Gesundheitswesen – Das vernetzte Krankenhaus – Gesundheit


  • Noch immer arbeiten viele Krankenhäuser mit Papierakten und Faxgeräten.
  • Andere Länder machen vor, welche Chancen eine digitale Medizin bietet.
  • Medikamentenroboter und elektronischen Patientenakten könnten Abläufe vereinfachen und Fehler reduzieren.

Jetzt nur nicht schmieren. Alles sauber notieren. O-l-m-e-s-a-r-t-a-n, nicht O-m-e-p-r-a-z-o-l. Meier, nicht Maier. 200 mg, nicht 500 mg. Jeder Lesefehler könnte gefährlich sein. „Zum Glück“, sagt Bastian Cheng „muss ich mich mit so etwas nicht mehr herumschlagen.“ Was für den Oberarzt gar nicht mehr denkbar ist – Papierakten, unsaubere Handschriften, herumflatternde Zettel – ist in den meisten deutschen Kliniken noch Alltag. Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo Cheng als Facharzt für Neurologie arbeitet, gibt es keine dicken Papierordner mehr, hier ist alles in einer digitalen Patientenakte gespeichert: Medikamente, Röntgenbilder, CT-Aufnahmen, Blutwerte, EKG-Werte, Hinweise auf Allergien und Vorerkrankungen.

Es ist zehn Uhr morgens, draußen stürmt es, der Regen schlägt an die Klinikfenster. Drinnen auf Station 5, der Schlaganfall-Station, schiebt Bastian Cheng einen Wagen mit Touchscreen vor sich her und stoppt vor einer Zimmertür. Ein paar Klicks und schon tauchen Zahlen, Wörter und Bilder auf. Daten, die einen tragischen Abend erzählen: Es war kurz vor 23 Uhr am Vortag, als Helmut Renner*, der jetzt im Patientenzimmer liegt, seine Stimme verlor. Seine Freunde waren zum Kartenspielen gekommen, die übliche Runde, plötzlich brachte der Mann kaum mehr ein Wort heraus – Schlaganfall.

Das System denkt mit: Ist die Dosis plausibel?

Mit Blaulicht kam er in die Notaufnahme. Die Ärzte nahmen Blut ab, machten Aufnahmen von seinem Kopf. Sie fragten seine Frau: Gibt es Allergien? Ist so etwas vorher schon passiert? Eine Information nach der anderen landete in seiner digitalen Akte. Alle Ärzte und Pflegekräfte haben fortan jederzeit darauf Zugriff. Egal, ob sie sich gerade in der Notaufnahme oder in der Radiologie befinden. Oder auf der Schlaganfall-Station, wie Bastian Cheng. Er zeigt Helmut Renner einen Kamm, einen Kugelschreiber, ein Glas. „Was ist das?“, fragt der Arzt. Manche Wörter sind zurückgekommen in den vergangenen Stunden, andere nicht. „Ich komme später noch mal“, sagt Cheng.

Auf den ersten Blick wirkt das UKE wie jedes andere Krankenhaus: die gleichen kahlen Gänge, das Quietschen von Gummisohlen, piepsende Geräte, der Geruch von Desinfektionsmittel in der Luft. Und doch zeigt sich hier im Kleinen, wie Kliniken in der Zukunft aussehen könnten. Welche Verbesserungen die Digitalisierung mit sich bringen kann, aber auch welche Herausforderungen und Gefahren.

Während Renner in seinem Bett sitzt, eine dampfende Tasse Tee in der Hand, rattern fünf Stockwerke tiefer seine Tabletten durch eine Maschine. Der Medikationsplan wurde elektronisch an die Krankenhausapotheke übermittelt. Das System denkt mit: Ist die Dosis plausibel? Könnte es Wechselwirkungen geben? Darf die Tablette tatsächlich fünfmal täglich eingenommen werden? Ist etwas nicht schlüssig, erscheint ein Warnhinweis auf dem Bildschirm.

Bei Renners Medikamenten scheint alles zu stimmen. Eine Maschine, nicht größer als ein Getränkeautomat, sortiert die weißen, rosa und gelben Pillen. Jede landet einzeln in einer kleinen Plastikfolie, darauf stehen Name des Patienten, Zimmernummer und Einnahmezeitpunkt. 12 000 Tabletten werden so jeden Tag verpackt.

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„Wir haben unser System radikal verändert“, sagt Michael Baehr, der Leiter der Apotheke. Er nimmt einen der Tablettenschläuche, der aussieht, als hätte man mehrere Gummibärchenpackungen aneinandergeklebt. Er schiebt ihn in eine weitere Maschine, die jede Tablette noch einmal kontrolliert. Ist sie zerbrochen? Stimmt die Farbe? Die Form? „Früher mussten die Pflegekräfte erst einmal die Verordnungen der Mediziner entziffern, dann die Tabletten einzeln aus den Blistern herausdrücken und in Schachteln sortieren“, sagt Baehr. „Dabei ging natürlich auch mal was schief.“ Heute, sagt er, tendiere die Fehlerquote gegen null.

Schon früh entschied sich das größte Krankenhaus Hamburgs, mit Maschinen und Computerprogrammen zu experimentieren. Als erstes Universitätsklinikum Europas führte es 2011 die digitale Patientenakte für das gesamte Krankenhaus ein. Heute stehen im Klinikum 3-D-Drucker, die Modelle von Herzen, Knochen oder Lungen herstellen können, um komplizierte Eingriffe besser vorzubereiten. Es gibt vier große Operationsroboter, die vor allem bei der Entfernung von Prostatatumoren eingesetzt werden. Bei diesen Eingriffen kann schon das leichteste Zittern der menschlichen Hand schwere Folgen haben. Aber nicht nur das UKE setzt auf technischen Fortschritt, auch andere deutsche Kliniken scheinen langsam aus dem analogen Tiefschlaf zu erwachen.

Im vergangenen Jahr verkündete das Klinikum Essen: Wir wollen das erste „Smart Hospital“ Deutschlands werden. 40 neue Projekte wurden gestartet: Algorithmen, die Tumoren erkennen, Operationsroboter und Forschungsnetzwerke mit anderen Kliniken. Und auch viele andere Einrichtungen – vom kleinen Kreiskrankenhaus zur großen Universitätsklinik – verbannen Papierakten, kaufen Tablets und teure neue Geräte: „Asklepios wird digital“, „Mönchengladbach: E-Health in Elisabeth-Krankenhaus“ und „Krankenhäuser in NRW wollen sich digitaler aufstellen“, titeln die Lokalzeitungen.



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