Popkritik: Bilderbuch und AnnenMayKantereit: Die Party’s over – Kultur



Wir müssen ihn uns als einen verlorenen Menschen vorstellen, wie er tief in der Nacht im Fond eines Taxis einnickt. Die Party’s over. Er weiß das auch, er will heim. „Ich glaube an die Liebe“, sagt er, „ich lieb‘ mich meistens selbst.“ Mag sein, dass ihn das Taxi vor einem Bungalow der Sorte aufgepickt hat, wie er es in dem gleichnamigen Hit beschrieben hat. Chips und Late Night Show, und Mama kocht für alle. Geiles, sorgenfreies Leben.

Doch die Party’s over.

Und so hat eine Sehnsucht Gelegenheit, in ihm zu wachsen, die als solche erstmal gar nicht zu erkennen ist, weil sie aus Rückversicherungen besteht. „Ich glaube an ein Leben, nicht auf dieser Welt / Ich glaube an Peace, ich glaub‘, ich glaub‘ an Geld / Ich glaub‘ an das Internet, ich glaub‘ an deinen Arsch….“ Und an die Liebe eben auch. Wobei der junge Mann, der uns in den ersten Songs des neuen Bilderbuch-Albums „Mea Culpa“ entgegentritt, das Wort zuweilen wie einen schäbigen Witz ausspricht, „Lübbe, Lübbe, Lübbe“.

Maurice Ernst, Jahrgang ’88, stellt noch so einiges Anderes mit der deutschen Sprache an, denn er ist Österreicher, aus Kremsmünster bei Linz. Keine Ahnung, wie die Leute da sonst sprechen, Ernst jedenfalls zieht die Silben auseinander wie Kaugummi, versetzt seine Sätze mit Amerikanismen wie „Sprit“ oder „snacky“ oder „Success“, letzteres reimt sich gut auf Stress. So baut er sich ein Pop-Idiom zusammen, das derzeit seinesgleichen sucht in der deutschsprachigen Musik. „Angeschossen und ok / Ist die Art wie ich jetzt fühle“, sagt er davon singend, dass sein „Herz bricht auf der Suche nach Liebe“.


So schlimm.

So cool.

Von diesem Fantasia aus zerplatzenden Hollywood-und Selbstzitaten ist es weit zu einem Satz wie: „Die Vögel scheißen vom Himmel / Und ich guck ihnen dabei zu.“ Denn dieser Satz stammt von einem Träumer, einem Schmerzempfindlichen, einem Waisen, dem Tränen aus den Augen rollen, ohne dass er an jemanden denkt. Der beste Freund, gestorben. Die Mutter, gestorben. Beide „viel zu früh“. Vogelschwärme hält er offenbar für bedeutsame Phänomene. „Die Welt ist ein Abgrund“, sagt er. „Aber nicht allen fällt das auf.“

Ende der Privaten Tristesse. AnnenMayKantereit in Spanien, wo sie ihre Musik und für jeden Song ein eigenes Video produziert…Foto: Martin Lamberty

In den Songs von AnnenMayKantereit geht es oft um Erinnerungen und vergangene Bilder. Der Sänger vermittelt den Eindruck, dass die beste Zeit bereits hinter ihm liegt, obwohl das nicht stimmen kann bei dem Erfolg, den Henning May, Christopher Annen an der Gitarre, Schlagzeuger Severin Kantereit und Malte Huck am Bass seit 2015 erleben. Nach gehörigen Anlaufschwierigkeiten und einem jahrelangen Dasein als Straßenmusiker. Aber da ist diese charmante Trübseligkeit, mit der May auf den Alltag blickt. Er, der Alleingelassene, Jahrgang 1991, hat die beste Rocksängerstimme, die man hierzulande hören kann, rau, direkt, älter als alt. Wie kommt die aus einem so schmächtigen Körper? Wenn bei ihm die Party nicht vorbei ist, dann aus dem Grund, dass er gar nicht erst hingeht. „Wenn du heut‘ Abend noch was vorhast“, singt er einmal, „sag mir Bescheid.“

Der Satz ist in seiner melancholischen Passivität eine treffende Zustandsbeschreibung einer Generation, die angesichts der überall aufbrechenden politischen Katastrophen bemüht ist, die Dinge ins rechte Verhältnis zu setzen. Größere Sorgen als unruhige Träume von verregneten, einsamen Landstraßen haben die vier Jungs von AnnenMayKantereit erstmal nicht. Sicher, da ist diese Müdigkeit, dieses Gefühl, dass alles zu viel wird, oder zu langweilig ist, schlafen aber auch nicht hilft, weshalb man die Zeit mit einem Netflix-Western vertrödelt. Aber mehr liegt nicht an. Das soll Unglück sein?
Die Frage nach der richtigen Art, in diesem Land unglücklich zu sein, begleitet den Aufstieg der Band zu einer der großen dieses Landes von Anfang an. Sie seien aus den falschen Gründen mies gelaunt, so lautet der immer wieder erhobene Vorwurf. Die Musiker richten ihn sogar an sich selbst. Aber es nützt nichts. Kaum eine Musik ist derzeit so umstritten wie die von AnnenMayKantereit.

„Wenn du das so sagst“

Kaum eine Musik ist so nah dran wie die von AnnenMayKantereit. Fein ausbalanciert und sparsam instrumentiert sind die Stücke, bedienen sich der Unmittelbarkeit von Tagebucheinträgen, mit Sätzen, wie man sie im Vorbeigehen äußert, etwa wenn der Sänger sich an eine Unterhaltung mit seinen Bruder erinnert, der sagte, am Ende sei man alleine und ziemlich tot. Worauf Henning May meint: „Wenn man das so sieht, dann ist das wirklich so.“
May kann wirklich eine Songzeile daraus machen.

Und er kann sie sogar noch ins Pathetische steigern.

Es ist dieser heilige Ernst des Banalen, der die Kritik schon immer genervt hat. Wer das Glück habe, wie Rio Reiser zu klingen, heißt es oft, sollte gefälligst auch auf die Barrikaden gehen wie der. AnnenMayKantereit jedoch würden sich „einkuscheln“ in einer biedermeierlichen Privatheit. „Statt Diskurs ist Duselei gewünscht“, urteilte „Spiegel-Online“ vor zwei Jahren. Und in der „SZ“ wird das Argument von der Komfortzone nun wiederholt. Man höre bloß die „Resignation eines linksgemütlichen Bürgertums“.
Ist das gerecht?
Sicher, es geht nicht um viel. Auf den ersten Blick um nicht mehr, als zu zweit im Bett zu liegen, während die Stunden verrinnen, zärtliche Gesten, Finger, die „Kreise auf deine Haut malen“. Oder um den Kiffer-Typen, dem mal wieder alles zu viel wird, weshalb er lieber zuhause bleibt, irgendwas runterlädt, irgendwas bestellt, vietnamesisch, statt tanzen zu gehen. Da ist das schöne „Sieben Jahre“ über die Unmöglichkeit, einen Menschen, den man wirklich geliebt hat, hinter sich zu lassen. Sanft instrumentalisiert mit Rhythmusmaschine, E-Gitarre und Mundharmonika. Oder „Schon krass“ mit seiner Stratosphärengitarre, dem Glück des Drogenrauschs und dem Eingeständnis, dass man süchtig danach ist.

Die Seele retten

AnnenMayKantereit-Songs finden in den ungemachten Betten von Leuten statt, die lieber liegen bleiben, als die Welt zu retten. Sie verstecken sich „hinter klugen Sätzen“, ziehen „Konsequenzen, die gar keine sind“. Mit ihrer Seele haben sie genug zu kämpfen.

Diese Stimmungslage findet sich auch bei Bilderbuch wieder, einer artistischen Hochseiltruppe, die auf den ersten Blick nichts mit AnnenMayKantereits Pathos der Intimität zu tun hat. „Mea Culpa“ von Bilderbuch trägt die Selbstanklage schon im Titel, die direkt ins Zentrum der Seelenrettung zielt. Das Album, das als erster von zwei Teilen gedacht ist, löst sich stilistisch von dem Party-Gestus der Vorgänger und tauscht die Funkyness von „Schick Schock“ (2015) und „Magic Life“ (2017) gegen stillere Töne ein.

Auch ihre Musik hat nichts Aufrührerisches, aber das würde man ihr nicht zum Vorwurf machen. Bilderbuch sind Lieblinge des Feuilletons. Vollkommen zu Recht. Songs wie auf „Mea Culpa“ hat man noch zuvor gehört. Zusammengesetzt aus einer Million Einflüsse, von House bis Fusion Jazz, R’n’B und Klassik Rock. Verbunden durch Leitmotive wie der Taxifahrt zu Beginn, dem Drogendelirium auf der Rückbank, Mizzy ist auch wieder dabei. Sich aufbauend, so dass die besten Stücke am Ende kommen. Und verdichtet in einem Arbeitsprozess, den die vier Jugendfreunde in ihrer gemeinsamen Wiener Wohnung weiter intensiviert haben.

Dabei erzählen sie von demselben prekären Leben, das AnnenMayKantereit thematisieren. In „Sandwishes“ machen sie die bemerkenswerte Unterscheidung, dass reiche Kids von ihren Möglichkeiten gestresst sind, während alle anderen Sehnsüchte haben, die ihnen wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. Stress ist die Lieblingsvokabel der vier Österreicher. Es ist alles gelaufen, bevor man aufzustehen geschafft hat. Die Mittagsmenüs, die man sich leisten könnte, sind weg. „Du verdienst jetzt richtig Geld“, heißt es einmal, „doch nicht genug für diese Welt.“ An der Garderobe wird man übersehen. Ein Niemand, abhängend in Megaplex-Kinos, versunken in die „Träume anderer Leute“.

Und wenn dann doch einmal etwas so Wesentliches wie Liebe in den Alltag tritt, dann kann man sie nicht annehmen, so verwirrt oder betrunken oder online, wie man gerade ist. „Viele Shots in meinem Kopf“, singt Maurice Ernst, wobei er das so lustvoll tut, dass die Verführungskraft der schönen neuen digitalen Welt in der Musik ihr Echo durchaus behält.

Man muss den Irrsinn nicht verteufeln, der einen „alles gesehen und ein Gefühl von nix“ haben lässt, wie es in „Megaplex“ heißt. Es gibt kein Außen mehr, von dem aus das möglich wäre. Aber einen Ausweg aus diesem Labyrinth der Oberflächen gibt es dennoch – wenn es auch nur ein abstrakter ist: in die Popmusik. Bilderbuch zerpflücken das Universum, dem sie ihre Träume verdanken. Und einer gängigen Kulturtheorie zufolge, „bemächtigen“ sie sich dadurch seiner. Aber das könnte ein Trugschluss sein. Trotz all der tollen, klugen Einzeiler, die sich auf „Mea Culpa“ finden. Und trotz der mitreißenden Euphorie, mit der hier Künstlichkeit produktiv gemacht wird.

Überall und nirgends

AnnenMayKantereit dagegen kriegen die reine Oberflächlichkeit nicht in den Griff. In dem Song über eine Stewardess („Jenny, Jenny“) versuchen sie es. Und es funktioniert nicht. Das Problem, überall und nirgends zu sein, ist nicht ihrs. Die Band denkt durchaus politisch über ihre Privilegien nach, die sie als Zöglinge eines reichen Landes gegenüber denen genießt, die das nicht sind. „Weiße Wand“ dürfte die Altersgenossen mit seiner gläsernen Neo-Soul-Tristesse mehr für soziale Ungerechtigkeit sensibilisieren als jeder Schlachtruf. Jedenfalls gibt es derzeit kaum bessere Songs, die einem so nahe kommen, dass sie berühren.



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