Laufkolumne: Achtsames Laufen ist die ehrlichste Art zu laufen

Mike Kleiß läuft nahezu täglich zwischen 15 und 20 Kilometern. @Mike Kleiß
Vor einiger Zeit erreichte mich die Nachricht einer ehemaligen Radiokollegin. Sie steht mittlerweile viele Jahre vor der TV-Kamera. Und hat Kinder zur Welt gebracht. TV-Menschen haben einen besonderen Blick auf ihre Figur. Sie hat oft im Stillen diese Kolumne gelesen, sagte sie mir. Sie kommentierte stets nicht, sie hat die Laufgeschichten einfach aufgesogen. Und obwohl sie das Laufen nie mochte, hat sie sich motivieren lassen. Sie schrieb mir: „Deine Läufer-Geschichte(n) haben mich inspiriert und ich war auch heute wieder laufen. Ich bin sehr langsam und jogge 25-30 Minuten und bin dann zwar fertig, aber wirklich glücklich.

Ich würde gerne auch morgen wieder laufen, von links und rechts bekomme ich jetzt aber gesagt: Pause machen, ausruhen, weil Zerrung. Was hältst du davon?“. Meine Antwort war klar und deutlich: „Hör nicht auf die Leute. Hör auf deinen Körper. Und wenn du laufen willst, lauf“.

So geht „Gentle Running“

Ein grob fahrlässiger Rat an die Kollegin? Nein. WENN man die neue Haltung beim Laufen unterschreibt. Und die gibt es. Und sie setzt sich als eine Art Trend immer mehr durch. Die zentrale Frage ist NICHT mehr: „Was oder wieviel leiste ich beim Laufen“, sondern: „Was leistet das Laufen für mich? Was macht es mit mir? Was kann es für mich tun?“. Es ist die Philosophie des „Gentle Runnings“, des achtsamen Laufens.

Hierbei spielt nicht etwa die Zeit eine Rolle. Hier geht es darum, dass der Läufer losläuft und beobachtet, was in seinem Inneren passiert. Dabei hört er auf seinen Atem, er spürt jede einzelne Bewegung, nimmt die Natur bewusst wahr, was gerade im Frühling besonders intensiv sein kann. Dabei spielt Ehrlichkeit die zentrale Rolle.

Die Ehrlichkeit, auf den Körper zu hören. Auf sich selbst zu hören. Auf keinen Fall ist es erlaubt, sich selbst zu belügen. „Ach, geht schon noch. Ach, ich habe zwar keine Lust, aber es muss eben sein. Ach, das bisschen Schnupfen. Gut, es zieht in der Hüfte oder schmerzt hier und da, egal.“

Das ist alles nicht ehrlich. Das ist nicht achtsam. Das ist nicht gentle. Sie sollten schon ganz nah bei sich sein. Das auch zulassen können. Auch wenn es Sie einigen Mut und Konsequenz kostet. Wichtig: Es ist okay, achtsam zu sein. Es ist okay, schwach zu sein. Es ist okay, lieb mit sich selbst zu sein. Es gibt kaum etwas, was wichtiger ist. Wenn Sie laufen, ohne sich selbst etwas vorzumachen, werden Sie das Laufen völlig neu erleben. Versprochen.

Auf den eigenen Körper hören

Warum müssen wir uns eigentlich so oft peitschen? Warum hören wir so oft nicht auf die Signale, die uns der Körper sendet? Warum oft erst dann, wenn es zu spät ist? Gestern berichtete mir einer meiner engsten Freunde, dass er einen Tinnitus hat. Eindeutig durch Stress bedingt. Und es ist nicht das erste Mal, dass er wegen beruflicher Überbelastung mit üblen Krankheiten zu tun hat. Ich habe große Sorge um ihn. Sehr große Sorge. Und wenn du das liest mein Freund: Sei ehrlich zu dir! Sei endlich ehrlich zu dir. Ich bitte dich! Wir wollen noch viel Zeit miteinander verbringen, wir wollen noch viele Läufe gemeinsam laufen, sei ehrlich zu dir!

Er ist einer der Kandidaten, der beinahe täglich läuft, einfach um den Stress des Alltags zu kompensieren. Vielleicht läuft er dem Stress auch einfach nur davon!? Ich bin mir sicher, dass das so ist. Wie viele andere kann er weiter fortlaufen. Aber es wird ihn einholen. Und davor habe ich noch viel größere Angst und noch viel mehr Sorge.

Gerade die Menschen, die beruflich viel um die Ohren haben, die nach außen erfolgreich sind, laufen und laufen und laufen. Anstatt ehrlich zu sich zu sein, anstatt endlich etwas zu verändern, laufen sie im wahrsten Sinne vor dem eigentlichen Problem davon. Dafür ist das Laufen nicht gemacht. Das ist eher eine Art Missbrauch am Laufen. Und ich bitte jeden, dem das so geht, der sich in diesen Zeilen findet: Stop! Sei ehrlich zu dir! Sei ehrlich zu deinem Körper. Sei achtsam, sei gentle!

Wenn das Laufen zur Meditation wird

So erlangt selbst der Laufanfänger eine Art meditative Ebene und kann den Alltag vergessen. Der Läufer entscheidet spontan, wie lange er läuft. Und wie oft. Und wie intensiv. Vor allen Dingen aber hört man in den Körper hinein und nicht auf das, was das Umfeld rät.

Freunde, Familie, Bekannte haben sicher Sorge. Oft jedoch ist es für gerade die schwer einzuschätzen, ob nicht einfach ein liebgewonnener Mensch davonläuft. Wer sich plötzlich bewegt, macht anderen oft Angst. Gerade denen, die stehenbleiben. Und gerade dann ist es wichtig, sich aus schlechtem Gewissen nicht stoppen zu lassen.

Das mag esoterisch klingen. Ist es jedoch nicht. Das Gentle Running deckt sich mit vielen klugen Stimmen aus der Sportmedizin. Paul Klein von der Orthopädie der Mediapark Klinik in Köln und Vereinsarzt des 1.FC Köln sagt dazu: „Der Sportler kann sich in der Tat gut vor Verletzungen schützen, und vor Überbelastung. Wenn er wieder lernt, auf den eigenen Körper zu hören, Signale zu deuten. Und mit etwas Übung kann das jeder.“

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