Kolumne „Spiegelstrich“: Wie geht Patriotismus? – Kultur

Marie Yovanovitch von dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses.FOTO: REUTERS

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Die Schweizer feiern den 1. August: Es gibt Feuerwerke und Fahnen überall, und auf dem Rütli wird der Gründungsmythos beschworen. Das Volk geht „bräteln“, was Deutsche „grillen“ nennen, gebrätelt wird die Nationalwurst, der „Chlöpfer“, eine kurze, dicke Wurst aus Schweinefleisch, oder auch die Sankt Galler Kalbsbratwurst, gleichfalls akzeptabel, da durch und durch schweizerisch. Gebrätelt wird über einem offenem Feuer, die glückliche Schweizer Wurst auf einen im Schweizer Wald gefundenen Ast gespießt.

Der Schweizer Patriotismus ist bodenständig und ursprünglich, es geht ihm um eine Innenschau, das hat wenig Einladendes. Dies hängt mit der Rütli-Geschichte zusammen, dem Zusammenschluss zwecks Schutz vor den Habsburgern : Mit Fremden kann man Geschäfte machen, aber nur echte Schweizer sind Schweizer und sonst keiner.

Wir Deutschen können so patriotisch nicht feiern, geschichtsbedingt, auch wenn wir uns seit 2006 Fähnchen ans Auto stecken. Zugegeben: Diesmal, 30 Jahre danach, war’s ein herrliches Erinnern an den Mauerfall: Wo warst du damals, weißt du noch? Diese Frisuren! Und ach ja, Schabowskis Zettel!

Wer dachte an diesem 9.11. nicht darüber nach, wie alles auch ganz anders hätte kommen können? Deutschland feierte so gelassen, dass wir Deutsche uns mögen konnten. Alle paar Monate führen wir jedoch auch unsere nie unangestrengten Patriotismusdebatten. Deutsche Tonlagen können dröhnen, der deutsche Alltag auch: Ein AfD-Politiker nennt nach dem Mordanschlag von Halle das Bundesverdienstkreuz für den „sabbernden“ Udo Lindenberg einen „Judaslohn“; auf die Wörter muss man erst einmal kommen.

Die AfD, die regelmäßig auf so etwas kommt, gewinnt seit Jahren an Zustimmung, da die Volksparteien kein Volk mehr vertreten. Sie bieten wenig Sinnstiftendes, finden keine Mittel mehr, das Land und seine Emotionen zusammenzuhalten. Wie könnte das gehen?

Nein, nicht so: In Großbritannien erleben wir, dass die Reden von einem glorreichen Damals, das es in der Realität niemals gab, das Volk auf einen Weg der Selbstverzwergung geführt haben. Und auf diesem darf man auf gar keinen Fall umkehren, das wäre unbritisch.

So vielleicht? In den USA war am 11. November der Veterans Day, denn in der elften Stunde des elften Tages des elften Monats endete 1918 der erste Weltkrieg. Von Opfern und Helden war die Rede, Sternenbanner wehten. Die Nation, inklusive Präsident und Vizepräsident, redete von ihren Helden, den Werten, dem Zusammenhalt, dem Mut.

Im Madison Square Garden von New York, wo die Rangers und die Pittsburgh Penguins Eishockey spielten, schwiegen 20.000 Menschen andächtig, dann sangen sie zusammen „for the land of the free, and the home of the brave“. Es war nicht kitschig, es war zum Weinen.

Und gewiss so: In diesen Tagen treten vor dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses Zeugen auf, die an etwas Altes erinnern. Kompetenz. Strategien. Überzeugungen. Werte. Ernsthaftigkeit. Intelligenz. Es treten dort jene Staatsdiener auf, die ihrem Land helfen wollten und schockiert waren, als ihr Präsident nationale Interessen unter seinen privaten einsortierte.

Der Präsident schaltete sich während der Aussage der von ihm gestürzten Botschafterin Marie L. Yovanovitch ein und schritt via Twitter zur Denunziation: Überall, wo Yovanovitch gewesen sei, sei Schlimmes geschehen.
Manche selbsternannten Patrioten spalten, grenzen aus, ersetzen Autorität durch Intrige und Lautstärke. Ihrer Nation kann das nicht helfen, ihnen selbst und ihrer Clique durchaus.

Viele der Zeugen von Washington sind Kinder von Migranten – im Silicon Valley würden sie fünfmal oder zwanzigmal so gut bezahlt, aber sie glauben an eine größere Aufgabe als die eigene Karriere.
Patrioten.

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