Leopard in der Pfalz (Tageszeitung junge Welt)


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»Ich mag keine fremden Götter neben mir« – 1.-FCK-Mäzen Flavio Becca

Derbys im Fußball sind reichlich emotions-, bisweilen auch gewaltgeladen. Im Fall des am Sonntag steigenden Duells zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Waldhof Mannheim rollten Köpfe bereits lange vor dem Anpfiff. Auf dem Weg hinauf zum Betzenberg passieren die Besucher den »Elf-Freunde-Kreisel«, eine Reminiszenz an die einst von Fritz Walter angeführte Auswahl, die in den Nachkriegsjahren zwei deutsche Meistertitel in die Pfalz holte. Anfang August hatten sich Vandalen bei Nacht und Nebel an den Betonfiguren vergangen. Mehrere davon fanden Anwohner tags darauf besudelt mit blauer Farbe vor – und zwei mit abgeschlagenem Haupt. Nach Polizeiermittlungen spricht so ziemlich alles dafür, dass die Rohheit auf das Konto von Waldhöfern geht.

Aus der Portokasse

Damit steckt in dem davor schon zum »Hochrisikospiel« erklärten Schlagabtausch noch einmal allerhand Zündstoff mehr. Und vielleicht werden am Wochenende schmerzvolle Erinnerungen wach an längst vergangene Tage, als es zwischen beiden Fanlagern in unschöner Regelmäßigkeit brutale Auseinandersetzungen gab. Aber auch aus rein sportlicher Sicht regt das Treffen eher zum Kummer an. Während man bis Anfang der 90er Jahre seine Kräfte gewohnheitsmäßig in der deutschen Eliteklasse maß, begegnet man sich jetzt in den Tiefen der dritten Liga wieder. Wenigstens für den Mannheimer Anhang ist das eine Freude. Sein Team tritt als frischer und souveräner Aufsteiger aus noch niedrigeren Regionen an. Für den FCK mit seiner ruhmreichen Historie, vier Meistertiteln und zwei DFB-Pokalsiegen, ist dagegen jeder Spieltag im Unter-Unter-Haus einer zuviel.

Immerhin weht neuerdings wieder ein Lüftchen Hoffnung um Deutschlands höchsten Fußballberg. Nicht nur weil man am Montag nach verkorkstem Saisonauftakt drei verdiente Auswärtspunkte aus Zwickau mitnehmen und damit für das Derby Mut tanken konnte. Die neue Zuversicht kommt mehr noch daher, dass der Verein seinen schlimmsten Quälgeist endlich losgeworden ist: den Pleitegeier. Die notorische Finanznot des FCK, bedingt auch durch die hohen Mietausgaben für das in städtischem Besitz befindliche Fritz-Walter-Stadion, war ein Faktor bei der langen Talfahrt des Traditionsklubs. Mindestens genauso rächten sich Missmanagement, interne Grabenkämpfe und eine wiederholt falsche Kaderplanung, bei gefühlt hundert Trainerwechseln in zehn Jahren. Im zurückliegenden Winter ging in der Pfalz dann die Angst gleich doppelt um: Während die Mannschaft – mit dem Auftrag Aufstieg – im Tabellenkeller herumstümperte, klaffte ein so gewaltiges Loch in der Vereinskasse, dass die Lizenz für die nächste Spielzeit akut bedroht war.

Aber das Unheil wurde abgewendet. Mit viel Phantasie, der Hilfe der Fans und teuren Krediten trieben die Klubbosse einen Großteil der fehlenden zwölf Millionen Euro und schließlich einen Mann auf, der die restlichen drei Millionen aus der Portokasse beglich. Mit Flavio Becca, wie es heißt ein milliardenschwerer Immobilienhai und der große Zampano im luxemburgischen Fußball, präsentierten sie im Sommer endlich den heißersehnten Ankerinvestor, den man seit der Ausgliederung der Profiabteilung vor einem Jahr gesucht hatte. Auf diese Kapitalisierung des stolzen Herzblutvereins hatten sich die Mitglieder nach hitzigen Diskussionen und dem Versprechen der Macher eingelassen, dass nur ein dicker Geldgeber den Karren aus dem Dreck ziehen könne.

Und füllig ist Becca nicht nur in puncto Statur. Bis zu 25 Millionen Euro will der 57jährige in den kommenden fünf Jahren beisteuern, um den FCK möglichst im Durchmarsch zurück in die Beletage des deutschen Fußballs zu führen. Selbst zu noch Höherem fühlt er sich berufen: »Natürlich ist die Champions League eines unserer Ziele, die wir uns setzen müssen.« Freilich macht der sogenannte Mäzen, dessen Geld unter anderem dem F91 Düdelingen in zwei Jahrzehnten zu 15 luxemburgischen Meistertitel verholfen hat, das alles nicht aus purer Nächstenliebe. Sein Investment muss sich lohnen: Beispielsweise will er den FCK als Türöffner nutzen, um mit dem Energydrink »Leopard« den hiesigen Markt aufzumischen. Den beherrscht bislang noch Red Bull, was bekanntlich dem RB Leipzig Flügel verleiht. Auch liebäugelt der Unternehmer mit dem Kauf des Fritz-Walter-Stadions samt umliegenden Grundstücken sowie damit, ein altes städtisches Industrieareal zu bebauen.

Spaß beiseite

Für all das braucht es viel Beinfreiheit, am besten freies Geleit. Kurz bevor Becca zum »Retter« des FCK auserkoren wurde, hatten Teile des Aufsichtsrats am Stuhl des mit ihm verhandelnden Vorstands gesägt und eine regionale Investorengruppe ins Spiel gebracht. Daraufhin gab der Luxemburger die Order aus, nur dann einzusteigen, wenn der Gremiumsvorsitzende Michael Littig seinen Hut nimmt. Der fügte sich prompt und hinterließ einen Haufen von Becca-Getreuen. Gefragt nach möglichen weiteren Großinvestoren beschied der Rausschmeißer später in einem Interview mit dem Fanportal »Der Betze brennt«: »Ich mag keine fremden Götter neben mir. Aber nein, Spaß beiseite: Diese Alternative hat sich nie gestellt.« Immerhin: Nicht jedem Fan ist dabei zum Lachen zumute.



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