Mario Basler im Interview: „Das ist nicht mehr mein Fußball“ – Sport



Mario Basler, Sie haben zu ihrer aktiven Zeit einmal gesagt, Fußball zu spielen, sei wie Theater. Und Sie würden auf dieser Bühne eine Hauptrolle spielen. Wie sieht es damit nach der aktiven Karriere aus? Spielen Sie noch immer Theater?
Fußball ist Spektakel und teilweise Theater. Das stimmt.

Nun haben Sie über ihr Leben in diesem Spannungsfeld geschrieben. Ihre Autobiographie heißt „Eigentlich bin ich ein super Typ“. Dabei sind Sie erst 50, haben Sie nicht mehr viel vor?
Wenn ich 70 bin, interessiert das vielleicht nicht mehr. Noch sind die Anekdoten ja nicht so weit weg. Wie zum Beispiel die aus der Nacht vor dem Champions-League-Endspiel 1999.


Vor dem berühmten Spiel gegen Manchester United. Sie wurden ausgewechselt, als ihren Bayern nach einem Basler-Tor 1:0 führten, ManU gewann im Schlussspurt dann 2:1.
Vor dem Spiel habe ich noch bis halb vier morgens an der Bar gesessen und dann habe ich so abgeliefert – trotz der Niederlage. Das ist eine Geschichte. Wer traut sich das, wer macht schon so was.

Wirklich vor dem Spiel?
Vor dem Spiel. Nach dem Spiel kann ja jeder. Logisch, der Uli Hoeneß wollte mich ja noch um halb drei ins Bett schicken, ich bin aber erst eine Stunde später gegangen.

Als aktiver Spieler haben Sie sich vor 20 Jahren eine zwei gegeben. Wie benoten sie den Basler abseits des Platzes?
Eine drei, würde ich sagen. Auf dem Platz kannst Du mehr Theater machen. Außerhalb des Platzes ist es schwerer, Alarm zu schlagen.

Basler ballert. Vor ihm sein neues Buch.Foto: Mike Wolff

Nun sind Sie aber beim Alarm schlagen breiter aufgestellt als viele Ihrer Kollegen Ex-Profis. Als Kommentator, Comedian oder Teilnehmer im Reality-TV. Sie touren mit Ihrem eigenen Comedy-Programm „Basler ballert“ durchs Land. Vor 550 bis 1000 Leuten auf einer Bühne zu stehen über 90 Minuten, das ist schon hart, oder?
Klar, du bist ja auch nicht jeden Tag gut drauf. Aber das interessiert das Publikum nicht. Alle Shows waren ausverkauft, alle Zuschauer waren begeistert, bis auf den ein oder anderen Journalisten. Vielleicht haben die Zeitungen auch Menschen in die Show geschickt, die noch 30 Jahre älter waren als ich und dann nicht alles verstanden haben. Aber auch das gehört dazu, das ist nicht Schlimmes.

Viel Feind, viel Ehr.
Stimmt, damit lebe ich schon seit 30 Jahren. Dass ich nicht nur Freunde habe, das weiß ich. Nur Schulterklopfer wären ja auch blöd. Wenn es nur Menschen gäbe, die mir sagen würden wie toll, klug und schön ich bin, das wäre ja langweilig. Es muss ja auch Menschen geben, die sich zu Hause langweilen und dann andere kritisieren. In den sozialen Medien, darfst du ja heute sagen, was du willst.

Ihre Texte schreiben Sie selbst?
Ich übe gar nichts ein. Gut, ich habe den Ablauf im Kopf. Natürlich habe ich ein Programm. Aber wenn Sie alle 22 Shows gesehen hätten, hätten sie gesehen, dass ich niemals alles im selben Wortlaut erzählt hätte. Ich mach das alles frei Schnauze. Der Regisseur und Darsteller bin ich in einer Person. Ich mochte es nie, vorgeschriebenes abzulesen.

Bei wem funktionieren Ihre Witze? Besonders bei den älteren Menschen, die noch wissen wer zum Beispiel Thorsten Legat, früher Ihr Mitspieler bei Werder Bremen, ist.
Nein, es kommen auch jüngere Leute in die Shows, die mich nicht mehr auf dem Platz gesehen haben. Vor 15 Jahren habe ich ja aufgehört. Wir haben die volle Bandbreite im Publikum. 98 Prozent sind begeistert.

Gerade die älteren Zuschauer dürften mit Ihrer Person alte, andere Zeiten im Profifußball verbinden. Eben, die Zeit, in der noch nicht so viel glattgebügelt war und ein Mario Basler immer für einen flotten Spruch gut war. Warum haben sich die Zeiten geändert, sind die Spieler so unnahbar geworden?
Leider ist das heute so. Ich glaube der Grund sind die Leistungszentren. Wer in der ersten oder zweiten Liga spielt, der muss als Verein ein Nachwuchsleitungszentrum haben. Und da wirst du dann halt einkaserniert. Das ist wie im Landschulheim auf einer Klassenfahrt. Die stehen zusammen auf, essen zusammen, gehen zusammen zur Schule und spielen zusammen. Jeden Tag. Ich sage immer: Wir sind noch auf den Baum geklettert. Wie die herangezogen werden… die kommen ja nur noch an die frische Luft, wenn sie im Training sind. Ansonsten sind sie in ihrem Zimmer und spielen Playstation oder daddeln an ihrem Handy rum.

Was aber noch nicht dahin führen muss, dass ein Spieler in einem Interview nicht mal einen interessanten Satz sagen könnte?
Die Spieler werden dahin erzogen, ja nichts Verkehrtes zu sagen und zu machen. Und wenn nicht, schickt der Trainer dich vom Platz und rein ins Heim. Da nimmst du jedem Menschen seine Kreativität, du begrenzt ihn in seinem Spielphilosophie. Alles wird vorgegeben, jeder Spielzug. Der Fußball heutzutage ist Ballhalten, ich kann das mittlerweile nicht mehr sehen. Deshalb gehe ich auch nicht oft ins Stadion. Das ist nicht mehr mein Fußball, den ich gelebt habe. 70 Prozent Ballbesitz sind wichtig.

Spanien ist so Welt- und Europameister geworden…
Aber das ist schon eine Weile vorbei. Wir Deutschen haben mit Ballbesitz ja auch keine guten Erfahrungen gemacht 2018 bei der WM. Wenn du heut siehst wie die Spieler flanken, von zehn Flanken landen acht hinter dem Tor. Die können das nicht mehr, weil sie es nicht mehr dürfen.

Sind die Spieler unmündig, weil sie im System funktionieren müssen?
Ich sehe das so: Wenn sie nicht im System funktionieren, dann fliegen sie raus.

Video
‚Super Mario‘ Basler wird 50

Warum ist es denn so gekommen? Beantworten Sie die Frage in Ihrem neuen Buch?
Wir haben früher noch vorm Training beim FC Bayern an der Säbener Straße Autogramme auf der Motorhaube geschrieben. Heute verschwinden die Spieler vor dem Training in der Tiefgarage, Die Fannähe ist völlig verloren gegangen. Die Fans sind nur noch für die Stimmung da und für das Geschäft. Der Fan wird nur noch benutzt.

Wie könnte sich das ändern?
Wenn die Fans mal sagen, wir bleiben zwei Heimspiele zu Hause. Dann müssten sie sich zum Beispiel beim FC Bayern was überlegen. Aber wir werden das nicht erleben. Du kriegst das nur hin, wenn alle zusammenhalten. Bis dann irgendwann jemand kommt und sagt, jetzt mache ich den Scheiß nicht mehr mit. Die Journalisten können ja nichts mehr schreiben, Ihr kriegt die Spieler vorgesetzt. Der Pressesprecher sagt noch, ihr dürft drei Fragen stellen. Und gibt die Richtung vor und schneidet das noch alles mit. So viel Kontrolle. Das ist doch lächerlich, mich konnte man früher Tag und Nacht anrufen.

Auch dieses Interview wird von Ihnen gegengelesen.
Das ist ja auch richtig. Jeder wurde mal falsch zitiert. Es geht ja nicht um gut oder schlecht. Mein Entdecker Hans Günter Neues hat mir mit auf den Weg gegeben: Positiv oder negativ ist egal – wenn man nicht mehr über doch schreibt, bist du erledigt. Zum Glück schreibt man über mich. Seit 30 Jahren.

Super Mario. Hier im Trikot des FC Bayern (links Giovanne Elber).Foto: Pressefoto Baumann/Imago

Das ist schon eine Leistung…
Wenn man so sieht, wer noch präsent ist in meinem Alter. Lothar Matthäus, Thorsten Legat sind noch präsent.

Stefan Effenberg auch.
Ja, Stefan ist jetzt wieder dabei. Ich habe ihm gesagt, du musst dich zeigen. Jetzt ist er bei Sport1. Ich bin ja seit 15 Jahren sehr präsent.

Trainer- und Spielerkarriere haben sie jetzt ja auch gerade hinter sich, seit einigen Jahren sind sie unterklassig aktiv, aktuell bei der TSG Eisenberg in der A-Klasse Rheinland Pfalz.
Ja, das kommt alles wieder. Schauen Sie, ich mache nur, was mir Spaß macht. Wenn ich ins Big-Brother-Haus gehe, mache ich das auch nur aus Spaß. Unabhängig davon, dass man viel Geld bekommt, ist es eben eine tolle Lebenserfahrung. 14 Tage jeden Tag im Fernsehen – für mich war es wichtig, mal fünf Tage im Keller zu sitzen. Du brauchst gar nichts zu essen, nur einen Schluck Wasser. Ich habe in fünf Tagen sechs Scheiben Kohlrabi gegessen und ich habe es überlebt.

Gibt es da Grenzen bei Ihnen?
Anfragen für das Dschungelcamp habe ich schon fünf Mal abgesagt. Und so viel Geld wie man mir geboten hat, hat noch keiner gekriegt. Aber ich hätte daran keinen Spaß, der Zuschauer auch nicht. Ich würde nichts essen oder saufen von dem Zeug. Ich würde jede Prüfung ablehnen. Aus dem Big-Brother-Haus bin ich nur raus, weil ich gesagt habe: Ich brauche jetzt einen Wodka-Lemon und eine Zigarette. Da ging es mir nicht ums Geld. Mir ging es nicht um di 100.000 Euro extra. Ich wollte nur den Wodka. Vielleicht lieben mich die Leute, weil ich so bin.

Mit der Einstellung dürfte es ein junger Fußballprofi schwerer haben?
Ich weiß es nicht, das ist hypothetisch. Lass ich einen guten Fußballer nicht spielen, nur weil er Dinge sagt, die mir nicht gefallen? Glaube ich nicht. Ich glaube, viele würden sich freuen, wenn ich in ihrer Mannschaft spielen würde.

Was wünschen Sie sich noch für die kommenden Jahre?
Gesundheit. Für meine Familie und mich, das ist das Wichtigste.

– Mario Basler, 50, spielte unter anderem für den 1. FC Kaiserslautern, RW Essen, Hertha BSC, Werder Bremen und Bayern München. Sein neues Buch „Eigentlich bin ich ein super Typ“ erscheint am 6. September (Co-Autor Alex Raack, Verlag Edel)



Source link

Reply