Handball-WM: Oben bleiben | ZEIT ONLINE


Der Satz, der für dieses Turnier stehen könnte, fiel in einer Auszeit in der ersten Hälfte. „Mutige Teams gewinnen Spiele“, rief der Trainer Christian Prokop seiner Mannschaft zu. Es stand 9:9, Deutschland hatte in diesem Spiel um Platz drei gegen Frankreich geführt, aber gerade zehn Minuten lang das Tor nicht getroffen.

Nach der Auszeit lief es wieder, die Deutschen zogen davon, bis zur
Halbzeit auf 13:9. Sie hatten es sich fest vorgenommen, wenigstens diese
Medaille noch zu holen. Und Frankeich war nicht stärker oder besser,
hielt das Spiel aber offen – und gewann in letzter Sekunde.

Dennoch bot dieser Satz von Christian Prokop einen entscheidenden Einblick in diese WM. Sein Team hat am Ende zwar nur Platz vier gewonnen, aber es hat so viel besser gemacht als noch vor einem Jahr. Damals, bei der verpatzten Europameisterschaft, war während der letzten Auszeit des Turniers zu hören: „Bringt es einfach anständig zu Ende.“ Deutschland schied aus, wurde Neunter, und weniger als ein Jahr vor der Heim-WM war nicht mal klar, ob der Trainer noch genug Rückhalt haben würde. Nun folgten ihm alle.

Das Spiel um Platz drei machte noch mal deutlich: Deutschland hat eine Abwehr, die gut genug für einen Titel wäre. Selbst als der Abwehrchef
Patrick Wiencek wegen der dritten Zeitstrafe mit Rot vom Feld geschickt
wurde, hielt die Verteidigung gut dicht. Für Wiencek musste Hendrik Pekeler ran. Er verzog immer wieder das
Gesicht vor Schmerzen. Das zehnte Spiel in siebzehn Tagen. Es war auch gut, dass nun Schluss war.

Aber Deutschland hatte auch einen Angriff, der es nicht schafft, so clever zu sein, wie man eben sein muss, um Weltmeister zu werden. Der Angriff verspielte im Turnier zu oft den Ball, schloss zu hastig ab und war zu unbeweglich. Sieben Sekunden vor dem Ende, es stand 25:25, bot sich die Chance auf den deutschen Sieg, doch der letzte entscheidende Pass geriet zu ungenau, eine falsche Entscheidung. Es wurde nicht nur nichts mit dem eigenen Tor, sondern die Franzosen warfen nach einem Konter den Siegtreffer, in letzter Sekunde. Auch das: vor allem bitter, aber typisch für dieses Turnier, bei dem drei Spiele in letzter Sekunde verschenkt wurden.

Nun ist die WM vorüber und der deutsche Handball blickt auf zwei, für ihn, wunderbare Wochen, auch wenn das Ende mit dem vierten Rang schal schmeckt. Die Hallen waren so voll wie noch nie bei einer WM, in Deutschland war Handball ein paar Wochen lang die Sportart Nummer eins. Handballer wurden auf der Straße erkannt und angesprochen, fast zwölf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten die Niederlage gegen Norwegen.

Die Spiele zeigten, was den Handball ausmacht: großer Kampf, fast zwei Stunden Dramatik pro Spiel, und Athleten, die an sich zerren, schieben und schubsen und doch am Ende so kumpelhaft vom Feld gehen, als kämen sie gerade vom Tresen in der Kneipe. Diese Einstellung zum Sport und zum Erfolg, eine gewisse Bodenständigkeit und eine Mischung aus Stolz und Unglauben über die Begeisterung in den Hallen hat die Handballer eine Weile zu den beliebtesten Deutschen gemacht.

Ob der vierte Platz ausreicht, um Handball dauerhaft populär zu machen und nicht nur während solcher großen Turniere, das fragen sich nun viele. Erste Vereine berichten von neuen Anmeldungen, der Verband sagte schon vor der WM, dass er auf neue Mitglieder viel besser eingestellt sei als noch nach dem WM-Titel-Hype 2007.

Die nächsten großen Turniere werden alle von ARD und ZDF übertragen. Im kommenden Jahr gibt es die nächste Europameisterschaft in Norwegen, Schweden und Österreich, und auch die Qualifikationsturniere für die Olympischen Spiele 2020 beginnen. Da ist Deutschland auch dabei. Handball wird bleiben. Vielleicht ja auch oben bleiben.



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