Heide Park Resort trotz Corona: Wie sich ein Besuch jetzt anfühlt

Als wir auf den Parkplatz des Heide Park Resorts in Soltau fahren, ist die Vorfreude groß. Wie jedes Jahr geht es mit der ganzen Familie einen Tag lang in den Freizeitpark. Durch die Corona-Pandemie sind wir eigentlich davon ausgegangen, dieses Familien-Event absagen zu müssen, doch wir wagen die Fahrt ins Ungewisse. Der Parkplatz erscheint leerer als sonst, was auch an der Uhrzeit liegen kann: Es ist erst 9:20 Uhr.

Nachdem Rucksäcke, Getränke, Essen und unser Hund im Bollerwagen verstaut sind, geht es los. Zwei Mitarbeiter weisen uns darauf hin, unsere Mund-Nasen-Schutzmasken aufzusetzen, denn wir befinden uns nun im Wartebereich. Schlangenlinienförmig bewegen wir uns vorwärts, Aufkleber auf dem Boden weisen immer wieder auf das Abstandhalten hin. Wie wir jedoch feststellen müssen, klappt das schon jetzt mehr schlecht als recht.

Als wir kurze Zeit später die Ticket- und Taschenkontrolle passieren können, betreten wir den eigentlichen Wartebereich des Parks. In den letzten Jahren tummelten sich hier vor dem Parkeingang Hunderte von Menschen in Gruppen mit ausgelassener Stimmung – jetzt ist nichts außer Barken und Absperrband zu sehen und ein paar wenige Gesichter mit Maske. Die Stimmung ist angespannt, weil keiner so richtig weiß, was ihn hinter den Pforten eigentlich erwartet.

Schneller als gedacht gehen wir nun endlich durch das richtige Eingangstor mit einer letzten Kontrolle unserer vorher online gekauften Tickets – genau pünktlich zu unserem Einlass-Zeitfenster. Am Rande des Chaos auf der anderen Seite des Tors sammeln wir uns einmal. Zwölf Personen plus zwei Babys. Die Stimmung um uns herum hebt sich, die gewohnte Ausgelassenheit kehrt wieder. Ohne Masken im Gesicht sind alle gleich viel entspannter. Die fröhliche Zirkusmusik vom Eingangstor macht gute Laune und Lust auf den Beginn des Abenteuers. Die „Ghetto-Faust“ mit desinfizierten Händen wird unsere neue Familienbegrüßung und wir können beginnen.

Es geht endlich richtig los!

In den ersten Fahrgeschäften merken wir, was den Tag bestimmen wird: unterschiedliche Hygienekonzepte und die heißgeliebte Mund-Nasen-Schutzmaske. Vor der Schiffsschaukel rennen Kinder im Alter von sechs bis acht Jahren kreischend hin und her. Eine Mutter kann gerade noch zwei Kindern ihre Masken in die Hand drücken, bevor diese den maskenlosen Freunden hinterherhetzen, die das Fahrgeschäft längst gestürmt haben. Riesiger Enthusiasmus, aber an die Maske muss man sich wohl noch gewöhnen.

Die Schiffschaukel hat weniger besetzte Reihen als sonst und die Freudenschreie sind durch die Masken gedämpfter. Desinfiziert wird dieses Fahrgeschäft nicht nach jeder einzelnen Fahrt, doch das selbst mitgebrachte Desinfektionsmittel stellt die Hygiene wieder her. Die Panoramabahn und Floßfahrt hingegen lassen sich als Familie auch ohne Maske fahren, da der Abstand zu anderen Besuchern während der Fahrt groß genug ist.

Das nächste Fahrgeschäft unserer traditionellen Route durch den Park ist die „Krake“. In Deutschlands ersten Dive-Coaster würden wir uns gerne 41 Meter tief in den Schlund eines riesigen Kraken stürzen, aber die Wartezeit in der Schlange ist uns mit mindestens 60 Minuten für eine Fahrtdauer von keinen zwei Minuten entschieden zu lang. Wir verschieben die Fahrt auf einen späteren Zeitpunkt.

Blindflug in der Achterbahn im Heide Park

Die Heide-Park-App verspricht jedoch nur zehn Minuten Wartezeit im „Flug der Dämonen“ – was Rekordzeit wäre – und wir bewegen uns dorthin. Die Idee hatten jedoch wohl noch ein paar andere Parkbesucher: Mit der Maske im Gesicht stehen wir so weit hinten, wie ich in dieser Schlange noch nie gestanden habe. Wir vermuten die Abstandsregelung dahinter. Gelbe Markierungen auf dem Boden helfen beim Abstandhalten und zum ersten Mal am heutigen Tag bin ich dankbar dafür. Die sonst enge Schlange hat sich gelockert und das übliche Gedrängel fällt aus. Alle warten geduldig, froh überhaupt dort sein zu können und der Großteil hält den Mindestabstand ein. „Liebe Abenteurer“, die Ansage erinnert nochmals an den Abstand und die Maskenpflicht.

Bei 26 Grad Celsius in der prallen Sonne der Warteschlange verfluche ich die Maske schnell wieder. Eigentlich ist die Luft angenehm, doch durch die selbstgenähte Stoffmaske dringt nur wenig des angenehmen Sauerstoffs. Aus den zehn Minuten sind 45 geworden als wir endlich im Bahnhof des Fahrgeschäfts an der Reihe sind. Auch in der Achterbahn muss die Maske getragen werden. Wir machen uns ernsthafte Sorgen um die Sauerstoffzufuhr während der Fahrt, steigen aber trotzdem ein.

Hier ist der Abstand zwischen den Sitzplätzen so groß, dass die zusammengehörigen Besucherpärchen gemeinsam Platz nehmen können und einzelne Gäste alleine fahren. Im Schritttempo zieht uns Deutschlands einziger Wing Coaster auf 40 Meter Höhe herauf, nur um uns mit nichts über oder unter uns direkt in Schrauben und Loopings auf einer Strecke von 772 Metern durch die Luft zu wirbeln. Ich schreie die Freude aus mir heraus – der Achterbahnliebhaber in mir erwacht – und es kommt genügend Sauerstoff zum Atmen durch die Maske. Doch ich habe ein anderes Problem: Beim Jubeln rutscht mein Kinn aus der Maske und schiebt sie mir in die Augen. Für ein paar Sekunden befinde ich mich im Blindflug und werde wild durch die Luft geschleudert bis ich die Maske wieder gerichtet habe. Daran werde ich mich jetzt wohl gewöhnen müssen.

Abenteuer Damentoilette

Nach der erfolgreichen Fahrt setzen wir unsere Route fort. Im nächsten Schattenplatz ist Zeit für ein kleines Picknick. Ich beobachte die nahe stehenden Kinderrutschen, die ganz normal geöffnet sind und auch nicht nach jedem rutschenden Kind gesäubert  werden. Die Eltern scheint das wenig zu stören und ein Kind nach dem anderen rutscht freudig schreiend die Rutsche herunter. Ich stelle mir bildlich vor, wie Viren auf der Innenwand der Tunnelrutsche warten und von den verschiedenen Gästen an Händen, Füßen und der Kleidung aufgesammelt werden. Ein Kind beobachte ich sogar dabei, wie es nach der Rutsche seiner Mutter sofort ein Brötchen aus der Hand reißt. Mir vergeht der Appetit und ich beschließe diese Fantasien in Zukunft lieber zu lassen.

Die Damentoilette ist ein Mysterium für sich: Die Maximalpersonenzahl in der Damentoilette ist nur auf einem kleinen Schild niedergeschrieben, das ich erst beim gründlichen Händewaschen bemerke, als drei weitere Personen zu viel die Räumlichkeiten betreten. Von außen kann man aber ohnehin nicht erkennen, wie viele Personen sich schon in den Toilettenkabinen aufhalten. Ein Hygienekonzept sehe ich hier irgendwie nicht und auch andere Besucherinnen regen sich darüber auf. Eine junge Mutter beschwert sich lautstark, dass der Seifenspender leer ist und deutet theatralisch auf eines der Hygiene-Hinweisschilder, wo groß das regelmäßige und gründliche Händewaschen erwähnt wird. Ich greife lieber noch einmal zu unserem eigenen Desinfektionsmittel, um auch sicher alle Bakterien und Viren zu entfernen.

Ein Schild zeigt die Abbildung einer Maske und Hinweise zu den Hygienemaßnahmen des Heide Parks.
Auf die Maskenpflicht wird in allen Warte- und Innenbereichen hingewiesen.

Wir ziehen weiter und ich bemerke wieder, wie wenig Abstand die Menschen zueinander halten. Ausgelassen und beinahe in Urlaubsstimmung laufen fröhliche Familien und Gruppen an Jugendlichen an uns vorbei. Kinder interessiert der Abstand sowieso recht wenig. Einem jungen Mann fahre ich mit unserem Bollerwagen beinahe in die Hacken, weil ich anderen Menschen ausweichen muss, die mir entgegenkommen und wohl tatsächlich nichts von Abstand halten. Viele Besucher verhalten sich, als gäbe es Corona nicht. Nur in Wartebereichen und Fahrgeschäften halten sie sich zwangsweise an die Regeln, aber außerhalb? Fehlanzeige. Viele der Essensverkaufsstände haben übrigens geschlossen. Ganz zum Leid meiner Schwester, die unbedingt einen veganen Hot Dog probieren wollte.

Zu früh gefreut – Abstand Fehlanzeige

Unser nächster Stopp: „Colossos“. Die reine Holzachterbahn zieht uns magisch an und wie jedes Jahr entscheide ich, dass 60 Meter Höhe schon in Ordnung sind. Die 60 Minuten Wartezeit bringen wir in 45 Minuten hinter uns, jedoch nicht ohne immer wieder zu bemerken, wie sich trotz Ansagen durch Lautsprecher und Hinweise der Mitarbeiter einige Gäste die Masken unter die Nase oder unter das Kinn ziehen. Abstand halten scheinen auch hier einige trotz der Linien auf dem Boden nicht zu beherrschen.

Sie rücken einander auf die Pelle, beginnen zu drängeln und fassen alle nacheinander erst das Geländer und dann ihr eigenes Smartphone an. Meine anfängliche Freude über die entspanntere Lage in der Schlange ist verflogen. Die Besucher sind ungeduldig geworden und haben keine Lust mehr, endlos lang in der Hitze der Sonne zu warten. Es scheint fast, als sei die Normalität, auch im negativen Sinne, hier wieder eingekehrt.

Im Bahnhof beobachten wir auch hier, wie die komplette Bahn gereinigt wird, bevor wir einsteigen dürfen. Von anderen Besucher trennt uns jeweils immer eine Sitzreihe. So leer war das Fahrgeschäft noch nie. Die 1500 Meter lange Strecke haben wir schnell hinter uns – natürlich nicht ohne dass ich mir wieder die Maske aus den Augen ziehen muss. Hier hatte ich durch den enormen Fahrtwind das Gefühl, sie würde mir gleich vom Gesicht und davonfliegen. Zum Glück hat sie mich nicht verlassen, aber ich beginne zu überlegen, ob ich aufhören sollte beim Achterbahnfahren zu schreien.

Teddybären auf Achterbahn im Walibi Holland Freizeitpark

Abkühlung gefällig?

Die Sonne scheint immer noch mit der gleichen Intensität auf unsere Köpfe und wir beschließen, dass es Zeit für eine Abkühlung beim „Mountain Rafting“ ist. Triefend nass kommen wir aus den 5,2 Millionen Liter Wasser heraus, nur um gleich wieder zurückzukehren. Die Erfrischung tut gut und ist wirklich angenehm. Die Wartezeit ist nur halb so kurz wie in der App angegeben, aber die Boote werden nicht nach jeder Fahrt desinfiziert und so kommt – wie sowieso schon den halben Tag – wieder das eigene Desinfektionsmittel zum Einsatz.

Während der Fahrt tragen wir weiter die Masken, da sowohl die Ansage im Wartebereich als auch der Mitarbeiter uns darauf hinweisen, dass „normalerweise“, wie er sagt, die Masken getragen werden sollen. An unserer Stimmung ändert das nichts. Wir haben uns daran gewöhnt und beschweren uns nicht mehr darüber. Es ist fast, als hätten wir niemals vorher ohne Schnutenpulli in diesem Fahrgeschäft gesessen. Wir kreischen und lachen und kommen ein weiteres Mal klatschnass aus dem Boot.

Nachdem alle mindestens einmal Boot gefahren sind, stellen wir fest, dass der Tag schon beinahe um ist. Zum traditionellen Abschluss unseres Tages im Heide Park fehlt jetzt noch die „ToPiLauLa-Schlacht“. Kleine Piratenschiffe fahren eine vorbestimmte Strecke ab und die Passagiere können mit Wasserpistolen Zielscheiben, Passanten außerhalb des Geschäftes und andere Bootbesatzungen nass spritzen. Zu unserer Enttäuschung sind an den Wasserpistolen für die Passanten außerhalb des Fahrgeschäftes die Kurbeln an den Pistolen abgebaut worden und anstatt, dass wir uns so wie jedes Jahr gegenseitig bekämpfen – Landratten gegen Seemänner – gehen wir alle auf eines der kleinen, frisch desinfizierten Boote. Als wir wieder herauskommen, ist unsere seit dem Rafting in der Hitze getrocknete Kleidung wieder triefend nass. Sogar die Maske, die ich mir hier immerhin nicht wieder aus den Augen ziehen musste. Es ist zehn Minuten nach sechs Uhr am Abend, die Fahrgeschäfte schließen und arbeiten nur noch die restlichen Schlangen ab. Wir sehen einen lückenhaft besetzten Wagen der „Krake“ in die Tiefe stürzen und machen uns auf den Weg zum Ausgang. Eine Fahrt in dieser Achterbahn muss wohl aufs nächste Jahr warten.

Das Tagesfazit

Am Wegesrand verabschieden wir uns im Chaos der vielen Besucher wieder mit einem Faustschlag und ziehen unser Tagesfazit: Zu Beginn war der Besuch für alle Beteiligten sehr gewöhnungsbedürftig und auf die App-Wartezeiten verlassen wir uns selten nochmal so sehr wie in diesem Jahr, aber trotz Maske und Abstandsregelung war der Tag ein riesiger Erfolg. Wir haben uns an die Maske im Fahrgeschäft so schnell gewöhnt, dass wir uns quasi schon nicht mehr daran erinnern, sie überhaupt getragen zu haben. Es bleiben unsere Jubelschreie aus den Achterbahnen und das Lachen beim Rafting in Erinnerung, nicht Corona, die Abstandsregeln, der Schnutenpulli oder das Desinfektionsmittel. Professionelle Fotos aus den Fahrgeschäften haben wir dieses Jahr nicht, weil es gar nicht angeboten wurde – schließlich ist das halbe Gesicht verdeckt – aber das macht uns nichts. Von unserem Rundgang durch den Park und unseren Picknicken bleiben Bilder für die Ewigkeit. Es war ein Tag, der mich trotz gegenwärtiger Corona-Regelungen den Alltag hat vergessen lassen. Trotzdem hoffe ich darauf, mir im nächsten Jahr nicht ständig meinen Mund-Nasen-Schutz aus den Augen ziehen zu müssen.

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