Kein richtiger Sex | ZEIT ONLINE


Juliane erzählt mir,
wie sie vergangenen Sommer in einem Berliner Club stand und eine Frau küsste.
Irgendwann habe sich ein unbekannter Typ dazugestellt und den beiden Frauen mitgeteilt,
wie „heiß“ er das finde, was sie da machten. Kurz darauf habe er Juliane und
ihr Date gefragt, ob er mitmachen dürfe. „Der Typ ist uns bis zum Taxi gefolgt“,
sagt Juliane. „Wir sind ihn kaum losgeworden. Kannst du dir das vorstellen?“

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, ist Autorin mehrerer Sachbücher, arbeitet als Redakteurin der FUNKE Zentralredaktion in Berlin und ist Kolumnistin der „Berliner Morgenpost“. Sie schreibt hauptsächlich über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Im Januar 2019 erscheint ihr neues Buch „Sexuell verfügbar“ (Ullstein). Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von „10 nach 8“.

© Aram Pirmoradi

Ich schüttele den
Kopf.

Nein, kann ich
nicht.

In Gedanken vertausche
ich die Rollen, stelle mir vor, wie ich mit meinem Freund in einem Club stehe und
ein Typ uns von dort bis zum Taxi verfolgt. Ja, das wäre übergriffig, Belästigung, ein Fall
für die Polizei. Ich würde Angst bekommen, hektisch ins Auto steigen, ängstlich
die Hand meines Freundes ergreifen und hoffen, dass der Typ endlich abhaut.

Juliane zuckt nur souverän mit den Schultern, sie kennt
es nicht anders. „Für Schwule
gibt es eine Vielzahl von Magazinen, Clubs, Cafés, Vereinen und Plattformen.
Lesben hingegen sind kaum sichtbar in unserer Gesellschaft, außer in
eindimensionalen und klischeebehafteten Bildern“, sagt sie. Insbesondere
lesbische Frauen, die nicht den gängigen Klischees entsprächen, würden kaum
wahr- und in ihrer Sexualität ernst genommen.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Elke Amberg sieht das
ähnlich: „Lesbische
Frauen sind bisher – anders als schwule Männer – nur
als lesbische Mütter und seit der Fußball-WM auch als
Sportlerinnen sichtbar“, sagt sie. Im
Gegensatz zu schwulen Männern seien lesbische Frauen in der öffentlichen
Wahrnehmung nie als Geschäftsführerin, Managerin oder Vorgesetzte zu sehen und
deshalb auch als Zielgruppe für die Werbeindustrie kaum interessant.

Prominente
lesbische Frauen in Deutschland lassen sich an einer Hand abzählen: die
Moderatorin Anne Will und die AfD-Vorsitzende Alice Weidel. Und da hört es im
Grunde schon auf. „Viele Frauen aus unterschiedlichen Bereichen wie der freien
Wirtschaft, der Politik und der Wissenschaft fürchten einfach die
Stigmatisierung, wenn sie öffentlich als lesbische Frau leben“, erklärt Amberg.
Das sei leider immer noch so. „Fragen Sie einmal Menschen aus ländlichen
Gebieten und Dörfern, ob sie schon einmal eine Lesbe gesehen haben“, sagt sie
im Gespräch. Sie habe diese Frage neulich ihrer Friseurin gestellt, die darauf
erwidert habe: „Persönlich kenne ich keine.“ Elke Amberg habe sich daraufhin
gedacht: „Nun, meine Lebensgefährtin und ich gehören zu ihren Stammkunden. Sie
kennt also mindestens zwei.“

Lesbische Liebe –
sie findet auch im Jahr 2019 unverändert vor allem im Privaten oder gar im
Verborgenen statt. Den Grundstein für diese Entwicklung hat sicherlich auch die
Erziehung meiner Generation in den Neunzigerjahren gelegt – denn in meiner Jugend
war Homosexualität unter Frauen zweifellos ein Tabu. Auf dem Mädchengymnasium
in Bonn, das ich besuchte, ging es sehr rollenkonform zu –
Stricken in der fünften, Hauswirtschafts- und Ernährungslehre ab der siebten Klasse. Wir besuchten den katholischen
Religionsunterricht, bei den Schulgottesdiensten herrschte Anwesenheitspflicht.
Hielten zwei Mädchen Händchen unter dem Tisch (was eine Zeitlang häufig
passierte), mahnte die Lehrerin, sie sollten sich „benehmen“. Weitere Erläuterungen
dazu, wie dieses „Benehmen“ eigentlich auszusehen hatte, gab es nie. „Das sei alles
eine Mode“, befand unsere Direktorin. Sie hatte kurz zuvor zwei Mädchen auf der
Schultoilette „erwischt“, so ihre Formulierung.

Ein paar Jahre
später, kurz vor dem Abitur, lernten wir dann: Lesbischsein war nichts weiter
als eine schmutzige Männerfantasie. Zwei Mädchen, die sich im Pornokontext anhotten, bis der Typ vorbeikommt, um
dessen cum sie sich später streiten
können, das ging klar. Aber zwei Reallife-Lesben, das war unsexy. Das
Einzige, was ging, war Knutschen zum Spaß. Bei Pyjamapartys, Teeniegelagen
unter Mädchen. Man kuschelte sich aneinander zwischen Sekt und Joint und machte
ein wenig rum – das diente bitte schön nur der Übung und wurde von den anderen Klassenkameradinnen
mit Kichern quittiert. Nein, alles gut, das machte noch keine von uns zu einer humorlosen,
dogmatischen Lesbe.

Lesbische Liebe kam
nicht in unseren Biologieschulbüchern vor, auch nicht auf den Aufklärungsseiten
der Bravo. Fragen war peinlich. Tat ich es vor meiner Verwandtschaft dann
doch, bekam ich zu hören, dass Sex zwischen Frauen „eine ganz schön absurde
Idee“ sei. Lesbische Frauen, ja, das waren zu Zeiten meiner Eltern, Onkel,
Tanten, Lehrer und Bekannten die „Übriggeblieben“, die „alten Jungfern“, die keinen Mann abbekommen oder als „Emanzen“, als „Kampflesben“ völlig
von den Männern Abstand genommen hatten. Lesbe war ein Schimpfwort, das waren
die mit den Karohemden, Kurzhaarfrisuren, Latzhosen.



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