Popmusikerin Balbina im Interview: „Heute geht es nur noch um Bumsfallera“ – Kultur

Sängerin Balbina kam 1983 in Warschau zur Welt und mit drei nach Berlin.FOTO: CHRISTOPH KASSETTE

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Balbina, im April stellen Sie Ihr neues Album mit dem Babelsberger Filmorchester im Admiralspalast vor. Braucht Ihre Musik diese Epik, diese Breite?

Meine Musik ist sehr aufwendig produziert, das lässt sich in kleinen Clubs leider nicht reproduzieren. Also beschloss ich schon vor einigen Jahren, dass ich statt vieler kleiner Konzerte lieber ausgewählte große Auftritte in Schlüsselstädten gebe und den Sound dann gemeinsam mit dem Orchester so aufführen kann, wie ich ihn für das Album kreiert habe. Das mag größenwahnsinnig klingen, ist mir aber wirklich wichtig.

Wenige Pop-Alben der letzten Jahre klangen so ergreifend und voller Seele wie „Punkt.“– vor allem kein deutsches. Ihre Sprache und Ihr Sound haben sich gewandelt. Wie würden Sie Ihre Entwicklung der letzten Jahre selbst skizzieren?
Vor allem mache ich immer noch Popmusik (lacht). Ich finde es wahnsinnig schade, dass das Niveau für Pop mittlerweile so niedrig ist, dass etwas aufwendigere Musik sofort aus dem Raster fällt. Es bedrückt mich, dass man mich gern in eine komplett abstruse Nische schiebt, in der ich mich selbst gar nicht unbedingt verorten würde. Häufig bekomme ich das Feedback, dass meine Musik zu kantig oder zu sperrig für Pop sei. Oder dass ich Worte verwende, die nicht ins Radio passen. Wie trist ist es denn, wenn man für einen Popsong nur noch 50 Begriffe oder eine bestimmte Struktur verwenden darf? Denken wir doch nur mal an die Achtziger und an David Bowie. Wäre er aktuell Newcomer, man würde ihn niemals im Mainstream- Radio spielen. Einen Song wie „Bohemian Rhapsody“ auch nicht. Heute geht es nur noch um Bumsfallera-Musik.

Wie karriereschädlich ist es, als Künstlerin bei all diesem Zirkus mit freizügigen Fotos, Autotune-Effekt und angesagten Feature- Gästen nicht mitzumachen?
Ich bin ja in meinen Dreißigern und habe mittlerweile eine Menge gelernt. Ich habe mir eine gewisse Gelassenheit angeeignet, die meisten Dinge interessieren mich einfach nicht mehr. Man wird mich nicht auf Branchenveranstaltungen treffen, ich schaue mir das Trauerspiel bei Preisverleihungen nicht an und bewege mich am liebsten in meiner Blase, mit meinen Fans, meinen Musikern und meinem Umfeld.

Haben Sie mit Polkadot deswegen auch Ihr eigenes Label gegründet?
Ich wollte nicht noch mehr mit irgendwelchen Menschen diskutieren müssen. Ich habe zwar auch damals bei Sony gemacht, was ich wollte, doch ich war es leid, meine Entscheidungen über Wochen erklären und rechtfertigen zu müssen. Daran habe ich viel zu viel Energie und Zeit verschwendet. Jetzt kann ich mich auf die Musik und die Inszenierung konzentrieren. Auf das, was Spaß macht. Ich musste raus aus diesem Hamsterrad der Frustration. Die Gründung meines eigenen Labels war somit der Schlusspunkt hinter dieser alten Geschichte und der Beginn der neuen. Deswegen heißt dieses Album „Punkt.“

Hätten Sie es als männlicher Künstler genauso schwer gehabt?
Diese ganze Geschichte befindet sich mittlerweile auf dem Weg der Besserung. Als ich in die Popmusik einstieg, war das noch ganz anders: Da waren die Typen immer die, die den vollen Durchblick hatten. Die Mega-Entscheider, denen man blind vertrauen konnte. Wenn eine Frau hingegen eine klare Vision von ihrer künstlerischen Linie hatte und die auch durchsetzen wollte, war sie sofort die anstrengende Zicke. Bei den großen Plattenfirmen ist das zwar immer noch so, aber es tut sich was. Weil wir mittlerweile darüber reden.

Was hat die Arbeit an „Punkt.“ mit Ihnen gemacht? Was wissen Sie über sich, das Sie zuvor nicht wussten?
Ich weiß, dass es okay ist, die Emotion bei der Gesangsperformance über die Perfektion zu stellen. Ich habe intensiv an meiner Stimme gearbeitet. Dabei stellte ich fest, dass viel mehr rüberkommt, wenn ich den Leuten bei den Aufnahmen narrativ etwas vorsinge – und nicht allein in der Gesangskabine stehe. Das war eine Offenbarung.

Heute sind Sie eine Ausnahmeerscheinung, früher waren Sie eine Außenseiterin. Gibt es da einen Zusammenhang?
Auf jeden Fall. Er war mir nur lange gar nicht richtig bewusst, glaube ich. Natürlich war meine Schulzeit eine Tortur, aber ich habe dadurch gelernt, mich auf das zu konzentrieren, was ich kann, was mich glücklich macht. Ich habe mir damals ein dickes Fell angeeignet. Ohne dieses dicke Fell wäre ich längst nicht mehr in der Musikbranche. Wer, wie ich, etwas tut, das nicht gefällig ist, der muss einiges aushalten können. Wer weiß, vielleicht hat mich das Schicksal einfach durch diese harte Zeit geschickt, damit ich später gewappnet bin.

Wann haben Sie sich erstmals als Außenseiterin wahrgenommen?
Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich mich jemals nicht so gefühlt habe. Ich war immer die Außenseiterin, habe viel gelesen, war still. Früher war ich nur von Menschen umgeben, die nichts mit mir anfangen konnten, mich nicht verstanden. Da wird man schnell zur Zielscheibe. Lange habe ich darin nur mein eigenes Unvermögen gesehen. Ich hatte das Gefühl, nicht dazuzugehören. Irgendwann merkte ich, dass ich gar nicht versuchen musste, in einen bestimmten Rahmen zu passen, sondern dass ich mir meinen eigenen Rahmen schaffen musste. Heute weiß ich: Man muss nicht sich verbiegen und anpassen. Sondern die Umstände.
„Punkt.“ erscheint am 10.1. bei Polkadot/BMG. Konzert: 24.4. Admiralspalast

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