Leonie Ossowski: Fenster zur Welt (neues-deutschland.de)


Die Schriftstellerin Leonie Ossowski

Die Schriftstellerin Leonie Ossowski

Foto: dpa/Britta Pedersen

Das Fenster zur Welt aufmachen, am liebsten ganz woanders sein, sich trauen, abzuhauen – das sind die Standardthemen, die die Westdeutschen den Ostdeutschen mit am liebsten servieren. Doch was ist mit dem Verschwinden aus der BRD? »Lass dich nicht BRDigen« lautete so ein alter Spruch der dortigen Linksalternativen.

In den siebziger Jahren gab es im westdeutschen Film dafür fast ein eigenes Genre, das von jungen Menschen handelte, die weg von daheim oder einfach nur unterwegs sein wollten: »Im Lauf der Zeit« (1976), »Das Ende des Regenbogens« (1979) oder »Nordsee ist Mordsee« von Hark Bohm (1976).

In letzterem sang Udo Lindenberg eins seiner schöneren Lieder: »Ich träume oft davon ein Segelboot zu klauen / und einfach abzuhauen. / Ich weiß noch nicht wohin / Hauptsache, dass ich nicht mehr zu Hause bin«. Man könnte dieses Genre »Die große Flatter« nennen, nach dem WDR-Dreiteiler von 1979, der auf dem gleichnamigen Roman (1977) der Schriftstellerin Leonie Ossowski beruhte.

Es geht um zwei »sozial schwache« Jugendliche, wie man damals sagte, die aus ihrer ebenso brutalen wie deprimierenden Umgebung auszubrechen versuchen. Die Musik dazu ist instrumental und stammt vom DDR-Jazzer Günter Fischer. In der DDR veröffentlichte auch Leonie Ossowski 1956 ihr erstes Buch, nach Vermittlung ihrer Schwester Yvonne Merin, die dort Schauspielerin war: »Stern ohne Himmel«.

Hätte eigentlich ein Film werden sollen, wurde dann aber erst 1980 von Ottokar Runze in Westberlin verfilmt. Eine ebenso spannende wie anrührende Geschichte um vier Jugendliche, die kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen gleichaltrigen Juden verstecken – erfolgreich.

Gegen Kriegsende war Ostrowski als Tochter eines Gutsbesitzers aus Niederschlesien bis nach Oberschwaben abgehauen, mit dem ersten ihrer insgesamt sieben Kinder (aus drei Ehen). Später meinte sie, sie hätte sich ihren Künstlernamen zugelegt, um nicht durcheinander zu kommen. Sie arbeitete in der Fabrik, als Verkäuferin und schließlich als Sozialarbeiterin und veröffentlichte linke Jugendliteratur, Drehbücher und auch eine Trilogie über ihre Zeit im heutigen Polen, die sie 1999 mit ihrem Roman »Das Dienerzimmer« über zwei polnische Zwangsarbeiterinnen ergänzte.

Ihre Bücher sollten »spannend sein, aber – etwas altmodisch ausgedrückt – auch aufklärerisch«, sagte sie. Erst war sie für die SPD, dann gegen die SPD unter Schröder. Das ist auch so eine bundesdeutsche Abhaugeschichte – von Menschen, die noch Gefühle haben und wissen, was soziale Ungerechtigkeit ist. Am Montag ist Leonie Ossowski mit 93 Jahren in Berlin gestorben.



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