Normalschanze – Von Platz 27 zu Gold – Sport


Der Pole Dawid Kubacki gewinnt ein WM-Springen, das wegen des turbulenten Wetters von vielen Beteiligten als irregulär eingestuft wird.


Von Volker Kreisl, Seefeld

Irgendwann hätte Dawid Kubacki ein Sofa gebrauchen können. Zunächst war er in die gute Stube gestiefelt wie immer: mit der Erwartung, gleich wieder hinauszutreten aus der sog. „Leader’s Box“. Dann aber zog es sich doch hin, Kubacki musste noch ausharren, und weil man an diesem Platz live gefilmt wird, lächelte er routiniert. Zehn Minuten, 20 Minuten vergingen und in das Lächeln des Polen schlich sich allmählich ein verschmitzter Zug. Beim nächsten Mal, so wirkte es, machte er sogar ein leicht ironisches Winke Winke in die Kamera, dann fiel plötzlich Ernst und schließlich sogar höchste Anspannung auf seine Miene, bis er endlich die Box verlassen durfte – auf den Schultern seiner jubelnden Teamkollegen, als neuer Skisprung-Weltmeister.

In den zirka 35 Minuten der Präsentation des Führenden Kubacki hatte sich einer der absurdesten Wettkämpfe in der WM-Geschichte des Skispringens abgespielt, genauer gesagt auch schon davor. Fast von Beginn an war der zweite Einzelwettbewerb bei der WM in Seefeld wegen Windes und heftigen Schneetreibens ein irregulärer, wie es in der Sprache der Funktionäre heißt, oder auch „bescheiden“, wie der Deutsche Richard Freitag erklärte, oder auch „beschissen“, wie der Österreicher Stefan Kraft es formulierte.

Der allerdings war ein bisschen hin- und hergerissen – und symbolisierte damit auch die Extreme dieses ganzen Nachmittags. Denn Titelverteidiger Kraft grinste und freute sich schon auch, er hatte ja hinter Kubacki und dessen Weltklassekollegen und mehrmaligem Olympiasieger Kamil Stoch Bronze geholt.

Schuld waren die Schneeflocken. Große, nasse Exemplare waren vom Himmel gefallen, und zwar in beiden Durchgängen jeweils zunächst in geringerer Zahl, dann immer mehr und schließlich in dichtem Treiben. Zur Folge hatte dies, dass dieses Springen verkürzt gesagt nicht in der Luft, sondern in der Anlaufspur entschieden wurde: Erst war sie schnell, dann wurde sie immer langsamer. Das ergab folgende Situation: Kubacki, einer der Weltbesten, also einer der letzten Springer im ersten Durchgang, wurde hier gebremst, landete auf Platz 27 und startete somit im nach umgekehrter Reihenfolge gelisteten Finale schon als Dritter. Da war die Spur wieder gereinigt, weshalb ihm früh der Siegsprung gelang.

Der Weltcupführende Ryoyu Kobayashi, Großschanzenweltmeister Markus Eisenbichler, Silbergewinner Karl Geiger und auch sämtliche Norweger hatten zweimal eher schlechte Bedingungen oder noch größeres Pech – oder auch kleinere Fehler begangen, was diesmal nicht sonderlich genau analysiert wurde, da dieser Wettkampf eher nicht ernst genommen werden konnte. Eisenbichler schilderte sein Erlebnis in der Anlaufspur folgendermaßen: In fester aggressiver Sprunghaltung sei er nach unten geglitten, kurz vor dem Schanzentisch, wo sich mehr bremsende Flocken gesetzt hatten, habe er dann gemerkt: „Es fängt an zu schieben, dann ist mein Schwerpunkt zu weit nach vorne gegangen, und dann wird’s halt brutal zäh.“

Doch auch solche wetterbeeinflussten Wettkämpfe haben Medaillengewinner und in diesem Fall traf es zumindest nicht die Falschen. Alle drei hatten in den Trainingssprüngen gute Leistungen gezeigt, somit nicht nur aus reinem Glück gewonnen. Und Kubacki, der 28-Jährige, der schon seit zehn Jahren im Weltcup springt, immer nur Mannschaftstitel gewann und erst einen Weltcupsieg errang, er hatte dieses erste Einzel-Gold und den Ritt vor den Zuschauern, auf den Schultern seiner Kollegen, trotz aller Widrigkeiten verdient.



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