Kreuzfahrt von Montreal nach Chicago auf Großen Seen – Reise


Die „MS Hamburg“ ist eines der wenigen Kreuzfahrtschiffe, das die Großen Seen in Nordamerika befahren darf. Eine tiefenentspannte Tour mit Niagarafällen, viel Udo Jürgens und extra viel Schlagsahne.

Adi ist ordentlich beschäftigt an diesem Nachmittag. Die MS Hamburg schippert gemütlich über den Lake Michigan, vorbei an Green Bay in Richtung Chicago, doch für Adi, einen stets prächtig gelaunten Typen mit Reibeisenstimme und beneidenswert vielen weißen Haaren auf dem Kopf, gibt es immer was zu tun. Die zweite Runde des Skatturniers ist vorhin zu Ende gegangen, Adi führt knapp vor Kapitän Wladimir Worobjow, zu dessen Stärken das Manövrieren durch enge Schleusen gehört, nicht aber das Verlieren beim Kartenspiel.

Gleich gibt es Mittagessen, entweder ein Fünf-Gänge-Menü im Restaurant auf Deck 3 oder ein All-You-Can-Eat-Büffet drei Stockwerke darüber, danach wird Adi für ein paar Stunden von Bord gehen, Brauereiführung in Milwaukee: „Die bauen das Ding gerade um, habe ich gelesen. Wehe, es gibt da kein Bier!“

Die Niagarafälle von oben. So nah kommt man ihnen allerdings nur in einem kleinen Ausflugsschiff.

(Foto: Vishwesh Jirgale/Unsplash)

Adi kennt solche Details, und er kennt auch dieses Schiff wie kaum ein anderer, er hat in den vergangenen neun Jahren insgesamt 586 Tage an Bord verbracht. Er ist, wie er grinsend sagt, „älter als Fuffzich, aber noch keine Hundert“, was übrigens für hundert Prozent der 337 Passagiere an Bord gilt, von denen zwei aus der Schweiz sind und der Rest aus Deutschland.

Adi ist, man kann das nicht oft und deutlich genug sagen, ein unfassbar cooler Typ mit einem feinen Timing dafür, wann und bei wem er seinen deftigen Humor einsetzen darf. Er bleibt diesmal 41 Tage auf der MS Hamburg, in der kubanischen Hauptstadt Havanna wird er von Bord gehen. „Kuba, schon schön, war ich aber schon“, sagt er, denn natürlich ist er wegen dieser 18 Tage dauernden Reise in Nordamerika dabei.

Sie beginnt in Montréal in Kanada, und sie endet auch dort, die Fahrt über die Großen Seen Nordamerikas ist eines der Alleinstellungsmerkmale der MS Hamburg, sie ist aufgrund der engen Schleusen das größte Kreuzfahrtschiff, das dort fahren darf – wobei das einer kurzen Erklärung bedarf: Urlaubsboote sind heutzutage schwimmende Freizeitparks, megalomanische Ressorts mit broadwaytauglichen Musicals, Go-Kart-Bahnen und Wasserrutschen, auf die gerade zur See geschickten Norwegian Bliss zum Beispiel passen 4004 Passagiere und 1716 Crewmitglieder.

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Größer, bunter, lauter: Auf der „Norwegian Bliss“ reisen 4000 Passagiere. Die werden mit Spektakeln unterhalten, damit sie nicht merken, wie viele Menschen hier aufeinander sitzen.


Von Jürgen Schmieder


Auf der MS Hamburg: maximal 400 Gäste, dazu 171 Angestellte. Es gibt ein Restaurant, eine Weinstube, eine Lounge, ein Tanzlokal, dazu Pool, Sauna, Fitnessraum, das war’s. Wer gemütlich über das Schiff flaniert, vom Tanzgarten auf dem obersten Deck 6 im hinteren Teil zur Sauna mittig auf Deck 1, der braucht dafür nicht einmal fünf Minuten.

Die MS Hamburg hat mit dem, was sich die meisten Leute heutzutage unter dem Begriff „Kreuzfahrtschiff“ vorstellen, ungefähr so viel gemein wie eine altmodische Pension im italienischen Dörfchen Bellagio am Comer See mit dem gleichnamigen Hotelbunker in Las Vegas – und es ist schon in Ordnung, dass es so ist, wie es ist.

Wer so eine Reise unternimmt, nach Kanada und die USA und vielleicht noch viel weiter (auf dem Fahrplan der Hamburg stehen anschließend Kuba, Bermuda, die Bahamas, der Amazonas, Rio de Janeiro, die Antarktis, der Panamakanal, Jamaika, die Kanaren, Gibraltar und zurück nach Hamburg), der darf sich als Kosmopolit betrachten, der ein bisschen was sehen will von dieser Welt.

Ein bisschen altmodisch, aber sehr gemütlich

Es gibt bei der Fahrt über die Großen Seen die Niagarafälle zu erleben, die herrliche Insel Mackinac im Huronsee mit den besten Buttertoffees der Welt, die Metropolen Chicago und Toronto, die Bierkultur von Milwaukee, das Fischerstädtchen Alpena in der Thunder Bay.

Die MS Hamburg gibt dabei eine schwimmende deutsche Pension, ein bisschen altmodisch und doch sehr gemütlich. Die Passagiere fahren um die Welt, und bleiben doch daheim.

Ein paar nicht zu leugnende Indizien dafür: Wer auf einer der beiden Treppen an Bord nicht stets auf der rechten Seite geht, wird von einem anderen Passagier augenzwinkernd und doch sehr ernst als „Geisterfahrer“ geschimpft und bekommt dann einen fünf Stockwerke dauernden Kurs, wie es zu schaffen ist, immer rechts zu bleiben.



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