„La Bohème“ an der Komischen Oper: Krach unterm Dach – Kultur



Wer etwas über das Leben der Bohème im Jahr 2019 erfahren möchte, sollte das Gutachten zur „Neuvergabe der Konzeptförderung für die Jahre 2020 bis 2023“ lesen, das Ute Büsing, Sandra Umathum und Frank Schmidt im Auftrag der Berliner Kulturverwaltung erstellt haben. „Viel zu geringe Gage für mehrwöchige Probezeiten oder die Vorstellungen“ sind in der Off-Szene „die Regel“, heißt es da. Dass künstlerischen Leiter außerdem „die Eintrittskarten kontrollieren oder gar die Toiletten putzen“, ist keine krasse Ausnahme, sondern Realität.

Auch wenn Kultursenator Klaus Lederer die Förderung der freien Theater erhöhen will: Ohne Selbstausbeutung funktioniert das Kunstmachen jenseits der subventionierten Institutionen auch heute kaum. Als Henri Murger 1851 seine „Scènes de la vie de Bohème““schrieb, die später zur Vorlage für Puccinis Oper wurden, gab es für seine Pariser Protagonisten nicht einmal die Hoffnung auf Staatsknete. Wer nicht reüssierte, ging unter.

Einige wenige, mit denen das Schicksal es besonders gut meinte, fanden einen Mäzen, der sie förderte – in der Hoffnung, dass ihr künftiger Ganz auch auf ihn abstrahlen werde. Ein Glück, das unerwartet jetzt auch der staatlicherseits eigentlich auskömmlich finanzierten Komischen Oper widerfuhr: Das Abu Dhabi Festival hat ein Sechstel der Produktionkosten für Barrie Koskys neue „Bohème“ übernommen. Im Rahmen der emiratischen „cultural diplomacy“ wurden auch schon Projekte in Madrid, London und Paris finanziell unterstützt. Einen konkreten Plan für ein Gastspiel der Komischen Oper in den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es derzeit aber noch nicht.

Die Komishce Oper bewegt sich nicht länger unterhalb des Radars des großen Geldes

Koskys Haus, das sich traditionell eigentlich als Volksmusiktheater versteht, bewegt sich nicht länger unterhalb des Radars des großen Geldes. Kosky wird 2022 seine Intendanz abgeben, wie er jetzt noch einmal bekräftigt hat. Weil dieser Regisseur so einen guten Lauf hat, an allen Premium-Häusern inszeniert, bei den Bayreuther Festspielen bejubelt wird, im Sommer in Salzburg debütiert. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, wenn Kosky einen Blockbuster des ernsten Repertoires inszeniert, auch weil Puccinis Hit hier erstmals nicht in deutscher Übersetzung gesungen wird, sondern international kompatibel auf Italienisch.


In deprimierendem Grau hat Rufus Didwiszus sein Bühnenbild entworfen, die Bleidächer der Pariser Mansarden waren ihm dabei wohl eine Inspirationsquelle. Verblichene Schwarzweißbilder aus der Frühzeit der Fotografie bilden den Hintergrund für das darstellerische Treiben auf der weitgehend leerer Bühne. Praktikabel und preiswert wirkt diese Ausstattung, wie man es von kleineren Stadttheatern gewöhnt ist, die mit schmalen Etats zurechtkommen müssen. Wenn das Publikum in den Saal strömt, ist der Vorhang schon offen, eine winzige Spielfläche an der Rampe deutet die Dachgeschoss-Bude der Bohémiens an. Für die Café-Momus-Szene werden ein paar Stühle, Tische und Straßenlaternen auf die Drehbühne gebracht, im Barrière d’Enfer-Bild muss ein Rückprospekt reichen.

Es sind die Menschen, auf die es hier ankommt, postuliert diese szenische Kargheit. Victoria Behr hat sie in neckische Kostüme gesteckt, die ästhetisch an die Zwanzigerjahre erinnern, aber hier und da auch mit modernen Details aufgepeppt sind. Es gibt schrille Kokotten und Nonnen mit übergroßen Flügelhauben in der Massenszene, die männlichen Bewohner der Künstler-WG tragen fashionable Anzüge, breit gestreift, großkariert oder in samtigem Lila schimmernd.

Putzige Kerlchen sind das, die Kosky unbekümmert herumalbern lässt. Schon in den ersten Minuten bewegt sich das Quartett so springteufelhaft auf den wenigen Quadratmetern, dass dem Zuschauer schwindelig werden kann. Ständig knallt die Luke zur Dachkammer auf und zu, sogar den Aufritt des Vermieters Benoit, sonst ein Mini-Einsatz für ein verdientes Ensemblemitglied, spielen die Vier hier selber nach, mit rasant wechselnden Rollen.

Jordan de Souza dirigiert einen enorm vitalen Puccini

Doch Kosky kann noch mehr, macht die Restaurant-Episode zum Wimmelbild, in dem die Solisten ununterbrochen auf Stühle steigen, um ihre Erregung anzuzeigen, während Chor und Statisten so wild gestikulieren, so hektisch durcheinander wuseln, dass sogar die Musik im allgemeinen Tohowabohu unterzugehen droht. Dabei dirigiert Jordan de Souza einen präzisen, enorm vitalen Puccini. Für Sentimentalitäten hat der 1. Kapellmeister des Hauses wenig übrig, er will nicht im Kitsch schwelgen oder sich in Larmoyanz verströmen. Nein, was ihn an der Partitur interessiert, sind die Klangfarben, die er hell leuchten lässt, sind zudem die energetischen Impulse, die aus dem Graben die Handlung befeuern. Wie Jordan de Souza im Eröffnungsbild immer wieder musikalisch den Atem anhält, Generalpausen setzt, die Kosky szenische Detaileffekte ermöglichen, um dann ohne Reibungsverlust fortzufahren, ist virtuos. Das ohnehin in seiner stilistischen Wendigkeit kaum zu übertreffende Orchester folgt ihm dabei mit einer Wachheit, einer Reaktionsschnelle, die ihresgleichen sucht.

Es ist toll zu sehen, wie sich der junge Bariton Daniel Foki aus dem Opernstudio von diesem Spirit mitreißen lässt, wie souverän er als Schaunard zwischen den anderen, bühnenerfahreneren Kollegen agiert. Es ist aber auch bedauerlich, dass der enorm hohe Adrenalinpegel der Produktion einige Solisten dazu verleitet, sängerisch viel zu viel Power zu geben. Günter Papendells Marcello und vor allem Jonathan Tetelmans Rodolfo werden so zu enervierenden Lautsprechern, vor allem der Tenor scheint so berauscht von seinem eigenen, kraftvoll strahlenden Organ, dass er sich kaum um Differenzierung bemüht, nicht nach jenen Zwischentönen sucht, die aus einem Stimmbandbesitzer erst einen Charakter machen.

An der Oberfläche ist viel los, tiefere Einsichten aber hat die Regie nicht anzubieten

Nadja Mchantaf dagegen geht ganz in der Rolle der Mimi auf, will nicht Diva sein, sondern glaubwürdig. Dem Betrachter enthüllt sich bei ihrem Anblick sofort die ganze Vorgeschichte dieses Mädchens, das sein Glück in der Großstadt gesucht und dabei als Arbeitssklavin des gnadenlosen Manchester-Kapitalismus ihre Gesundheit ruiniert hat. Machantaf gewinnt die Herzen, weil sie so klingt wie sie spielt, rein und unschuldig, erblühend in der Aussicht auf ein wenig Liebe zu Beginn, tief berührend in ihrem noch einmal aufflackernden Lebensmut am Ende.

Fast stiefmütterlich behandelt Barrie Kosky Musetta, die andere Frauenrolle des Stücks. Mit ihr weiß er nichts Rechtes anzufangen, beim berühmten „Quando m’en vo“ jedenfalls muss sich Vera-Lotte Böcker allein auf die Verführungskraft ihres Soprans verlassen. Immerhin darf sie die schönsten Kleider tragen. Doch hier liegt eben auch die Krux der Produktion. Oberflächlich ist viel los, alles sieht gut aus – tiefere Einsichten in das Gefühlsleben der Figuren aber, gar neue Erkenntnisse zum altbekannten Stück hat die Regie nicht anzubieten. Kosky konventionell, auch mal eine Erfahrung.

Die Erinnerungen wach ruft an die Jahrhundertinszenierung der „Bohème“ von Harry Kupfer, die an der Komischen Oper von 1982 bis 2006 lief, rekordverdächtige 357 Mal. Wie glaubhaft war da szenisch jede Seelenregung der Figuren in Gesten und Blicke übersetzt, wie genau trafen die Bühnenbilder von Reinhard Zimmermann die Atmosphäre der Handlung. Das mondbeschienene Liebesduett vor der Mansarden-Dachlandschaft, später die Bank mit hoher Lehne, auf deren einer Seite Mimi kauert, während auf der anderen Rodolfo, der sie nicht sehen kann, Marcello erklärt, dass für ihre Genesung keine Hoffnung mehr besteht – unvergesslich.

Wieder am 2., 8. und 14. Februar sowie im März, April, Mai und Juni.



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