Ich schlag dich, bis du lachst | ZEIT ONLINE


Es war Lutz Lindemanns größtes Spiel, und er traf. Am 1. Oktober 1980 gastierte im Jenaer Ernst-Abbe-Sportfeld der AS Rom. Die Römer, ein Star-Ensemble um den Regisseur Carlo Ancelotti und 3:0-Hinspielsieger, torkelten nach 3:27 Schüssen und 0:4 Toren aus dem Europapokal. Jenas Weg führte bis ins Düsseldorfer Finale. Dort unterlag Hans Meyers FC Carl Zeiss Jena der Übermannschaft von Dynamo Tbilissi 1:2, vor 4.750 Zuschauenden. Ostfußball, was schert’s den Westen.

Fußballbücher sind oft bloß Futter für Fans. Anders Lutz Lindemanns soeben erschienene Autobiografie Optimist aus Leidenschaft erzählt deutsche Zeitgeschichte, beginnend 1949 im kriegszerstörten Halberstadt, wo ein Jahr zuvor auch Jürgen Sparwasser zur Welt kam. In der Sargstedter Siedlung erwächst der Straßenbolzer Lutz nebst vier Geschwistern. Vater Erich arbeitet auf dem Bau, Mutter Gertrud im Dienstleistungsgewerbe. 1962 erster Sohnesruhm, ein Foto in der Volksstimme: „Lutz Lindemann von der BSG Aufbau/Empor Halberstadt hat beim internationalen Schülerfußballturnier zum V. Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt die Farben unserer Republik vertreten.“

Beim Tanztee im Halberstädter Haus der Jugend nähert sich Lutz einer bürgerlichen Schönheit. Er lädt Monika auf eine „Wolke“ ein: Kaffeelikör mit Kondensmilch. Der junge Fußballer wird nach Magdeburg delegiert. Dort findet er sich unterschätzt und erhört die Werbung windiger Eisenhüttenstädter Funktionäre. Die Sport-Obrigkeit kommandiert ihn zurück. Er bockt und kehrt heim nach Halberstadt. Bei einer Mannschaftsfeier in der Jugendherberge Drei Annen Hohne (Harzer Grenzgebiet) tituliert der trunkene Lutz die Herbergsmutter: „Halt die Fresse, du Kommunisteneule!“ Das Ende? Der SED-Kreissekretär weiß Rat: „Du entschuldigst dich für deine Verfehlung, die nicht deinem Wesen als junger Proletarier und Erbauer des Sozialismus entspricht.“ Außerdem Parteieintritt und Verpflichtung zum dreijährigen „Ehrendienst“ im Stasi-Wachregiment Feliks Dzierżyński.

„Diese kleinen Calmunds zogen uns Ossis das letzte Hemd aus“

Bei der Armee reißen beide Menisken. Lutz gesundet und geht 1967 nach Nordhausen, zur zweitklassigen BSG Motor. Er überragt im Mittelfeld, wird 1971 nach Erfurt entführt und 1977 zum reichen Rivalen nach Jena. Die Stadt und ihr Fußballclub unterstehen einem Diktator: Zeiss-Generaldirektor Wolfgang Biermann, Mitglied des Zentralkomitees der SED. Mit 28 Jahren debütiert Lindemann in der Nationalmannschaft und bringt es auf 21 Länderspiele. 1981 endet seine Karriere. Danach ist er Übungsleiter, unterklassig, in Hermsdorf und Weida.

1989 kollabiert die DDR. Das Netz des Leistungssports zerreißt, die Finanzierung durch Staatsbetriebe bricht weg. Scharen von West-Managern fallen ein und ramschen Ost-Kicker zum Schnäppchenpreis. „Jeder wurde angebaggert, ausgequetscht, in Geschäftskonzepte gestopft. Wenn du in die Stadiongaststätte (…) kamst, saß schon wieder einer beim Wurstgulasch und versprach uns goldene Klosetts. Diese kleinen Calmunds zogen uns Ossis das letzte Hemd aus und nahmen noch die Flöhe mit. (…) so muss es in Nordamerika beim großen Goldrausch gewesen sein.“

Lutz Lindemann pflegt eine plastische Sprache, die der Co-Autor Frank Willmann, der auch für ZEIT ONLINE schreibt, nicht bügelt. Das Buch kontrastiert die Absurditäten der alten und der neuen Zeit. Lindemann springt ins kalte Wasser. Er ackert als Trainer, Sportdirektor und Vereinspräsident, in Aue, Halle, Siegen, Berlin und immer wieder in Jena. Im Kosovo versucht er sich als Fußballentwicklungshelfer, in der Ukraine als Modellbahnproduzent. Und stets spricht Frau Monika: Mach es.

Kein Heldenlied

2019 feiern Lindemanns goldene Hochzeit. Lutz, soeben 70 geworden, ist noch immer aktiv. Als Fußball-Fernsehexperte des MDR kommentiert er den prekären Ostfußball. Seine Buchpremiere stieg im Deutschen Theater zu Berlin. Grienend lauschte das Publikum Lindemanns anhaltinischem Sarkasmus. Beigefügt sind Gespräche mit Hans Meyer, Jenas Transferfilou Dr. Paul Dern (heute 93) und den Zwillingen Uwe und Helge Leonhardt. Diese einstigen Kampfschwimmer der Nationalen Volksarmee etablierten wundersamerweise den FC Erzgebirge Aue in der Zweiten Bundesliga. Ihre kernigen Bekenntnisse las Willmann mit Zack und Manneszucht.

Da lachte auch Thomas Töpfer, einst Lindemanns Jenaer Teamkamerad. Seine Karriere knickte der SED-Staat 1984, weil der Schwager einen Ausreiseantrag stellte. Töpfer, damals 26, musste zur Armee und durfte nie wieder erstklassig spielen. Dennoch freut er sich seiner großen Stunden in Rom, Valencia, Lissabon, Madrid. Die Neuzeit bescherte ihm einen Job im Fuldaer Media Markt. Derart schlingernde Lebensläufe kennt der Osten viele; wenige werden notiert. Lutz Lindemanns Biografie ist kein Heldenlied, nur ein Exempel trotziger Selbstbehauptung. In Sachsen-Anhalt sagt man: Ich schlag dich, bis du lachst.

Lutz Lindemann mit Frank Willmann: Optimist aus Leidenschaft. Mein Leben; Aufbau 2019



Source link

Reply