Jetzt aber! Oder Zipsendorf (Tageszeitung junge Welt)

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odo Schackow/dpa-Zentralbild/dpa

Alles eine Nummer zu großspurig? Stadion von Rot-Weiß Erfurt

Wer in diesen Tagen durch Thüringen fährt, sieht außer leidigen Landtagswahlplakaten (Ausnahme: die von Die PAR TEI) vor allem Graffiti des Fußballfanklubs »Rot-Weiße Republik«. Deren Verein Rot-Weiß Erfurt kämpft in der Regionalliga Nordost um die Rückkehr in den bezahlten (Drittliga-)Fußball. Im Rennen um den einzigen Aufstiegsplatz haben andere Traditionsvereine mit DDR-Oberliga-Meriten die Nase vorn, Lok Leipzig, Energie Cottbus und BFC Dynamo sind in der Tabelle besser plaziert. Genauso Wacker Nordhausen, das sich ohne größere Zuschauerzahlen anschickt, die beste Thüringer Mannschaft zu werden.

Es herrscht in Erfurt kein Mangel an Legenden. Die Namen der späteren Nationalspieler Thomas Linke, Clemens Fritz und Rüdiger Schnuphase werden bis heute ehrfurchtsvoll geflüstert, nie wieder hielt jemand wie Klaus Benkert, auch Freistoßmonster Jürgen Heun blieb unerreicht. Einst wurden die Rot-Weißen sogar von Hans Meyer trainiert, über Platz sechs in der Oberliga kamen sie dennoch nie hinaus.

Anfang der 90er spielte der Klub in der 2. Bundesliga, die Bosse träumten von Höherem und mussten 1997 Insolvenz anmelden. Es folgten zähe Jahre, in denen Publikumslieblinge wie Ronny Hebestreit aussortiert wurden, der daraufhin bei Wacker Nordhausen überzeugte. Ein Dopingfall sorgte für Schlagzeilen (Senad Tiganj), im Thüringen-Pokal erwiesen sich Hochkaräter wie Schott Jena als unbezwingbar, im März 2018 schließlich wurde der nächste Insolvenzantrag gestellt. Die Zahl der Gläubiger lag bei 132, die Verbindlichkeiten betrugen 6,8 Millionen Euro. Der eingesetzte Insolvenzverwalter Volker Reinhardt setzte auf junge Spieler aus den eigenen Reihen, löste u. a. den hochdotierten Vertrag mit dem Spieler Andis Shala auf und entließ Sportdirektor Oliver Bornemann.

Ohne den Insolvenzverwalter darf bis heute kein Vertrag abgeschlossen werden, erklärt Aufsichtsratschef Steffen Böhm, der gerne eine Mitgliederversammlung einberufen würde: »Eine Frist gibt es nicht. Aber unser Wunsch ist es, dass die Versammlung noch in diesem Jahr stattfinden kann.« Es muss über eine neue Satzung abgestimmt werden. Die erste Mannschaft und die U 19 wurden ausgegliedert und firmieren nun als GmbH. Mit diesem Schritt konnten Investoren gewonnen werden: Die Leipziger Immobilienfirma »A. S. G. V. Grundbesitz und Verwaltung«, die »Franz Gerber Reha und Sportagentur« eines früheren Fußballprofis und Trainers (u. a. FC St. Pauli) und der Thüringer Banker und Immobilienhändler Torsten Pfeifer sind mit größeren Summen eingestiegen.

Vor einem Aufbruch in die lichte Zukunft müssen noch einige Fälle von der Rechtsabteilung geklärt werden. Exmanager Torsten Traub hat seine Kündigung vom Arbeitsgericht bereits für unwirksam erklären lassen, vergleichbare Klagen von Exsportdirektor Oliver Bornemann und Extrainer Stefan Emmerling sind auf dem Weg durch die Instanzen. Im Gegenzug hat Insolvenzverwalter Reinhardt einen früheren Hauptsponsor, das Autohaus König, verklagt, das seiner Zahlungspflicht nicht nachgekommen sein soll.

Zuletzt konnte am Wochenende unter dem neuen Trainer Thomas Brdaric immerhin gegen den Tabellenletzten Bischofswerdaer FV gewonnen werden, und zwar mit einem souveränen 3:0. Thüringer Fußballfans, denen das alles eine Nummer zu großspurig ist, sei der tapfere ZFC Meuselwitz aus dem Osten des Bundeslandes empfohlen. Seit 2009 kämpft der in aller Bescheidenheit gegen den Abstieg aus der Regionalliga Nordost. Bisher erfolgreich. Zweimal spielten die Zipsendorfer in diesem Zeitraum nach dem Gewinn des Thüringen-Pokals sogar im DFB-Pokal.


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