Fußgänger im Straßenverkehr besonders gefährdet – Auto & Mobil


Aufs Handy geschaut, das Auto übersehen – und schon ist es passiert. Meist sind allerdings nicht die Fußgänger schuld, wenn sie überfahren werden, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Der neue Feind des Fußgängers hat zwei Räder und summt so leise, dass man ihn kaum heranflitzen hört. Wenn es nach Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU geht, werden sich die Fußgänger die Gehwege von diesem Sommer an teilen müssen, mit elektrisch angetriebenen Tretrollern. Jene Scooter, die nicht schneller als zwölf Kilometer pro Stunde fahren können, sollen auf dem Gehsteig fahren dürfen. Davon hält Christoph Lauterwasser gar nichts. „Wir plädieren dafür, dass der Gehweg ein Gehweg bleibt und den Fußgängern vorbehalten“, sagt der Leiter des Allianz-Zentrums für Technik (AZT).

Am Donnerstag stellte der Münchner Versicherungskonzern eine Studie zur Sicherheit von Fußgängern im Straßenverkehr vor. AZT-Chef Lauterwasser und seine Mitarbeiter haben dafür Zahlen und Daten aus diversen Statistiken zusammengetragen, haben mehr als 400 Unfälle mit Fußgängern aus der eigenen Schadenskartei ausgewertet, Versuche auf der Crash-Anlage mit Fußgänger-Dummys gefahren und mehr als 1300 Menschen in Deutschland und der Schweiz zu ihrem Verhalten als Fußgänger im Straßenverkehr befragt. Das Ergebnis: Fußgänger sind nach wie vor besonders gefährdet. Und das dürfte sich kaum ändern, sollten Politik und Gesellschaft nicht massiv gegensteuern, sagt Unfallforscher Lauterwasser.

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Von Andreas Schubert


Altersfreigabe für Elektroroller

Da sind zum einen die Elektrokleinstroller, die „definitiv zu einem Anstieg“ der Unfallzahlen und der Schwere der Unfälle führen werden, wie Allianz-Schadenvorstand Jochen Haug vorhersagt. So könnte ein Roller allein wegen seines Gewichts von bis zu 55 Kilogramm bei einer Kollision den Fußgänger schwerer verletzen als zum Beispiel ein Radfahrer, sagt Haug. „Bedenklich“ sei aber auch, dass bereits Zwölfjährige die Roller fahren dürfen, jedenfalls jene vergleichsweise langsamen Gehweg-Modelle. In dem Alter habe man „noch nicht die körperlich-geistige Reife“, um ein motorisiertes Fahrzeug zu führen, findet Haug. Er plädiert dafür, die Roller erst ab einem Alter von 15 Jahren freizugeben. Und sie generell von Gehwegen zu verbannen. Ähnliches hatten zuvor bereits der Verkehrssicherheitsrat und die Verkehrswacht gefordert. Am 17. Mai wird der Bundesrat abschließend über Scheuers Entwurf für eine Verordnung entscheiden, die dieser kürzlich auf den Weg gebracht hatte.

Neben den elektrisch angetriebenen Kleinrollern sehen die Unfallforscher die demografische Entwicklung als ein Problem bei der Fußgängersicherheit. Die Studie zeigt: Mehr als die Hälfte der getöteten Fußgänger in Deutschland ist älter als 64 Jahre. Mit der steigenden Zahl älterer Menschen in der Gesellschaft werde sich dieses Problem noch verschärfen, sagt Lauterwasser. Gegensteuern könnten beispielsweise die Kommunen, indem sie die Grünphasen an Ampeln länger schalten, sodass auch Menschen, die langsamer unterwegs sind (beispielsweise wegen eines Rollators), die andere Seite sicher erreichen.

Ablenkung durch Smartphones

Zudem appellierten Lauterwasser und Haug an die Automobilindustrie, die Rundumsicht für die Fahrer zu verbessern und Notbremssysteme der Fahrzeuge so weiterzuentwickeln, dass diese auch beim Rückwärtsfahren Fußgänger erkennen und notfalls stoppen. Denn auch das zeigt die Studie: An fast jedem vierten Fußgängerunfall ist ein rückwärts fahrendes Auto beteiligt. Schon wenn das Auto mit nur drei Kilometern pro Stunde in einen Fußgänger hineinfahre, könne der Fußgänger stürzen und mit dem Kopf auf der Straße aufschlagen. „Hier liegt ein großes Potenzial, um Unfälle zu vermeiden“, sagt Lauterwasser.

Geprüft wurde außerdem, inwieweit Fußgänger durch die Nutzung des Smartphones abgelenkt sind – und sich damit selbst in Gefahr bringen. Demnach gaben 43 Prozent der Befragten an, beim Gehen Nachrichten zu tippen, 67 Prozent telefonieren hin und wieder, während sie zu Fuß unterwegs sind. Fast jeder Zweite nutzt das Handy während des Fußmarschs zum Fotografieren und 28 Prozent hören unterwegs Musik. „Damit erhöht sich das Unfallrisiko nachweislich“, sagt Haug. Speziell beim Musikhören steige das Risiko um mehr als das Vierfache.

Insgesamt sehen die Unfallforscher großen Handlungsbedarf in Sachen Sicherheit von Fußgängern. Hilfreich könnte es dabei sein, findet Haug, die Fußgänger-Charta des EU-Parlaments von 1988 neu aufzulegen. Diese weist Fußgängern spezielle Rechte zu, etwa auf „Stadt- und Dorfzentren, die Menschen- und nicht Auto-gerecht gestaltet sind“.

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