Früherer Radprofi Marcel Kittel im Interview: „Ich bereue meinen Rücktritt keine Sekunde“ – Sport

Am Donnerstag gab Kittel den Startschuss für das Berliner Sechstagerennen.FOTO: IMAGO
Marcel Kittel, 31, beendete im vergangenen Sommer seine Karriere als Radrennfahrer. Inzwischen studiert er an der Universität Konstanz Wirtschaftswissenschaften.

Herr Kittel, was ist verrückter: Auf dem Holzoval im Velodrom mit 50-60 Sachen durch steile Kurven zu jagen oder eine Sprintankunft bei der Tour de France?
Irgendwie sind beide Parteien ein bisschen bekloppt. Die einen fahren ohne Bremsen, dafür in relativ kleinen Gruppen. Und bei uns rauschen 200 Leute auf eine Zielgerade, wenn auch nicht alle gleich schnell und mit Bremsen. In beiden Disziplinen muss man ein gewisses Auge mitbringen, aber ein kleines bisschen Wahnsinn gehört sicherlich auch dazu.

In Berlin haben Sie den Startschuss für das Sechstagerennen gegeben. Wie kam es dazu?
Ich war noch nie bei den Sixdays und wollte da immer schon mal hin. Als Radprofi auf der Straße hat man ja nie die Zeit, da auch mal dabei zu sein. Jetzt hat es endlich geklappt.

Im Hauptberuf sind Sie inzwischen Student an der Uni Konstanz. In ein paar Wochen stehen für Sie Ihre ersten Klausuren an. Ist die Vorbereitung darauf vergleichbar mit der auf ein Etappenfinale in Ihrem früheren Job als Sprinter?
Körperlich erschöpfender ist sicherlich die Radetappe. Wobei ich sagen muss, dass ich in der Vorbereitung auf die Klausuren festgestellt habe, dass zu beiden Dingen sehr viel Fleiß gehört. Und so groß ist der Unterschied vom Gefühl her gar nicht. Wenn ich mich beispielsweise in der Bibliothek umgeguckt habe, waren da ganz viele motivierte Studenten um mich herum. Die Erkenntnis ist dann irgendwie immer die Gleiche: Wenn man etwas erreichen will, dann muss man sich da irgendwie reinhängen. Das ist beim Studium jetzt wieder so. Zumindest die Mentalität kann ich da mitbringen.

Wie viele Klausuren warten denn in den nächsten Wochen auf Sie?
Vier. Da wird es sehr übersichtlich, was man sonst noch so in den Tag reinplanen kann. Aber das haben andere vor mir auch geschafft.

Wieso studieren Sie gerade Wirtschaftswissenschaften? Steckt da ein größerer Karriereplan dahinter?
Das würde ich jetzt so nicht sagen. Es interessiert mich einfach und das Ganze ist ja auch breit gefächert. Man könnte damit ja auch noch in die Wirtschaftspädagogik oder in die Psychologie gehen. Man hat sehr viel Auswahl. Worüber natürlich auch Witze gemacht werden, von wegen: Wer nicht weiß, was er studieren soll, der studiert Wirtschaftswissenschaften.

Als Sprinter haben Sie früher die Bergetappen nicht unbedingt gemocht? Gibt es da im Studium auch irgendwas, das Ihnen so gar nicht liegt?
Zunächst einmal musste ich mich überhaupt erst einmal wieder an das Lernen gewöhnen. Das fiel mir anfangs ein bisschen schwer. Aber inzwischen kenne ich mich an der Uni aus und weiß, wo ich mich hinsetzen muss.

Wie sieht denn Ihr Alltag aus? Haben Sie sich das Leben nach der Sportkarriere so vorgestellt?
Ich versuche eigentlich immer gleich morgens zu 8 Uhr in die Uni zu gehen und besuche Tutorien und Vorlesungen. Nachmittags bin ich dann noch ein paar Stunden in die Bibliothek, wobei ich natürlich die Flexibilität habe, zum Beispiel auch mal schnell nach Hause zu fahren, wenn meine Familie mich braucht. Es war ja auch mein Wunsch, dass ich so ein Leben führe. Und deswegen bin ich nach wie vor superglücklich mit meiner Entscheidung. Ich bereue das keine Sekunde.

Wie viel Radprofi steckt denn noch in Ihnen? Sie radeln doch bestimmt immer zur Uni?
Im Moment tue ich das nicht, sondern gönne mir den Luxus, mit dem Auto zu fahren. Es ist ja auch ein Stück und so kann ich schnell zuhause sein, wenn etwas ist. Für den Sommer habe ich mir aber vorgenommen, mit dem Rad unterwegs zu sein. Aber dafür muss ich mir erst einmal ein vernünftiges Stadtrad besorgen.

Sie haben Ihre Karriere auch deshalb beendet, weil – wie Sie in einem Interview einmal sagten – „Druck und Schmerzen“ zu groß wurden. Wie fühlen sich Körper und Geist denn inzwischen an?
Ich saß vor ein paar Tagen erst wieder auf dem Rad und da habe ich schon ein paar Schmerzen gefühlt (lacht). Aber nur, weil das letzte Mal einfach so lange her war. Der Grund, warum ich jetzt fahre, ist aber natürlich ein ganz anderer. Radprofi sein, heißt eben oft einfach auch nur Arbeiten zu gehen. Heute kann ich mir die schönen Tage raussuchen.

Welche Verbindungen haben Sie denn aktuell noch zu den ehemaligen Kollegen?
Mir ist es schon noch wichtig, nah am Radsport dran zu sein. Ich habe deswegen auch immer noch Kontakt zu früheren Teamkollegen, einige sind auch Freunde geworden. Und ich übe ja auch noch den ein oder anderen „Studentenjob“ in meinem ehemaligen Sport aus. Ich möchte auch nicht einfach so verschwinden. Das würde mich nicht glücklich machen.

Es ist also nicht so, dass Sie mit ihrem Sport nichts mehr zu tun haben wollen, wie es bei dem oder anderen Profiathleten ja durchaus auch schon mal der Fall war?
Das Gefühl hatte ich nie. Ich habe auch nicht aufgehört, weil ich den Sport blöd fand. Sicherlich hatte ich schwierige Zeiten, aber auch viele tolle. Das hat mich als Mensch geprägt. Aber natürlich hat sich meine Rolle geändert. Ich kann gar nicht mehr so nah am Profisport sein, wie ich es als Aktiver war. Trotzdem habe ich zu den Leuten und dem Sport immer noch einen ganz großen Bezug.

Für viele kam es überraschend, dass Sie mit nur 31 Jahren Ihre sehr erfolgreiche Profikarriere beendet haben. Hat es Sie selbst erstaunt, dass Sie tatsächlich irgendwann loslassen und einfach aufhören konnten?
Den Schritt zu gehen und zu sagen, dass es das jetzt war, das war schon nicht so ganz einfach. Da habe ich mir auch ganz viel Zeit genommen. Es ist aber nicht so, dass jetzt nie wieder was kommt. Es gibt eben andere Dinge, die von der Wertigkeit in meinem Leben den gleichen Platz einnehmen wie meine Sportkarriere. Ich habe mich nie ausschließlich über meinen Sport definiert. Es wäre ja traurig gewesen, wenn ich nach dem Karriereende gar nicht gewusst hätte, wo ich hingehöre. Am Ende habe ich mich einfach nicht mehr hundertprozentig mit meinem Job als Radprofi identifiziert. Da kriegt man erst einmal Angst, aber irgendwann kommt man an einen Punkt, wo man reagieren muss.

Ganz losgelassen haben Sie ja auch nicht, sie waren im vergangenen Juli bei der Tour de France als TV-Experte tätig. Wird es das in Zukunft öfter geben?
Gerne. Ich bin dafür offen und würde es mir wünschen, dass es in diesem Jahr noch einmal passiert. Aber ich forciere das auch nicht bewusst. Schauen wir einfach mal.

Wie fühlt es sich denn an, über ein Rennen oder einen Sport zu berichten, in dem man selbst so erfolgreich war? Kommt da manchmal auch Wehmut auf?
Nein. Das im letzten Jahr war auch ein ganz bewusster Test für mich, was das mit mir macht, wenn ich mal auf der anderen Seite stehe. Im allerersten Moment war das vielleicht ein wenig seltsam, weil ich diese Perspektive ja noch nicht kannte. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich am falschen Platz bin. Im Gegenteil, es hat mir viel Spaß gemacht.

Und wenn Sie sich bestimmte Etappen anschauen, finden Sie dann eigentlich Berg- oder Sprintankünfte interessanter?
Ich finde es am spannendsten, wenn die Besten zusammenkommen. Das kann in den Bergen sein, aber auch im Sprint. Ich gucke einfach beides gerne, wobei ich sicherlich im Sprint den höheren Puls habe.

Was fasziniert Sie auf der Bahn am meisten?
Ich finde die Intensität gerade bei den Sprints beeindruckend. Das ist wie bei den 100-Meter-Läufern in der Leichtathletik, wo die dann in wenigen Sekunden explodieren. Keirin ist dabei eine Disziplin, die für mich am spannendsten ist. Da schubsen sich die Jungs mit den dicken Oberarmen von links nach rechts und am Ende ist einer mit einem Hauch von einem Vorsprung der schnellste.

Haben Sie jemals überlegt, Bahn- statt Straßenradsportler zu werden?
In der Jugend, so mit 12, 13, da fängt man auch relativ schnell an nicht nur auf der Straße, sondern auch auf der Radrennbahn zu fahren. Aber je älter ich dann geworden bin, desto weniger wurde es. Auch, weil ich nicht unbedingt das Verlangen hatte, auf der Bahn rumzufahren. Das soll das jetzt nicht abwerten, aber ich wusste eigentlich immer, dass ich auf die Straße wollte und hatte da sicherlich auch das größere Talent.

Wenn es doch die Bahn geworden wäre, mit wem hätten Sie denn gern ein Zweierteam für ein Sechstagerennen gebildet?
Da hätte ich mir jemanden ausgesucht, der richtig Ahnung hat. Denn man muss da schon ein Fuchs sein. Der Roger Kluge ist zum Beispiel einer, der ganz genau weiß, wie es läuft. Da hätte man dann etwas weniger Stress.

Sie könnten ja (zusammen) ein Comeback auf dem Holzoval geben…
Das glaube ich eher nicht (lacht).

Seit kurzem sind Sie Vater. Macht Windeln wechseln genauso viel Spaß wie selbst nach einem Sieg in ein frisches Gelbes oder Grünes Trikot gesteckt zu werden?
In beiden Situationen ist man irgendwie ein Gewinner. Nur, dass einmal Kameras drumherum waren und heute meine Freundin, die mich dabei beobachtet. Wobei ich die schmutzigen Windeln auch nicht als Bestrafung ansehe, sondern als neue Realität in meinem Leben.

Was machen Sie, wenn Ihr Sohn Lex irgendwann Radsportler werden will. Würden Sie ihm abraten oder ihn unterstützen?
Ich unterstütze ihn, wenn das sein Wunsch ist. Ich würde ihn aber auf keinen Fall in die Situation bringen, dass er das jetzt machen muss. Wenn er was anderes machen möchte – Sport, Musik oder…

Wirtschaftswissenschaften…
Genau (lacht). Was er auch will, da ist er frei und ich setze ihm auch keine Grenzen.

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