „Es ist wie der Sturz in einen bodenlosen senkrechten Schacht, wo nichts ist, an dem ich mich festhalten kann, meine Nägel schrammen vergeblich über die makellos glatte Oberfläche.“

Die Panikattacken, von denen die Erzählerin und Schriftstellerin heimgesucht wird und die für ihre Umgebung rätselhaft bleiben, lösen zunächst einen Wasch- und Putzzwang aus und hindern sie bald daran, ihre Wohnung zu verlassen, selbst der Balkon wird verbarrikadiert.

Der Begriff der transgenerativen Traumatisierung hat erst in den vergangenen Jahren die ihm gebührende Beachtung gefunden. Tanja Maljartschuks Roman kann man als eine Fallstudie einer solchen Traumatisierung lesen. „Ein Requiem auf mich selbst“, heißt es einmal in der eigenwilligen Melange aus Pathos, Ironie und einer frappant poetischen Bildsprache, die schon Maljartschuks in Klagenfurt prämierten Text auszeichnete, den sie – anders als diesen aus dem Ukrainischen übersetzten Roman – auf Deutsch geschrieben hat.
Frösche im Meer,
so der Titel, erzählte von der fragilen Nähe einer demenzkranken alten Dame und eines Migranten, der, nachdem er seinen Pass vernichtet hatte, ohne formelle Identität zu leben gezwungen war. Existenzielle Verlorenheit ist das Thema Tanja Maljartschuks.



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